Ach, ihr Gutmenschen!

Sie wissen immer, was richtig ist und falsch. Und tun ausserdem das moralisch Korrekte. Unerträglich sind sie, diese Gutmenschen. Dabei sind wir anderen doch nur neidisch auf sie.

Sie protestieren gegen Tierausbeutung, tragen faire Klamotten, trotzen dem Klimawandel: Manchmal sind sie einfach zu viel, diese Gutmenschen. Und doch braucht es mehr von ihnen. Foto: Klaus Petrus

Wenn es Leute gibt, um die man am liebsten einen weiten Bogen schlägt, dann die, die es immer besser wissen. Die jedem Satz, den man sagt, noch einen hinzufügen, der diesen interpretiert, relativiert oder korrigiert. Während der Arbeit, an einer Party, beim Sport. Nicht, dass man sich neben diesen Rechthabern fürchterlich dumm vorkommt, sie nerven einfach nur. Und am meisten tun das die, die nicht bloss wissen, was richtig ist und falsch, sondern obendrein das moralisch Korrekte tun – und dann noch wollen, dass alle anderen es ihnen gleichtun: möglichst wenig fliegen, möglichst viel spenden, möglichst gesund essen, Sonnenkollektoren aufs Dach montieren, mit Fairtrade-Schuhen rumlatschen, den Hund aus dem Tierheim holen.

Bei den Gutmenschen steht das moralische Urteil ganz am Anfang, bei uns Normalsterblichen kommt es am Schluss.

Gutmenschen sind arg in Verruf geraten. Schon in den 1990er-Jahren wurde der Ausdruck als politischer Kampfbegriff eingesetzt, inzwischen ist «Gutmensch» zum Unwort schlechthin geworden. «Diese Gutmenschen», das ist fast immer herablassend gemeint und auf all jene gemünzt, die immerzu das ethisch Einwandfreie im Sinn haben – und die das auch noch zur Schau stellen, ständig darüber reden, uns andere zum Guten, Korrekten, Anständigen erziehen wollen.

Den miesen Ruf haben sich die Gutmenschen teils selbst zuzuschreiben. Denn einige von ihnen vertreten wirklich einen unsäglichen Rigorismus, wenn es ums Moralische geht. Sie denken doch tatsächlich, Ethik bestehe aus zehn Prinzipien, die eisern gelten – immer und überall – und aus denen sich eins zu eins moralisch korrektes Verhalten ableiten lässt. So, wie sich aus mathematischen Axiomen Zahlenreihen deduzieren lassen. Während bei den Gutmenschen das moralisch unumstössliche Urteil also am Anfang ihres Denkprozesses steht («Du sollst das nicht tun!»), kommt die Ethik bei uns Normalsterblichen für gewöhnlich erst am Ende («Darf ich das vielleicht doch tun?«). Was im Übrigen ganz richtig ist. Denn Moral hat nichts mit kantischer Pflichtenethik zu tun, sondern ganz viel mit Kontexten unseres Handelns, die ihrerseits mannigfaltigen historischen, gesellschaftlichen und ideologischen Prozessen unterworfen sind. Oder weniger geschraubt gesagt: Geht es um moralisch korrektes Tun, ist die Frage am Ende doch immer dieselbe: Mit welchem all dieser dreckigen Kompromisse kann ich am besten leben?

Aber ehrlich, viele Gutmenschen sind gar nicht so streng und steif. Einige tun Gutes, ohne daran zu denken, dass sie Gutes tun. Andere tun es und fühlen sich fantastisch dabei, alles Sektiererische ist ihnen ein Greuel. Vor allem aber wissen die meisten von ihnen sehr wohl, dass im richtigen Leben vieles komplexer ist als in einem Ethikseminar. Und sie wissen auch, dass sie selbst fehlbar sind. Wie wir übrigen, handeln Gutmenschen nicht durchs Band rational, sind nicht immer widerspruchsfrei und prinzipientreu. Weswegen die interessante Frage doch diese ist: Wieso ecken Gutmenschen bei anderen eigentlich so an?
Die Antwort, kurz und bündig, lautet: das liegt auch an uns, den Anderen.

