Der Rufer in der Häuserwüste

Benedikt Loderer ist der heftigste Kritiker der «Hüslischwiiz» und der überzeugendste Verfechter der Siedlungsverdichtung. Aber eigentlich will er nur Stadtwanderer sein.

Dieser Mann ist die Ruhe selbst. Er redet besonnen; dreht liebevoll einen Stift zwischen den Fingern; seine Augen wirken ernst und müde, doch sie sehen alles – und sie haben alles gesehen: was schief lief beim Planen und Bauen in der Schweiz und noch immer schief läuft. Dagegen schreibt und redet Benedikt Loderer an, seit Jahrzehnten.

Er wohnt mit seiner Frau in einem Altstadthaus in Biel. «Ich bin ein Stadtmensch. 20 Jahre Bern, 40 Jahre Zürich, noch 20 Jahre Biel, dänn butzt s mi.» Solche prägnanten Sätze sind sein Markenzeichen. Benedikt Loderer ist kein Plauderer, er bringt alles auf den Punkt. Unter seinen Kolumnen fürs Bieler Tagblatt steht: Architekt, Journalist, Stadtwanderer. Was ist er nun? «Stadtwanderer längt», sagt der gebürtige Berner, so steht es auch auf seiner Visitenkarte. Einer also, der den Leuten die alte Wahrheit vor Augen stellt: Man sieht nur, was man weiss.
Und wie ist Loderer Schreiber geworden? Nach dem ETH-Diplom in Architektur begann er unter anderem für den Tages-Anzeiger zu schreiben, weil die Redaktion niemanden hatte, der sich in Architektur auskannte. Eine feste Stelle hatte er nie, dann schrieb er seine Dissertation. Ihr Titel ist ganz Loderer: «Der Innenraum des Aussenraums ist Aussenraum des Innenraums. Begriffbestimmung ‹Stadtraum›». Jung wie er war, wollte er wie Le Corbusier werden. Doch weil er weit mehr schrieb als zeichnete, wurde er Schreiber, ohne dass er es wollte. «Mein opus magnum war der Anbau des Hotels Bellevue in Bern als Projektleiter und Projektarchitekt.»

Das Kind des kinderlosen Loderers heisst Hochparterre. Er hat die renommierte Zeitschrift für Architektur, Planung und Design 1988 mitbegründet und wurde Chefredaktor. Aktionär kann nur werden, wer auch da arbeitet; wer die AG verlässt, muss seine Anteile den andern Aktionären verkaufen. «So bleibt die Kontrolle im Haus; das ist einer der Gründe, weshalb das Hochparterre noch existiert.» Inzwischen macht es rund vier Millionen Franken Umsatz im Jahr.
Seit seiner Pensionierung 2010 hat Benedikt Loderer rund hundert Kolumnen für das Bieler Tagblatt geschrieben, jeden Monat eine: konzis, präzis, eindeutig. Oft werde er auf der Strasse darauf angesprochen – aber nur von jenen, die seine Ansicht teilen. «Wer nicht einverstanden ist, macht die Faust im Sack, und wer noch dazu Einfluss hat, beschwert sich beim Chefredaktor.» Ist ihm als Schreiber die Diskussion wichtig? «Kolumnen schreiben ist eine einsame Angelegenheit.» Seine Themen findet er überall, notiert sie sich, sammelt sie. Er denkt zwei Sekunden nach und verrät zwei Ideen: «Der Steuerzüchter», der Hirte des Steuersubstrats, auf dem er Steuern züchten muss. Der Stadtentwickler, der vor allem ein «Kaufkraftlenker» ist. Das ist sie, die Loderer’sche Mischung aus Ernst, Ironie und Lust am Spiel mit der Sprache. «Man sollte stets eine Kolumne voraus sein, aber das bin ich natürlich nie.»

«Ich bin der älteste junge Grüne der Schweiz»
Auch Westast so besser! ist eine seiner Arbeiten. So heisst die Abstimmungszeitung des Komitees «Westast so nicht!» Es geht um den westlichen, den zweiten Teil der Stadtautobahn A5. Beim Nationalstrassenbau gilt: Die Direktbetroffenen haben nichts zu sagen. Dagegen muss man sich wehren. Wie? Mit einem besseren, billigeren Gegenprojekt. Loderers zweites Kind heisst Engagement. Er hat sich nie gescheut, den Finger auf wunde Punkte in der Bauplanung zu legen. Er engagiert sich politisch, ist im Komitee der Zersiedelungsinitiative der Jungen Grünen. «Ich bin der älteste junge Grüne der Schweiz», sagt der 72-Jährige. Sein Statement auf der Website des Komitees: «Was grün ist, muss grün bleiben. Es geht nicht darum, die Zersiedelung zu zähmen, wir müssen sie beenden.» Er wird nun lauter und fast ungehalten: «Schaut euch doch die Schweiz an! Gefällt sie Ihnen? Wir haben seit 1950 mehr gebaut als alle Generationen seit den Römern insgesamt. La Suisse gonflée!»

