Die Gemeinde, die das Pestizid verbannte

Die Schweiz will möglicherweise den Grenzwert für Glyphosat erhöhen und die EU die Zulassung dieses umstrittenen Pestizids verlängern. Da hilft nur ein Blick nach Mals

Während die EU-Kommission plant, die Glyphosat-Zulassung um fünf Jahre zu verlängern, will das  Schweizer Bundesamt für Umwelt (Bafu) den Grenzwert für Glyphosat in Bächen, Flüssen und Seen um das 3600-fache erhöhen. Von 0,1 Mikrogramm pro Liter Wasser auf 360. So steht es im Bericht zur Teilrevision der Gewässerschutzverordnung die das Bafu im Dezember publik gemacht hatte. Bis Mitte März haben Kantone, Parteien und Verbände noch Zeit, dem Bundesamt ihre Meinung zum Projekt mitzuteilen. Für Mensch und Umwelt bleibt zu hoffen, dass das Ruder noch herumgerissen wird.

Das Ruder selbst herumgerissen hat die Bevölkerung von Mals, eine knapp 5000-Einwohner Gemeinde in Südtirol. Im Jahr 2014 sagten mehr als Dreiviertel der Bevölkerung «Ja zu einer pestizidfreien Gemeinde». Laut dem Bürgermeister sollen bis April 2018 sämtliche chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmittel aus dem Gemeindegebiet praktisch verboten werden.

«Die Malser verfügen nicht über irgendwelche Zauberkräfte, sondern haben einfach den Mut, nicht zurückzuweichen und auf ihrem Recht zu beharren»

Anlass für diesen europaweit einzigartigen Entscheid ist die intensive Obstlandwirtschaft in der Region Vinschgau. Allein im Apfelbau wird etwa 30 Mal im Jahr gespritzt. Das Risiko, dass die Chemie vom Wind verweht wird ist sehr hoch. Im Südtiroler Apfelanbau werden angeblich über 50 Kilogramm Pflanzenschutzmittel pro Hektar eingesetzt. Im italienischen Durchschnitt sind es nur sechs Kilogramm. Und laut einer Greenpeace-Studie stehen 55 der 68 verwendeten Mittel auf der schwarzen Liste. Als der Apfelanbau aus dem Vinschgau immer weiter in Richtung Mals vorrückte, gründete sich eine Bewegung, die das Thema schliesslich zur Abstimmung brachte.

Besorgte BürgerInnen in Mals
Besorgte BürgerInnen in Mals

 

Fasziniert von dem erfolgreichen Widerstand, zog der österreichische Filmemacher Alexander Schiebel sogleich in die Gegend und unterstützte die Bewegung. Daraus ging erst ein Buch hervor, jetzt folgt ein Film: «Das Wunder von Mals – wie ein Dorf der Agrarindustrie die Stirn bietet.»

«Die Malser verfügen nicht über irgendwelche Zauberkräfte, sondern haben einfach den Mut, nicht zurückzuweichen und auf ihrem Recht zu beharren», bilanziert Schiebel. «Das geht eigentlich überall.» Daher sei das 240-seitige Buch auch eine «Anleitung zum Widerstand». Eine, die wir uns hierzulande vielleicht bald zu Herzen nehmen sollten.

Das Wunder von Mals, Alexander Schiebel, oekom verlag München 2017, 240 S., ab 23 CHF 

Über

Samanta Siegfried

Submitted by reto on Di, 10/10/2017 - 09:47

Samanta Siegfried hat 2010 ihre journalistische Laufbahn als Praktikantin beim Zeitpunkt begonnen. Später besuchte sie die Zeitenspiegel-Reportageschule und berichtet seither als freie Journalistin über Gesellschafts- und Umweltthemen, immer auf der Suche nach leisen Tönen und mutigen Taten. Seit Oktober 2017 ist sie als Webredaktorin zurück beim Zeitpunkt und betreut das Infoportal.

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