Gegen den Fanatismus

– mit Scharfsinn, Witz und Phantasie

Illustration: Harry Schaumburger

Wie wird man sie nur los, die Fanatiker und Fanatikerinnen dieser Welt? Schwierig. Das Problem ist, sie hören einem gar nicht zu. Wieso auch? Die Fanatischen wissen sowieso alles besser. Sie müssen es besser wissen. Denn zweifeln, abwägen, differenzieren ist nicht ihre Sache. Sie sind entweder dafür oder dagegen. Ein Dazwischen gibt es nicht, keine Graustufen, keine Vielfalt und auch kein Vielleicht, stattdessen immer nur: schwarz/weiss, gut/böse, wir-hier/sie-dort.

«Der Fanatiker ist ein Mensch, der nur auf eins zählen kann», schreibt der israelische Schriftsteller Amos Oz in einem Plädoyer mit dem Titel «Liebe Fanatiker». Und er nennt sie beim Namen: IS-Schergen, Abtreibungsgegner, Antisemiten, Neo-Nazis, Islamophobe, Homophobe. Die Liste sei noch viel länger, sagt Oz, denn wer genauer hinschaue, finde allenthalben Menschen, die kompromisslos dogmatisch seien, stur, feindselig, selbstgerecht – und gefährlich. Dabei befürchtet Oz Schlimmes. Der Fanatismus habe nämlich immer dann Hochkonjunktur, wenn die Sehnsucht der Menschen nach einfachen Antworten, nach «Erlösung auf einen Schlag» wachse – so wie jetzt.

Natürlich ist nicht jeder, der feste Meinungen hat, schon ein Fanatiker. Der seine Stimme gegen andere erhebt, die in seinen Augen Unrecht tun. Der laut wird und wütend, weil er sich sagt: «Jetzt ist aber genug!» Oder der aus tiefster Überzeugung für etwas ist und genauso entschieden gegen etwas anderes. Ebenso wenig ist schon ein Fanatiker, wer versucht, die Anderen umzustimmen, sie auf «seine» Seite zu kriegen. Ja, vielleicht ist nicht einmal ein Fanatiker, wer die Anderen oder gar die gesamte Menschheit retten und sie aus der Dunkelheit hinaus ans Licht der Wahrheit führen will.

Hass auf die anderen

Wo also beginnt das Fanatische – gerade auch dieses kleine, unmerkliche Stück Fanatismus, das auch in vielen von uns schlummert?
Der Fanatismus bricht nicht plötzlich und einfach so hervor. Manchmal entsteht er aus einem Zorn, einer Enttäuschung, einer Verbitterung. Oft hat er aber System, jedenfalls dann, wenn er als Ideologie daherkommt. Als solche braucht der Fanatismus einen Nährboden und viel Hege und Pflege. Und er kann nur dann heranwachsen, wenn eine Gesellschaft oder Teile von ihr bereit sind, alle Toleranz abzuwerfen und dasjenige, gegen das sie ist, abzulehnen: weil es anders denkt, anders aussieht, anders glaubt oder anders handelt als wir.

Darin besteht vielleicht der Wesenszug des Fanatismus: Jedem Fanatiker wird der Andere zu einem, der ihn angeblich bedroht und den es also zu bekämpfen gilt, sei es mit Worten oder mit Waffen – ausser er tritt zur Gruppe des Fanatikers über. Der Andere ist nicht einfach nur ein Fremder, für den man sich interessieren könnte, den man hereinlässt in sein Haus. Nein, der Andere muss abgelehnt, stigmatisiert, denunziert, verhöhnt und manchmal sogar verletzt oder getötet werden. Dabei ist diese Ablehnung absolut, sie verträgt keine Abstufung, keine Dosierung, keine Ausnahmen. Und sie wird zelebriert. Denn der Fanatiker ist einer, der inszeniert und skandalisiert, schreit und zetert. Und diejenigen, die sich dem Fanatiker anschliessen, brüllen gerne mit, sie plappern nach, formieren sich zu einer Fangemeinde, getrieben von diesem Wunsch, zu einer festen Gruppe zu gehören: einer Gruppe mit Prinzipien, Dogmen oder Formen des Aberglaubens, welche die Ablehnung des Anderen «begründen» und «normalisieren».

Die Verengung der Wirklichkeit

Was auch typisch ist für die Fanatiker: die Anderen, die sie ablehnen, sind nie Einzelne, auch wenn es so scheint. Sagen die Fanatiker «der Muslim» oder «der Jude» oder reden sie von «diesem Schwulen» oder «diesem Flüchtling», dann sprechen sie zwar – grammatikalisch – in Einzahl. Doch meinen sie stets alle, die angeblich so sind. Der vermeintlich Einzelne ist in den Augen der Fanatiker immer nur ein Stellvertreter für die gesamte Gruppe, die sie herabwürdigen und ablehnen.

