In den rheinischen Steinbrüchen waren Deutsche in der Minderzahl. Das ist bis heute so geblieben.

Eine Steinhauergruppe aus einem Herdecker Steinbruch der 1890er Jahre. (Bild: zvg)

Kati Grandi sieht man die Herkunft ihrer Familie noch ein wenig an. Das findet sie gut. Und es steht ihr gut. Die Sprache der Urgrosseltern wird in ihrer Familie aber schon lange nicht mehr gesprochen. Nur fluchen, sagt sie, kann sie italienisch. Das habe ich nicht überprüft.
Wer ans Ruhrgebiet denkt, denkt an Kohle und Schwerindustrie. Ohne sie war das deutsche Wirtschaftswunder nicht möglich. Doch wo viel gebaut wird, braucht es auch viele Steine: für Fabriken und Häuser, für den Strassen- und Schienenbau.
Die Männer, die Steine aus dem Berg brechen, spalten, zersägen, zerkleinern oder bossieren, nennt man Steinhauer. Sie sind – anders als Steinbildhauer - keine Künstler, aber stark und Könner. Jeder Berg kann – selbst wenn man ihn gut kennt, gefährlich werden. Das Risiko sinkt und der Ertrag steigt, je besser man den Stein versteht. Klaus Grandi (74) – in dritter Generation Steinhauer – kennt seinen Berg in Herdecke in- und auswendig. Wenn es schwierig wird, holen seine Leute immer noch ihn.

Auf der Suche nach Arbeit

Ende des 18. Jahrhunderts führte die Suche nach Arbeit Felice Grandi erst zum Tunnelbau in die Schweiz und anschliessend weiter in den Norden. Mit seiner Frau Charlotte und drei Kindern trifft der Steinhauer 1905 in Herdecke ein und findet Arbeit. Der Tod seiner Frau lässt einen ratlosen Witwer mit drei kleinen Kindern zurück. Er heiratet zum zweiten Mal. Katarina kommt auch aus Italien. Sie ist Steinhauer-Witwe und hat bereits einen Sohn. Noch sieben Kinder werden geboren. Die Grandis sind eine – auch für damalige Verhältnisse – grosse Familie.
In den Rheinischen Steinbrüchen waren deutsche Steinhauer in der Minderzahl. Das ist übrigens bis heute so geblieben. Norditaliener waren als Facharbeiter begehrt und besonders einfach auszubeuten. Wer sich beschwerte, musste gehen oder wurde ausgewiesen. Preus-sens Polizeistaat hatte seine Augen und Ohren überall.

Hart, aber kurz: Ein Steinhauerleben

Beschwerdegründe hatten die Herdecker Steinhauer mehr als genug. Die Steinbruchbesitzer zahlen Hungerlöhne. Die Arbeit war hart und gefährlich. 1909 lag das Jahresgehalt bei rund 1100 Mark. Davon gingen die Steuer ab und der Krankenkassenbeitrag. Für einen Tageslohn (ca. 3,70 Mark) gab es einen Zentner Kartoffeln oder zwei Kilo Schwein. Und das Wohnen war teuer. Wie mag es gewesen sein, immer an der Armutsgrenze die zehnköpfige Familie zu ernähren und nach preussischen Massstäben «anständig» zu bleiben?
Ein Steinhauer wurde im Durchschnitt vierzig Jahre alt. Die meisten starben deutlich früher. Erschöpfung, Staublunge, Unfälle, Unterernährung, ungesunde Wohn- und Arbeitsbedingungen machten das Leben zur Qual. Alkohol, Solidarität, Freundschaft und Gesang manchmal froh und vergnüglich.
Im Umgang mit Fremdarbeitern waren Herdecker nicht zimperlich. Wer eine Wohnung hatte, machte mit Untermietern und Kostgängern ein schnelles Geld. Bis zu elf Betten in kleinen Räumen waren keine Seltenheit.
1907 bittet der seit sieben Jahren mit einer Herdeckerin verheiratete Carlo Maggioni, «untertänigst» um «Aufnahme in den preussischen Untertanenverband». Der Magistrat hat keine Bedenken. Vorsitzender und Steinbruchbesitzer Oskar Gautzsch schon. Er will – sagt er – sich die Möglichkeit, Italiener auszuweisen, nicht so ohne weiteres nehmen lassen. Maggioni gehöre ausserdem mutmasslich zum Verband. Denn: Italiener seien für ihren «hinterlistigen Charakter» bekannt.
1908 führt Preussen zur besseren Überwachung der «hinterlistigen» Italiener die «Legitimationskarte» ein. Da der Steinhauer sie seinem Arbeitgeber aushändigen muss, ist der Wechsel des Arbeitsplatzes ohne seine Zustimmung unmöglich. Die Beschwerde des italienischen Aussenministers über diese Diskriminierung seiner Landsleute kommentiert das «Westfälische Tageblatt» wie folgt: «Wenn ihnen diese im Interesse der Ordnung getroffenen Massnahmen nicht passen, so mögen sie (die Italiener) ihre Polenta und Maccaroni in der Heimat verzehren und das Deutsche Reich von ihrer Gegenwart befreien.»

