Demokratie retten - jetzt handeln.

In den 80er Jahren haben neoliberale Eliten in den USA, UK und Deutschland die Macht in Politik und Wirtschaft übernommen. Von "dem Volk" weitgehend entkoppelt, treiben sie immer mehr Menschen an den Rand der Demokratie.

Das druckfrische Buch gehört zu den wichtigen Neuerscheinungen dieses Jahres. Es hilft zu verstehen, wie der Aufstieg der Rechten in Deutschland, Europa und in den USA von neoliberalen Eliten vorangetrieben wurde (und wird). 

Hartmanns These: Die Eliten haben sich völlig von der Lebenssituation der großen Mehrheit der Menschheit entkoppelt und  das zerstör die Grundlagen der Demokratie. Hartmann zeigt auf, wie der Neoliberalismus sich zu einem folgenreichen Komplott der Mächtigen gegen das Volk verwandelt. 

Faktenreich und gut geschrieben, analysiert Hartmann auf 250 Seiten die aktuelle Lage, erklärt den Unterschied zwischen den Eliten in den USA, Großbritannien, Frankreich und Deutschland. Elite ist, so seine Definition, wer die Macht hat seine Umgebung zu beeinflussen und nach seinem Willen zu gestalten. 

Frankreichs Elite ist am homogensten

Frankreichs Elite kommt einer Oligarchie am nächsten. Wirtschaft und Politik, sind so eng verbandelt, dass sie im Grund eine eigene Klasse sind. In England kam es seit Thatcher zu einer stärkeren  Durchmischung  alter und neuer Eliten. Die traditionell arbeiterfreundlichen politische Strukturen wurden brutal zerschlagen. In den USA gab es bis zur Ära Charter eine demokratisch orientierte Elite. Inzwischen wird das Land vollständig von den Kapital- und Finanzeliten beherrscht. In Deutschland sorgten die Volksparteien sehr lange dafür, dass die Regierung auch das Wohlergehen der normalen BürgerInnen verfolgte. Seit 2002, in der Ära Schröder und Schilly, kommen Eliten an die Macht, die sich mehr den Interessen des Kapitals und dem eigenen Geldbeutel verpflichtet fühlen, als den Wählern.

Der Neoliberalismus Anfang der 80er Jahren brachte überall die Wende

Mit sehr viel Detailwissen beschreibt Hartmann, wie seit 2002 Agenten der Kapital- und Finanzeliten die Regierung unterwandern und nennt Namen. SPD-Größen wie Hans Eichel, Peer Steinbrück und Olaf Scholz kommen dabei schlecht weg. Ihre Personalauswahl führte dazu, dass die Kapitalinteressen heute Gesetzgebung, Finanz- und Wirtschaftspolitik dominieren.

Akribisch nimmt Hartmann das Vorgehen und die Folgen des Neoliberalismus aufs Korn. Er beschreibt  die Umverteilung von unten nach oben. Wie die Reichen immer reicher werden, während die Armut zunimmt, der Mittelstand schwindet. Und er kommt zu einem verheerenden Befund:  Wir befinden uns heute verteilungspolitisch - daher der Einstieg mit Stefan Zweig – in der gleichen Lage,  wie Europa vor dem ersten Weltkrieg. Aber wir wissen auch, wohin es führte: Erst kommt der Krieg nach Innen und dann nach außen.

Dass die Agenten und Profiteure dieser katastrophalen Entwicklung kein schlechtes Gewissen haben, sondern sich ganz im Gegenteil, in ihrer Rolle wohl fühlen, schildert er in Kapitel vier. Er beschreibt die Steuerhinterziehung der Superreichen, absurde Gehaltssteigerungen für die Eliten in Wirtschaft und Politik, und wie ElitenvertreterInnen dieses Verhalten vor sich selber und anderen legitimieren: Ihr fehlendes Unrechtsbewusssein.  Dass auch Menschen wie der Fußballgott Ulli Höness, Alice Schwarzer oder ein  Sparkassenpräsidenten zu diesen schwarzen Schafen gehören, ist moralisch ein so verheerendes Signal.. Die Abkehr vieler Wähler von diesem Staat ist sehr verständlich.