Doch was schlägt er vor gegen die aufgeblähte Schweiz? Als erstes sei das Baugebiet zu schliessen: keine Ausdehnung mehr, keine neuen Bauzonen. «Wer Grün vergraut, muss Grau vergrünen, also Realersatz bieten wie beim Wald: Wer rodet, muss aufforsten.» Und: «Wir müssen den Baubestand verdichten, wo er dünn ist – also den Platz in den Hüslilandschaften. Wir müssen aufstocken und anbauen.» Als erstes sei der Grenzabstand abzuschaffen, da keiner seinen Vorgarten nutze. «Aber solang Geld da ist, wird gebaut. Solang Land verfügbar ist, wird zersiedelt.» Sind die Architekten in der Pflicht? «Die Hüslimenschen gehen zu den Hüsliwürgern, wer die Architekten prügelt, sollte auch die Bauherren verhauen.» Der Hausbau ausserhalb der bestehenden Wohngebiete werde subventioniert, weil die Erschliessung weitgehend von der öffentlichen Hand bezahlt werde. Das Problem sei, wie die «Hüttli» rumstehen, wo sie stehen und dass sie Verkehr erzeugen. «Keiner, der im Stau steht, ist mitschuldig am Stau – die andern sind es.» Loderer verlangt Kostenwahrheit und dass Baulücken geschlossen werden. Aber die Einzonungen seien das wichtigste Geschäft gewesen in den letzten fünfzig Jahren: für die Gemeinden, die Architekten, die Handwerker.
Loderer bringt das Wort Bestandesgarantie ins Spiel und wird grundsätzlicher. «Wir sind beherrscht von Verlustangst. Wir verteidigen längst nicht mehr unsere Unabhängigkeit, nur noch unseren Wohlstand. Wir glauben, wir hätten ein Recht darauf, dass es uns immer besser geht – darum zonen wir weiter Bauland ein. Das Staatsziel der Schweiz lautet: Wir sind reich, reich wollen wir bleiben und noch reicher wollen wir werden. Aber was ist, wenn die Hypothekarzinsen steigen?»

Resigniert Benedikt Loderer nie? «Mein Lieblings-Philosoph Günther Anders hat gesagt: ‹Wenn ich verzweifelt bin, was geht’s mich an?›» Keine Altersweisheit? «Alterswut ist angemessener.» Er sorgt sich, dass der Mensch erst etwas unternehme, wenn der Leidensdruck gross genug ist. Das Bauland sei genauso teuer wie die Kaufkraft der Leute. Zu teuer seien Wohnungen und Häuser erst, wenn sie sich nicht mehr verkaufen liessen. Haben wir zu viel Geld? «Aber ja. Das System erwürgt sich selbst. Aber wir zahlen einen hohen Preis.» Ist Benedikt Loderer ein Pessimist? «Nein, ich bin Realist, ich schaue mir die Fakten genau an. Aber wir können recht gut verdrängen.» Er fühlt sich als Aufklärer, aber nur lokal könne man etwas bewirken. «Es nützt mehr, wenn ich mich für den Westast engagiere als für den Weltfrieden.»

Die Agglomeration ist die heutige Form der Stadt
«Die Schweiz ist eine ziemlich grosse Agglomeration», hat Loderer einmal geschrieben. Nun präzisiert er: «Die Schweiz ist vollkommen urbanisiert. Es gibt zwar noch ländliche Gegenden, aber kein ländliches Leben mehr.» Die Agglomeration sei die heutige Form der Stadt. «Positiv an ihr ist, dass sie die einzige lebendige Gegend im Land ist und nicht ‹untouchable›, unberührbar wie die Stadtkerne.» Für Loderer sieht die Schweiz aus «wie ein Leopardenfell: ein einziger Flickenteppich, kein Siedlungsbrei zwischen Genfersee und Bodensee, wie manche behaupten.» Er sieht einen klaren Zusammenhang zwischen dem Nationalstrassenbau und der Siedlungsentwicklung: Die Arbeitswege werden länger, der Zeitaufwand bleibt gleich.
Wenn Benedikt Loderer drei Wünsche frei hätte für die Schweiz? Er überlegt keine Sekunde: «Die Baugebiete schliessen. Kostenwahrheit im Verkehr, auch im ÖV. Schönes Wetter – es ist gut für die Gesundheit und für den Charakter.» Und was ist seine grösste Angst? «Dass die Deppen in Biel die zwei Autobahnausfahrten bauen können.»       

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Benedikt Loderer ist 1945 in Bern geboren. Lehre als Bauzeichner, Matura auf dem zweiten Bildungsweg, Studium der Architektur an der ETH Zürich. Anstellung als Architekt, freier Journalist, Architekturkritiker. 1981 Promotion. Mehrere Hörspiele und ein Fernsehstück. Redaktor der Zeitschrift aktuelles bauen, 1988 Mitgründer der Zeitschrift Hochparterre, bis 1997 Chefredaktor, dann Redaktor und immer auch Stadtwanderer. 2012 Buch «Die Landesverteidigung» über die Zersiedelung der Schweiz, Edition Hochparterre.
Link zur Initiative: www.zersiedelung-stoppen.ch

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Über

Dieter Langhart

Submitted by Nicole on Do, 07/13/2017 - 16:16

1956 geboren, Studium Anglistik und Germanistik in Zürich. Unterrichtete Englisch und Deutsch an Höheren Fachschulen bis 2011, seither Kulturredaktor bei Thurgauer Zeitung/St. Galler Tagblatt, seit Juli 2017 in Teilzeit. Redaktion/Layout „Gallispitz“ Winterthur.

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