Die soziale Frage: Proletarier aller Länder vereinigen sich

Um 1900 wächst in Deutschland die Arbeiterbewegung. 1907 ziehen in Herdecke Deutsche und Italiener in den ersten gemeinsamen Arbeitskampf und siegen. Die Steinbruchbesitzer unterschreiben (fast alle) erstmals einen Tarifvertrag. Ohne völkerübergreifende Solidarität und den Mut der Italiener wäre das nicht möglich gewesen. Kurz darauf bricht der erste Weltkrieg aus. Aus den Genossen werden Feinde. Die Italiener zieht es jetzt nach Hause, aber die Grandis bleiben.

Vom Vorarbeiter zum Pächter

Krieg ist nicht gut fürs Geschäft. Beton und billigere Baustoffe drücken die Preise. In den schwierigen zwanziger Jahren arbeiten Felice und Sohn Domenico im Steinbruch Lange. Domenico steigt auf und wird Vorarbeiter und bald auch zum Pächter.
 1948 schliesst Domenico mit Lange einen Pacht-Kaufvertrag ab. Die Pacht ist hoch. Es wird Jahrzehnte dauern, bis ihm der Berg endlich gehört. Der Reichtum bricht also noch lange nicht aus. Immer wieder fehlen genügend «Kies» und «Schotter», um Steuern und andere Rechnungen zu bezahlen. Die Bettelbriefe um Zahlungsstundungen füllen einen ganzen Ordner. Um nicht obdachlos zu werden, kauft Domenico für 3000 Mark eine Wehrmachtshütte. Die Familie lebt jetzt auf dem Berg. Während unten im Tal ein bescheidener Wohlstand wächst, bleiben Strom und fliessendes Wasser auf dem Berg erst einmal unbezahlbar.
Mit 54 Jahren hat Domenico Grandi einen tödlichen Unfall. Er fängt Feuer beim Schmieden. Jetzt muss der 18-jährige Klaus «ran» und nicht nur für sich, sondern auch für die Familie sorgen.

Wer hart arbeitet, darf auch hart feiern

Oben auf dem Berg ist die Luft freier als im Tal. In den Ferien, nach der Schule: Alle Kinder lieben den «Abenteuerspielplatz» Berg. Nirgends finden sie es interessanter. Bei «Omma Lotte», die bis zum Lebensende auf dem Berg bleibt, schlafen sie in einem Bett. Das war erstens normal und zweitens gemütlich.
Am schönsten sind für alle das Wochenende. Wenn nicht hart gearbeitet wird, dann wird hart gefeiert. Dass die Bürger im Tal über «die Leute vom Berg» bis heute die wildesten Geschichten erzählen, spricht Bände. Ein bisschen Neid war immer auch dabei.

Wohlstand

«Mein Vater hat immer gearbeitet», erinnert sich Kati. Solange die Steine aus dem Berg an den Bauhändler gingen, blieb am Ende für die Grandis nur wenig übrig. Erst als man dazu überging, die Steine selber zu vermarkten, ging es auch ökonomisch bergauf.
Dass die Grandis ihren Steinbruch bis heute betreiben und ständig entwickeln konnten, ist kein Zufall. Katis Stiefmutter Erika, Bauingenieurin und am Erfolg des Unternehmens nicht ganz unschuldig, schwärmt vom unternehmerischen Können ihres Mannes. Sie findet nicht nur seine Arbeit am Berg, sondern auch seinen Geschäftssinn legendär.
In spätestens dreissig oder vierzig Jahren droht auch dem vorletzten Steinbruch das Aus. Der Berg wird rekultiviert und ein neuer Steinbruch wird nach derzeitigem Stand nicht genehmigt.  

 

  

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