Ohne Unrechtsgefühl

Die völlige Entfremdung von der Lebenssituation „des Volkes“  und von denjenigen, die unter den Folgen asozialer, neoliberaler Politik leiden und die Zeche zahlen ist fatal. Wie soll sich ein VW-Vorstand, der täglich über 3000 Euro Rente bekommt, sich auch vorstellen können, in welcher Existenzangst Millionen von prekär beschäftigter Arbeitnehmer, Aufstocker, Alleinerziehende, Jugendliche, Jungwissenschaftler und Hartz Vier Bezieher heute leben?

Ganz abgesehen von dem offensichtlichen Versagen des Staates bei der Daseinsvorsorge in anderen Bereichen: Infrastruktur, Pflege, Bildung. Hartmann belegt außerdem: Der Reichtum, in dem sie schwimmen, hat nichts mit persönlicher Leistung zu tun. Elite wird nur, wer schon als Elite geboren wird. Ihr Reichtum ensteht, durch Ausbeutung der Armen und wird neuerdings von Komplizen in Politik und Verwaltung gedeckt. 

Krieg der Mächtigen, gegen die Machtlosen, der Reichen gegen die Armen

Wer sich angesichts der unerbittlichen Härte dieses Kriegs der Reichen gegen die Armen, der Mächtigen gegen die Machtlosen, über den Aufstieg der Rechten wundert, hat nichts verstanden.  

Für Hartmann sind daran auch die Medien schuld. Auch sie gehören - soziologisch betrachtet - durch Herkunft und Stellung, zu den Eliten. Und als Besserverdienende und Profiteure nehmen auch sie – wie könnte es anders sein – den Blick „von oben“ ein.

Auch die Medien haben einen Blick "von oben"

Auch wir - die Medien -  müssen uns an die eigene Nase fassen. Wir sollten viel öfter die Welt „von unten“ betrachten.  Mitgefühl und Solidarität haben nicht nur Migranten und die Opfer in aller Welt verdient, sondern diejenigen, die in unserer direkten oder indirekten Nachbarschaft leben. 

Schon in der Einleitung macht Hartmann auf diesen besonders wichtigen Aspekt aufmerksam. Fake News wurden nicht von Donald Trump erfunden. Die Medien haben viele Fake-News verbreitet: Dass die Globalisierung alles besser mache, die Deregulierung der Banken uns alle reicher machen, dass man in den Irak einmarschieren müsse, weil dort Giftgas liege etc. Eine Liste, die man mühelos stundenlang verlängern kann. 

Michael Hartmann
Die Abgehobenen
Wie die Eliten die Demokratie gefährden
276 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen
EUR 19,95/EUA 20,60/sFr 25,30
ISBN 978-3-593-50928-0

Nachbemerkung

Stefan Zweig, Autor eines umfangreichen literarischen Werkes und brillanter Kenner der europäischen Geschichte schrieb kurz vor seinem Selbstmord (1942) das Buch „Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers.“  Das Buch ist aktueller denn je. Zweig beschreibt ausführlich das Vorkriegseuropa.  Den von der Jugend als Stillstand empfundenen Wohlstand vor dem ersten Weltkrieg, seine Begegnungen mit den Großen seiner Zeit, von Rilke über Rodin bis Heinrich Hertz und Stresemann, und den plötzlich aufflammenden Nationalismus vor dem ersten Weltkrieg.

Eindrucksvoll beschreibt er, wie die deutsch-französische Freundschaft sich in wenigen Wochen in einen fanatischen Hass verwandelte, dessen Sog sich der Pazifist Zweig entzog.  Zwei Jahre wurde er deshalb als „Verräter“ von guten Freunden gemieden, bis sich – angesichts der blutigen Realitäten des Krieges – die Stimmung drehte.

Für die Machtergreifung Adolf Hitlers macht er seine eigene Klasse verantwortlich.  Die Eliten hätten sich einfach nicht vorstellen können, dass ein „Nichtakademiker“ die Herrschaft an sich reißen kann. Seine Klasse sei ihrem Hochmut erlegen.  

Dies vorweg angemerkt, bekommt das  Buch „Die Abgehobenen“ von Micheal Hartmann noch mehr Relevanz

06. Oktober 2018
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