Dies führt zu einem sonderbaren Phänomen, das die Philosophin und Publizistin Carolin Emcke in ihren Buch über den Hass beschrieben hat: Der Andere – «der Schwule» zum Beispiel oder «der Jude» – wird zwar als Einzelner unsichtbar, da er immer nur als Exemplar einer angeblich bedrohlichen, ja monströsen Gruppe wahrgenommen wird. Zugleich wird er in hohem Masse sichtbar, da er ja in Gestalt «des Anderen» zum Mittelpunkt des Hasses wird. «Die Anderen werden als individuelle Personen unsichtbar gemacht. Sie werden nicht gesehen als Teil eines universalen Wir. Sie werden negiert als menschliche Wesen mit einer besonderen Geschichte, besonderen Erfahrungen oder Eigenschaften. Und zugleich werden sie sichtbar gemacht als Andere, als Nicht-Wir», schreibt Emcke.

Wer fanatisch wird, bekommt also unweigerlich einen Tunnelblick. Die Fanatiker reden über die, die sie ablehnen oder bekämpfen, nämlich konsequent in einer «als-Sprache», in einem stets verallgemeinernden Ton: die Anderen werden nur noch als Juden, als Muslime, als Schwule oder als Flüchtlinge wahrgenommen. Was der Mensch dahinter denkt, wie er handelt oder fühlt, das tut er immer nur in dieser ihm zugewiesenen als-Rolle.

Das alles führt zu einer extremen Verengung der Wirklichkeit. Denn natürlich ist jeder Mensch in seiner Individualität immer sehr viel mehr als nur eine Rolle, in die er gepresst wird. Dieser verengte Blick auf die Welt ist fatal, denn er hat auch moralische Konsequenzen. Wer derart unsichtbar gemacht wird, wird nämlich unweigerlich zu einem Etwas, auf das man nicht mehr achten muss. Er hat ja – wie Emcke richtig beobachtet – nichts Individuelles an sich, hat kein Gesicht, keine Biographie, keinen Namen, keine Gefühle, keine Bedürfnisse – und auch keine Rechte, jedenfalls aus Sicht der Fanatischen. Wie oft sagen Menschen, die zur Zielscheibe von Hass und Fanatismus werden und die sich selbst nicht mehr wehren können: Gebt uns ein Gesicht, gebt uns eine Stimme, reduziert uns nicht auf unser Geschlecht, unsere Ethnie, unsere Religion, unsere Gesinnung! Mehr noch: Wer – wie der Fanatiker – keinen Blick mehr hat für den Anderen in seiner Individualität und Vielfalt, der hat auch kein Gespür mehr für dessen Verwundbarkeit – und damit geht auch verloren, was ihn mit dem Anderen noch hätte verbinden können: Menschlichkeit. Es ist bestimmt kein Zufall, dass Fanatiker und Verächter so viel daransetzen, um den Anderen zu «entmenschlichen»: Er wird von einem Jemand zu einem Etwas, das austauschbar ist, oder auf die Stufe von Tieren gestellt und als «räudiger Hund» bezeichnet, als «dreckiges Schwein», als «Ratte», «Ungeziefer» oder «Parasit».

Antifanatischer Fanatismus?

Und nun – was tun gegen den Fanatismus? «Fanatismus ist eine ansteckende Krankheit», schreibt Amos Oz. «Man kann sich bei dem Versuch, andere zu heilen, selbst anstecken. Es gibt in der Welt nicht wenig antifanatischen Fanatismus.» Wie zum Beispiel der Kreuzzug gegen andere, die verbissen einen Heiligen Krieg führen, oder ein erbarmungsloser Feldzug gegen den Terror, der selbst Terror verbreitet.
Was auch keine Lösung sein kann: falsche Duldsamkeit. Hass und Gewalt, oft unselige Begleiter des Fanatismus, entstehen nicht im Nichts, sie brauchen Räume, um sich zu entfalten: klandestine Zellen, Subkulturen, Banlieues, Kirchen, Moscheen oder Synagogen, das Internet. Und jedes Mal, wenn wir nicht eingreifen und uns gegen die Fanatiker stellen, vergrössert sich ihr Raum und wird, im schlimmsten Fall, zu einem Normalbereich, einer normal zone. Zugleich wird der Raum für jene, die von den Fanatischen ausgegrenzt oder gar verfolgt werden, immer enger, sie fühlen sich nicht mehr sicher, dürfen sich nicht mehr bewegen, alles um sie herum wird zu einer conflict zone. Wenn wir ein Klima des Fanatismus dulden, laufen wir Gefahr, zu Komplizen zu werden: Wir sind zwar nicht selber schon fanatisch – Gott behüte! –, aber wir lassen die Fanatischen gewähren, machen ihnen Platz.

Argumente, Witz und Phantasie

Wenigstens drei Alternativen gibt es. Die erste ist eine rationale. Lasst uns in Gegenwart der Fanatischen das tun, was sie selbst gar nicht mögen (oder wozu sie nicht in der Lage sind): scharf beobachten, dann differenzieren, relativieren, argumentieren. Also über Positionen reden, die zwischen dem rigiden «Dafür-Dagegen» liegen, Zweifel – auch Selbstzweifel – zulassen und auch mal das Thema wechseln, statt sich festzubeissen.

