Der Kongokrieg im Gerichtssaal

Über sechs Millionen Tote hat der Kongokrieg bereits gefordert. Alle blieben ungesühnt. Filmemacher Milo Rau hat die Verbrechen als fiktives Tribunal in einem Dokumentarfilm aufgearbeitet

Milo Rau anlässlich der Präsentation des Films im Dorf Mushinga, Süd-Kivu, im Juli 2017 © Vinca Film

Laut klopft Jean-Louis Gilissen, Mitbegründer des Internationalen Strafgerichtshofes in Den Haag, mit dem Hammer auf den Tisch. Man könne sich jetzt wieder setzen, das Kongo Tribunal sei eröffnet. Alte Holzstühle knorzen, vereinzeltes Murmeln und Räuspern geht durch den Gerichtssaal, bevor wieder eine seltsame Ruhe einkehrt und die ersten Beweismittel vorgeführt werden.

Bereits über sechs Millionen Tote hat der Kongokrieg in mehr als 20 Jahren gefordert. Doch die Bevölkerung leidet unter Straflosigkeit, keines dieser Verbrechen wurde je untersucht. Der preisgekrönte Schweizer Filmemacher und Theaterregisseur Milo Rau hat 2015 in der Demokratischen Republik Kongo und in Berlin ein Tribunal inszeniert, das die Menschenrechtsverletzungen anprangert. Aus dem über 500-stündigen Filmmaterial entstand der Dokumentarfilm «Das Kongo Tribunal», der ab sofort in den Schweizer Kinos läuft.

«Als Künstler kann man einen symbolischen Raum schaffen und aufzeigen, was eigentlich in der Realität passieren sollte», sagt Milo Rau. So war das Tribunal zwar fiktiv, die Teilnehmer jedoch nicht: im Zeugenstand stehen Direktbetroffene, Opfer wie Täter, als Richter treten internationale Fachleute auf und verhandeln die mehrtägigen Hearings.

«Die Schweiz ist eine der weltweit wichtigsten Drehscheiben für Rohstoffhandel, insofern ist sie der Hauptprofiteur von diesem Konflikt im Kongo.»

Präsentiert wird dabei ein erschütterndes Tableau von Verflechtungen: So stehen nicht nur die Rebellengruppen oder Politiker des kongolesischen Staates im Mittelpunkt, vielmehr werden auch die internationale Gemeinschaft, multinationale Rohstoffkonzerne, Weltbank und EU an den Pranger gestellt. Auch wenn die jeweiligen Analysen mehr in die Tiefe gehen dürften, so schafft Milo Rau es eben genau mit dieser Dichte die verschiedenen Teile des jahrelangen Krieges zusammenzufügen und so ein Abbild seiner Komplexität und zahlreichen Verbindungen, auch zu unserem europäischen Alltag, herzustellen. Für Milo Rau ist dabei auch die Rolle der Schweiz zentral: «Die Schweiz ist eine der weltweit wichtigsten Drehscheiben für Rohstoffhandel, insofern ist sie der Hauptprofiteur von diesem Konflikt im Kongo.» 

Neben dem jetzt erscheinenden Film wird es bald ein Internetarchiv geben, in dem das komplette Filmmaterial abrufbar sein wird. Ausserdem erschien dieses Jahr ein Buch zum Projekt und ein Computerspiel wurde entwickelt. Das Kongo Tribunal geht weiter.

Der Film läuft ab Do 23.11 in den Deutschschweizer Kinos:

24. November 2017
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