Für eine Schweiz ohne Pestizide

Noch rund 10 000 Unterschriften fehlen. Dann könnten wir schon bald «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» abstimmen.

Die Initative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» kommt in die heisse Schlussrunde. Viele sind zu Recht besorgt über die negativen Folgen des Pestizid-Einsatzes in der Landwirtschaft. Die Initiative will eine gesunde Ernährung für alle, ohne negative Konsequenzen für die Natur. Bis Ende März fehlen noch rund 10 000 Unterschriften.

Der Betriebsleiter Manfred Wolf aus Kerzers bei Ried produziert seit 25 Jahren biologisch. Als  Präsident der Bio-Produzentenorganisation Terraviva ist er überzeugt, dass eine Schweizer Landwirtschaft ohne chemische-sythetische Pestizide möglich ist. Hier erzählt er, warum:

«Seit meiner Zeit in der Landwirtschaftsschule in den 1980er Jahren hat sich die Situation kontinuierlich verschlechtert. Mehr und mehr werden Pestizide vorbeugend eingesetzt. Dies läuft den Zielen der integrierten Landwirtschaft diametral zuwider. Diese wird zwar immer wieder als Schweizer Musterbeispiel angeführt, wird aber kaum sehr strikt umgesetzt. Der Einfluss der Pestizide auf die Umwelt ist eindeutig grösser als gemeinhin angenommen. Dies zeigen zahlreiche neuere Studien. Die Rückstände von Pestiziden in der Umwelt sind gewaltig. Oft geäusserte Argumente, dass der Einfluss von Pestiziden nur gering und ihr Einsatz innerhalb der Normen und ungefährlich sei, zeugen von einer gefährlichen Ignoranz.

Wir müssen vom Diktat des perfekten Gemüses wegkommen

Ich unterstütze die Initiative auch, weil ich vom Diktat des «perfekten Gemüses» wegkommen will, das die grossen Abnehmer über die Jahre installiert haben. Ich denke nicht, dass der Konsument unbedingt perfekt aussehendes Gemüse will, sondern eher, dass er über zwei Generationen hinweg daran gewöhnt wurde. Deshalb bin ich überzeugt, dass gut informierte Konsumenten wieder lernen werden, dass natürlich gewachsenes Gemüse – auch mit kleinen Fehlern – genauso essbar ist. Vor allem dann, wenn sie über die negativen Folgen der aktuellen Situation Bescheid wissen. Wenn die Entwicklung so weiter geht wie bis jetzt, werden wir bald an einem Punkt ankommen, an dem unsere Umwelt, die Fruchtbarkeit der Böden und die Gesundheit der Menschen irreversible Schäden erlitten haben werden.

Der Einsatz von Pestiziden ist oft die einfachste aller Lösungen, aber nie eine wirkliche Notwendigkeit

Ich wehre mich vehement gegen das Argument, dass es unmöglich sei, die gesamte Menschheit ohne Pestizide zu ernähren. Das Problem liegt in der Landwirtschaft und der Art, wie wir uns ernähren. Die industrielle Landwirtschaft verdrängt mehr und mehr die sogenannte Bedarfswirtschaft. Achtzig Prozent der Bauern in China produzieren als Selbstversorger biologisches Gemüse. Viele Regionen in China und Indien haben sich entschlossen, konsequent auf den Einsatz von synthetischen Pestiziden zu verzichten. In der Schweiz dagegen diskutieren wir noch immer darüber, wie unmöglich der Verzicht auf Pestizide ist. Der Einsatz von Pestiziden ist oft die einfachste aller Lösungen, aber nie eine wirkliche Notwendigkeit.

Ich bin Realist. Deswegen ist mir bewusst, dass es erstens von den Landwirten viel Mut erfordert, einen eingeschlagenen Weg komplett zu verlassen und auf Pestizide zu verzichten. Zweitens ist der Bund gefordert, die Direktzahlungspraxis anzupassen und so einen echten Wandel herbeizuführen. Drittens schliesslich braucht es ein Umdenken der Konsumenten, das bereits eingesetzt hat. Die Konsumenten müssen vermehrt noch verstehen lernen, dass das «perfekte Gemüse» in einem direkten Zusammenhang mit dem Zustand der Umwelt steht. Diese drei «Revolutionen» braucht es, um den Wandel in der Landwirtschaft zu schaffen. Sie werden jedoch nicht durch den Markt selbst angestossen – sondern es braucht unseren Einsatz. Wenn wir heute untätig bleiben, wird dies desaströse Folgen für die Landwirtschaft von morgen und die kommenden Generationen haben.»

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23. März 2018
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