Globalisierung der Friedenskräfte

Gegen die Gewalt der Konzerne hilft nur eine Globalisierung der Gewaltlosigkeit, findet der indische
Friedensaktivist Rajagopal P.V.

P.V. Rajagopal, Aktivist für die Rechte der kastenlosen Ureinwohner, hat schon Märsche mit hunderttausenden Teilnehmern organisiert. Foto: Barbara Schnetzler

In Indien herrscht ein «stummer Krieg». Mit diesen Worten beschreibt der arabische TV-Sender Al Jazeera den seit vierzig Jahren laufenden Bürgerkrieg zwischen der Regierung und den Ureinwohnern, den Adivasi.

Begonnen hat die Auseinandersetzung noch unter britischer Herrschaft. Mit dem «Forest Conservation Act», einem Gesetz zum Schutz des Waldes, wurde der Streifen, der von Nepal durch den Subkontinent nach Süden führt, als Besitz des Staates ausgeschieden, heute als «Red Corridor» bekannt. Die rund 90 Millionen kastenlosen und meist analphabetischen Adivasi merkten erst etwas davon, als sie von ihrem Land vertrieben wurden, um Platz für Tigerreservate und Bergbauprojekte zu schaffen. Entweder durften sie ihre angestammten Gebiete nicht mehr betreten, um Platz für teure Safaris in Geländewagen zu schaffen, oder ihre Umwelt wurde von den Bergbaukonzernen förmlich zerstört. So sieht es jedenfalls der indische Friedensaktivist und Bürgerrechtler Rajagopal P.V., Gründer der Adivasi-Bewegung «Ekta Parishad».
2015 organisierte er den «Jansatyagraha», einen Marsch über 350 Kilometer nach Delhi mit 75 000 TeilnehmerInnen, um die verletzten Rechte der Urbevölkerung und Landlosen wiederherzustellen. Der Marsch endete vorzeitig mit einer Vereinbarung über die Landrechte, die allerdings wenig später bereits gebrochen wurde.

Tatsache ist: Im Roten Korridor bildeten sich zur Selbstverteidigung und aus Hilflosigkeit viele bewaffnete Gruppen gegen die Gewalt der Konzerne und der Regierung, die diesen das Land zur Nutzung abgetreten hat. «Die Bergbaukonzerne hinterlassen eine zerstörte und verschmutzte Landschaft», sagt Rajagopal im Gespräch mit dem Zeitpunkt. «Es ist eine Art Krieg gegen die Umwelt und gegen die Menschen.» Gegner in diesem Bürgerkrieg seien nicht nur die bewaffneten Gruppen, sondern alle, die sich für Umweltschutz, Bürgerrechte und Landrechte einsetzen. Sie würden als Anti-Nationalisten und als Terroristen bezeichnet und als solche bekämpft. Den NGOs wird der Zugang zu ausländischen Hilfsmitteln verwehrt.

Es ist aber nicht nur dieses indische Problem, das Rajagopal zu einem grossen Marsch von Delhi an die UNO in Genf motiviert, sondern die ähnlich gelagerten Konflikte zwischen Konzernen und Einheimischen in vielen Ländern der Erde. Ob Bolivien, Kongo, Indonesien oder Indien, die Probleme sind überall ähnlich: eine Regierung, die den Konzernen Vorrechte gegenüber der einheimischen Bevölkerung gewährt und diese Vorrechte mit Gewalt durchsetzt.

Gewaltfreiheit und Armutsbekämpfung sind die grossen Themen des «Jai Jagat», des grossen Marsches, der im kommenden Herbst in Delhi starten und ein Jahr später in Genf ankommen soll. Die Forderungen des Marsches: Die Regierungen sollen Ministerien für Frieden einrichten und mit Mitteln versehen; die Regierungen sollen neue Regeln für ihr Gewaltpotenzial prüfen, z. B. wenn sie Wasserrechte verleihen. Der Marsch soll ferner die sozialen Bewegungen zu einem Weg der Gewaltfreiheit motivieren. In Europa wird der Jai Jagat zu einem Sternmarsch aus vielen Ländern. Rund um Gandhis 150. Geburtstag am 2. Oktober 2020 treffen sich in Genf rund 5000 Aktivist zu einer Reihe von grossen Veranstaltungen, u. a. auch mit der UNO.

Um für den Grossanlass zu werben, weilte Rajagopal P.V. im letzten Herbst in Europa, sprach mit Abgeordneten des Europaparlaments, den Bürgermeistern von Grenoble, Lyon und Paris und mit Aktivisten aus verschiedenen Ländern.
Zur Schweiz hat er besondere Verbindungen. Sein «Centre for Socio-Cultural Interaction» (CESCI) in Südindien, wo viele Bürgerrechtsaktivisten von Ekta Parishad ausgebildet werden, wird von einem schweizerischen Förderverein unterstützt. Der Förderverein CESCI ist es auch, der mit Unterstützung des Zeitpunkt und der friedenskraft.ch ein Training in Gewaltlosigkeit organisieren will. Beim Förderverein laufen auch die Fäden für die Unterstützung des Jai Jagat zusammen.     

Weitere Informationen: Förderverein CESCI, Postfach, 8000 Zürich. www.cesci.ch/de-ch/jaijagat.aspx.
Postkonto: 80-220210-4

 

12. Februar 2019
von:

Über

Christoph Pfluger

Submitted by reto on Do, 07/13/2017 - 08:33

Christoph Pfluger ist seit 1992 der Herausgeber des Zeitpunkt. "Als Herausgeber einer Zeitschrift, deren Abobeitrag von den Leserinnen und Lesern frei bestimmt wird, erfahre ich täglich die Kraft der Selbstbestimmung. Und als Journalist, der visionären Projekten und mutigen Menschen nachspürt weiss ich: Es gibt viel mehr positive Kräfte im Land als uns die Massenmedien glauben lassen".

032 621 81 11
christoph.pfluger@zeitpunkt.ch