Der Einwand gegen diese Strategie liegt natürlich auf der Hand: Die wahrhaft Fanatischen sind damit sowieso nicht zu erreichen. Das trifft vermutlich zu. Doch dürfen wir nicht vergessen, dass auch in vielen von uns ein kleiner Fanatiker hockt, und diesen kann man hervorlocken und herausfordern, indem wir Fragen stellen, Graustufen zulassen, abwägen, unterschiedliche Perspektiven einnehmen – und prüfen, woher wir eigentlich unser Wissen pro oder contra haben, von dem wir so felsenfest überzeugt sind: über Migranten, Andersgläubige, Linke, Homosexuelle, Juden und all diese Kategorien und Stereotypen, mit denen wir anderen Menschen begegnen und – sie bewerten.
Am Ende gilt die Einsicht: Wenn sich eine offene Gesellschaft gegen das Fanatische wehren will – wenn wir selbst das bisschen Fanatismus in uns bekämpfen wollen –, darf man sich nicht verschliessen und verhärten, sondern muss offenbleiben.

Die zweite Möglichkeit, dem Fanatischen die Stirn zu bieten, ist eine humoristische. Fanatiker mögen allerhand sein, eines aber sind sie bestimmt nicht: witzig. Was wohl auch damit zu tun haben mag, dass Menschen mit Humor in der Lage sind, ein bisschen auf Distanz zu gehen und die Dinge, von denen sie so sehr überzeugt sind, auch mal in einem anderen Licht zu sehen – eingeschlossen sich selbst. Witzig sein, heisst also auch, über sich selbst lachen zu können. Aber ist denn so etwas überhaupt vorstellbar: Fanatiker, die über sich selbst lachen (oder wenigstens lächeln?). Wäre ihnen das nicht peinlich?

Das dritte Mittel gegen Fanatismus ist, wenn man so will, ein sinnliches. Wir müssen uns, wollen wir die Fanatischen vertreiben, die «Räume der Phantasie» zurückerobern. Denn Fanatismus führt, wie gesagt, zu diesem Tunnelblick, zu einer schrecklichen Verengung der Wirklichkeit, zur Reduzierung von Menschen und ihrer Individualität auf stereotype Rollen. Die schon zitierte Carolin Emcke dreht im Zusammenhang mit Islamophobie die Verhältnisse um und schreibt: «Man muss sich das einmal in einer anderen Variante vorstellen: als eine Facebook-Seite oder eine Zeitung oder ein Fernsehprogramm, wo Christen dann und nur dann erwähnt werden, wenn sie straffällig geworden sind und jedes einzelne Verbrechen, das eine christliche Person begeht, kausal mit ihrer Religionszugehörigkeit in Verbindung gebracht würde. Es gäbe keinen einzigen Bericht über verliebte Paare, die christlich sind, über christliche Rechtsanwältinnen, die Expertinnen in Steuerrecht sind, über katholische Landwirte oder protestantische Automechaniker, keine Meldungen über sakrale Chormusik (...), sondern nur über den Ku-Klux-Klan und die Anschläge radikaler Abtreibungsgegner, alles immer nur unter der Überschrift ‹Christentum›. Wie würde ein solches Raster die Wahrnehmung verändern?»

Die Wahrnehmung der Welt würde einförmig, sagt Emcke, es wären immer dieselben Bilder und Narrative, mit denen wir uns umgeben. Dies engt unsere Vorstellungskraft erheblich ein. Und führt zu einem massiven Verlust an Vielfalt. Aber nicht bloss das: Wo einem die Möglichkeit genommen wird, Menschen anders wahrzunehmen als bloss in der Rolle des Flüchtlings, des Schwulen, des Juden oder des Muslims, da verkümmert auch das Mitgefühl. Die Phantasie zurückerobern, heisst dann: nicht blind das Stereotyp akzeptieren, in das die Fanatischen den Anderen hineinquetschen, und sich stattdessen überlegen, wie jemand auch noch sein könnte. Um dann endlich wieder – und dies gilt besonders für uns, die Medien – andere Geschichten zu erzählen: Geschichten, die das Gegenüber aus dieser unsäglichen «als-Rolle» holen und in seiner besonderen Individualität und vielfältigen Persönlichkeit genauso darstellen wie in seiner urmenschlichen Verwundbarkeit; und damit Geschichten, die für einmal auch normal sind, heiter, schön, leicht und lustig.

Vielleicht mögen genaues Beobachten und Differenzieren, Witz und Phantasie weder heilige Kriege verhindern noch einen wütenden Mob aufhalten. Aber sie können ein Mittel sein, um den blinden und leidenschaftlichen Eifer zu zähmen, der fast alle von uns bisweilen überkommt und der nicht selten der Vorbote für Schlimmeres ist: den Fanatismus.

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11. November 2018
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