Die Pragmatiker, die Anpacker und die Abgeklärten sind die ersten, die fast alles daransetzen, nicht selbst ein Gutmensch zu werden. Für sie sind Gutmenschen, gelinde gesagt, das Paradebeispiel für absonderlich Naive: Wie kann einer nur allen Ernstes meinen, er vermöge mit seinem Verhalten etwas zu verändern? Ob der Gutmensch sich nun gegen das Fliegen entscheidet (während wir anderen am Weekend nach London und in den Ferien nach Bali düsen), auf den Klimawandel wird sein Verhalten bestimmt keinen Einfluss haben. So redet der Pragmatiker. Und verkehrt damit eine Binsenwahrheit in genauso offenkundigen Unfug, nämlich: dass bewusstes, rücksichtsvolles, achtsames Verhalten niemals einen Sinn ergibt, weil es niemals einen Unterschied macht. Dabei lehrt uns die Geschichte der Sozialbewegungen (der Kampf um Bürgerrechte etwa), dass sich individuelles Verhalten durchaus zu kollektivem Protest aufsummieren kann. Wo der tipping point liegt – braucht es 30 Prozent der Bevölkerung oder mehr als die Hälfte, um einen gesellschaftlichen Wandel
herbeizuführen? –, weiss zwar niemand so genau. Dass dein persönliches Verhalten oder meines in der Summe aber etwas bewirken kann, daran darf kein Zweifel sein. Die Gutmenschen jedenfalls glauben das. Würden wir es ihnen gleichtun, wären wir mehr. Und aus mehr würden dann noch mehr. Wie die vielen kleinen Risse in einer Mauer diese irgendwann zum Einstürzen bringen.

Zweitens sind da die Ängstlichen unter uns. Gerade sie begegnen den Gutmenschen so oft mit bitterer Häme. Was auch damit zu tun haben mag, dass Gutmenschen meistens aufs Ganze gehen und Radikales fordern: eine bedingungslose Willkommenskultur für Geflüchtete zum Beispiel. Das kann die Anderen gehörig verunsichern, in ihren Grundwerten sogar erschüttern, wodurch sich die Fronten zwischen ihnen und den Gutmenschen zusätzlich verhärten. Manchmal gibt es unter den Ängstlichen auch Weinerliche. Der Klassiker: Ein Fleischesser, der, angeblich von Veganern bedroht, drei Bratwürste in einem runterwürgt und wie am Spiess schreit: «Niemand nimmt mir mein Fleisch weg!» Wird den Gutmenschen oftmals übersteigerte Betroffenheit, moralische Empörung und politische Korrektheit unterstellt, sehen sich die Weinerlichen gerne in der Rolle der Opfer, Verfolgten, ja Entrechteten. Gutmenschen sind für sie lustfeindliche Nervensägen, Partybremsen, selbstgeweihte Hohepriester, die über alles wachen. Ergo fühlen sich die Anderen ihrer Freiheit beraubt und werden, so beklagen sie, von Gutmenschen in Dingen bevormundet, die doch eigentlich Privatsache seien. Was natürlich nicht stimmt, wenn man – um beim Beispiel zu bleiben – nur schon an die Milliarden von Staatssubventionen für die Fleischindustrie denkt oder an die ökologischen wie gesundheitlichen Auswirkungen unseres übermässigen Fleischkonsums. Vom Leid der Tiere gar nicht zu reden.

Schliesslich gibt es die Neider – wohl die Mehrheit unter uns. Sie möchten eigentlich so sein wie die Gutmenschen, können aber nicht – aus besten Gründen oder weil sie zu müde sind, zu bequem zu verbohrt –, und deswegen betrachten sie diese als Konkurrenten. Dahinter steckt wie so oft ein Muster: Niemand von uns will der Bösewicht sein, der Schlechtmensch sozusagen, und schon gar nicht im Angesicht derer, die das tun, was wir selbst eigentlich tun sollten, nämlich: das moralisch Korrekte. Also werten wir uns auf, indem wir sie, die Gutmenschen, abwerten. Das klingt irgendwie erbärmlich, scheint aber ziemlich menschlich, wie moralpsychologische Studien zeigen. Offenbar fällt es uns häufig schwer, jemandem, der Gutes im Sinn hat, zu applaudieren oder ihn anzufeuern. Stattdessen quittieren wir seinen Effort mit einem «Naja, wird eh nicht klappen!».

Dabei ist doch nichts Verkehrtes an dem Versuch, diese Welt ein bisschen besser zu machen als sie ist. Und so mit seinem Verhalten eine Gesellschaft vorwegzunehmen, die man sich dereinst wünscht. Ja, der Klimawandel lässt sich nicht aufhalten, nur weil eine Handvoll Gutmenschen die Tram nehmen statt den Flieger, die lateinamerikanischen Kleinbauern werden nicht wohlhabend, nur weil wir Bananen von Havelaar kaufen und die himmelschreiende Ausbeutung der Tiere wird nicht schon deswegen ein Ende haben, weil ein paar von uns auf vegan umstellen. Und doch wird diese Welt allein dadurch, dass es einige versuchen, ein bisschen wärmer, auch wenn sie am Ende den Bach runtergeht. Weil diese Menschen eben der Ohnmacht trotzen, weil sie kritisieren und nörgeln, sich quer stellen und ans Gute glauben, an Empathie und an Solidarität.
Das stimmt übrigens auch dann, sollten die Neider, Pragmatiker, Ängstlichen und Weinerlichen unter uns recht behalten und Gutmenschen oft genug gehörig nerven. Es bräuchte trotzdem viel, viel mehr von ihnen.     

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