Unglaublich, wie sich ein junger Verwaltungsrat über ältere Frauen äussert.

(Illustration: ron&joe)

Das Nachtessen begann locker und gemütlich. Die Kündigung des Gastgebers, nennen wir ihn Robert, Geschäftsleiter eines diversifizierten Gastrounternehmens mit rund 80 Mitarbeitern, lag zwar in der Luft, zumal noch niemand die Ursache kannte. Dann wurde sie nach ein paar Runden small-talk doch noch zum Thema.

«Mir wurde gekündigt, weil ich zu oft Nein gesagt habe», sagte Robert. Nein gegen den Ersatz der von Menschen geführten Reception (4 Personen, 365 Tage im Jahr, 24 Stunden) durch Check-in-Automaten. Nein zur Umstellung des Restaurants auf Selbstbedienung. Nein zum Ersatz älterer Mitarbeiter mit Erfahrung durch junge Ausländerinnen mit 3200 Franken Monatslohn.

Dann fiel der Satz, der mich sprachlos machte. Ein neues Mitglied des Verwaltungsrats sagte Robert nach dem ersten Rundgang durch die Betriebe: «Wie lange wollen Sie warten, bis Sie die alten Weiber ausmisten?» Robert, durchaus kein zimperlicher Mann, aber ein Mensch mit Gefühl und Herz, weinte, als er dies erzählte.

Wir versuchten, uns ein Bild der Motivation hinter Roberts Kündigung zu machen. Was sagen die Zahlen? Die Firma hat ein Aktienkapital von einer Million Franken und machte zwei Jahrzehnte lang Gewinne zwischen 500 000 und einer Million – Renditen im Bereich von Goldgruben. Nach einer Umstellung des Betriebs vor zehn Jahren fielen die Gewinne auf rund 250 000. Das ist zwar viel weniger, aber immer noch eine schwindelerregende Kapitalrendite von 25 Prozent. Für den Verwaltungsrat trotzdem zu wenig.

«Wie lange wollen Sie warten, bis Sie die alten Weiber ausmisten?»

Also wird gespart, wo es nur geht. Wenn irgendwie möglich, wird nicht mehr bei lokalen Lieferanten eingekauft, sondern übers Internet beim Allerbilligsten, gerne auch in Fernost. Und vor allem müssen die Personalkosten gesenkt werden. Und jetzt muss der Satz noch einmal fallen, damit die geldverseuchte, menschenverachtende Denkweise der mitteljungen Verwaltungsräte klar wird: «Wie lange wollen Sie warten, bis Sie die alten Weiber ausmisten?»

Wie verbreitet ist dieses Denken in der Wirtschaft? Ich weiss nicht, wie Verwaltungsräte ausserhalb des Protokolls denken und reden. Aber der Gang der Dinge zeigt klar: Die steigende Arbeitslosigkeit erfahrener Menschen ist ein erhebliches Problem – und ein Teufelskreis dazu. Wenn Manager, denen vor lauter Profitdruck die Menschlichkeit abhandenkommt, ausgerechnet die Menschen mit Herz und Erfahrung auf die Strasse stellen, dann bewegen wir uns mit exponentieller Beschleunigung auf eine ziemlich herzlose Gesellschaft zu. Ob die Wissenschaftler dann die Ursache für die Zunahme der Herz-Kreislauf-Todesfälle herausfinden werden?

Was tun? Ich habe Robert empfohlen, den Frauen ab 50 im Visier des Verwaltungsrats zu kündigen, mit genauer Nennung des Zitats, damit die Kündigung am nächsten Tag in den Schlagzeilen erscheine und die Schweiz aufschreie. Damit die Kündigung dann wieder rückgängig gemacht werden könne und dort gemistet würde, wie die Kacke wirklich dampft.

Aber dazu ist Robert nach über 20 Dienstjahren zu loyal. Er empfiehlt den Frauen auch nicht, sich nach anderen Stellen umzusehen; einige haben sich trotzdem schon auf Arbeitssuche gemacht. Sie spüren, was die Kündigung des Mannes, der zu oft Nein sagte, auch für sie bedeutet.

Vielleicht würde der Aufschrei auch feministisch verwendet. Die bösen Männer und die armen Frauen! Ja, auch, und immer wieder. Aber es geht hier weniger um das Geschlecht als vielmehr um die Geldseuche, die um sich greift und den Einen den Verstand raubt und allen Anderen die Zukunft, die alle Werte in Geld verwandeln muss und alles dem einen Massstab unterwirft, einer Zahl auf dem Konto, von der wir nicht einmal wissen, wie wirklich sie ist. (Geld ist kein Wert, sondern besteht aus grösstenteils unbezahlbaren Schulden.) Aber diese Krankheit wollen wir vorläufig nicht erkennen. Das macht sie so gefährlich. Tröstlich ist nur: Wer sie versteht, kann sich heilen.    

 

Über

Christoph Pfluger

Submitted by admin on Do, 07/13/2017 - 08:33

Christoph Pfluger ist seit 1992 der Herausgeber des Zeitpunkt. "Als Herausgeber einer Zeitschrift, deren Abobeitrag von den Leserinnen und Lesern frei bestimmt wird, erfahre ich täglich die Kraft der Selbstbestimmung. Und als Journalist, der visionären Projekten und mutigen Menschen nachspürt weiss ich: Es gibt viel mehr positive Kräfte im Land als uns die Massenmedien glauben lassen".

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