Die Digitalisierung des Geistes

Deutsche Professoren rebellieren gegen den vormundschaftlichen IT-Staat

CC: MaxPixel

In einem offenen Brief kritisieren Medienwissenschaftler die deutsche Bildungspolitik. Anlass ist eine neue Bund-Länder-Vereinbarung, der zufolge Schulen digital massiv aufgerüstet werden sollen. Geht es nach der (bisherigen) Bildungsministerin Johanna Wanka, sollen dafür 5 Milliarden Euro ausgegeben werden. Mit diesem Geld könnten sinnvollere Bildungsprojekte gefördert werden, meinen die Initianten, die Anfang 2017 das Bündnis für humane Bildung gegründet haben. Ausserdem würde das Geld nur einen kleinen Teil der erwarteten Kosten decken; unabsehbare finanzielle Mehrbelastungen für die Schulen seien die Folge. Doch Richtlinien für die Gestaltung von Bildung dürften nicht von den Gewinninteressen der IT-Branche abhängig gemacht werden.

«Seit wann orientieren sich Bildungsprozesse … an den Update-Zyklen der IT-Wirtschaft?» Das fragt die Forschergruppe, zu der auch der renommierte Psychiater und Buchautor Prof. Manfred Spitzer gehört. «Geräte der Unterhaltungsindustrie verpflichtend in den Unterricht zu integrieren ist weder pädagogisch noch bildungspolitisch zu begründen.» Es missachte zudem die grundgesetzlich verankerte Methodenfreiheit der Lehrenden. Solche Massnahmen «bedienen ausschliesslich Partikularinteressen der IT-Wirtschaft und der Arbeitgeberverbände». Besser wäre, aus schon gemachten Fehlern anderer zu lernen: «Letztes Jahr wurden in Australien die für 2,4 Milliarden Dollar angeschafften Laptops wieder eingesammelt, weil die Schüler alles Mögliche damit gemacht haben – nur nicht gelernt.» Der Mythos alleinseligmachender Digitalisierung sei unbegründet: «Bislang sind alle Versuche der Automatisierung und Technisierung des Lernens gescheitert.» Man solle endlich die Warnung von Neurobiologen ernst nehmen, «dass die Nutzung digitaler Medien bei Kindern zu Schädigungen in der Gehirnentwicklung führen kann». Sogar Andreas Schleicher (Direktor des Direktorats für Bildung der OECD) wurde deutlich: «Wir müssen es als Realität betrachten, dass Technologie in unseren Schulen mehr schadet als nützt.» Angesichts dessen finden der Experte für Digitale Medien Prof. Gerald Lembke und Kollegen es «mehr als irritierend», dass Kultusminister öffentliche Bildungseinrichtungen «zum Einsatz und Nutzen bestimmter Medientechniken zwingen wollen. Sie beschädigen sowohl den im Grundgesetz festgeschriebenen Föderalismus wie die Grundrechte der Lehrenden.» Es würden Entscheidungen auf Bundesebene zentralisiert, «die kompetent nur in den Schulen vor Ort entschieden werden können».

Wohin diese Schulpolitik führt, zeigen angelsächsische Länder schon heute: «Jeder, der es sich leisten kann, schickt seine Kinder auf Privatschulen und später Privatuniversitäten, an denen sie von realen Lehrkräften klassisch unterrichtet werden. An öffentlichen Schulen hingegen sitzen Kinder und Jugendliche immer häufiger am Bildschirm und werden per Software und synthetischer Computerstimme beschult und geprüft.» Doch «nicht Medientechnik oder Computer, sondern der Mensch ist des Menschen Lehrer». Beim Einsatz von Medien sollten in erster Linie pädagogische Kriterien massgeblich sein. Offenbar besteht der Verdacht, dass in diesem Punkt die Wahrheitsliebe mancher Wissenschaftler zu wünschen übrig lässt – bis hin zu groben Fehlern in Gutachten. Ein aktuelles Beispiel ist das im Mai 2017 veröffentlichte Gutachten «Bildung 2030» der Vereinigung der Bayrischen Wirtschaft (vbw). Die dreizehn angesehenen Wissenschaftler des Gutachtens führten eine Studie ins Feld, die de facto genau das Gegenteil von dem beweist, was sie angeblich beweisen soll. Die Studie sagt unmissverständlich: Die vermehrte Anwendung von Computern bei Schülern führt zu «statistisch signifikant niedrigeren Kompetenzen» in den Bereichen Mathematik und Naturwissenschaften. Doch die Gutachter machten daraus «statistisch signifikant höhere Kompetenzen» – eine glatte Umkehrung der Fakten. Immerhin haben die Verantwortlichen den «Irrtum» inzwischen zugegeben; bei ihrer Meinung bleiben sie aber dennoch. «Das heisst auf gut deutsch: Was immer sogar selbst in Auftrag gegebene Studien ergeben – die Digitalisierung von Schule und Unterricht bleibt das Ziel der Wirtschaftsverbände und der ihnen zuarbeitenden Wissenschaftler.»


Bündnis für humane Bildung: www.aufwach-s-en.de

Über

Ingo Hoppe

Submitted by reto on Mi, 09/27/2017 - 11:19

Ingo Hoppe 
studierte Philosophie und Geschichte in Basel; seit 1999 als freier Journalist unterwegs. Die Universitätsreform (Bolognaprozess) verarbeitete er in dem Buch: Der freiheitliche Universitätsbegriff Wilhelm von Humboldts (fiu-verlag.com). Desweiteren veröffentlichte er über die Zukunftsvision des russischen Philosophen Wladimir Solowjew: Eine kurze Erzählung vom Antichrist (urachhaus.de). Aktueller Schwerpunkt ist die Erforschung spiritueller Inhalte in Filmen und Computerspielen (siehe ZP 145 Krieg der Götter und ZP 149 Ihr seid Götter). – Ingo Hoppe hält auf Anfrage Vorträge zu zeitgeschichtlichen, philosophischen und spirituellen Themen. 
 

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