«Alles ist Agglo»

Sechs Fragen an Pedro Lenz zu Stadt, Land und dem Dazwischen.

(Foto: Philipp Zinniker)

Samanta Siegfried: Pedro, viele deiner Geschichten spielen in der Agglomeration oder auf dem Weg dorthin. Was fasziniert dich an diesem Schauplatz?
Pedro Lenz: Ich bin mittlerweile zu dem Schluss gekommen, dass eigentlich alles Agglo ist. Ausser vielleicht die ganz kleinen Dörfer. Auch Glasgow oder Madrid ist für mich Agglo, einfach mit mehr oder weniger Autos. Ich bin der Überzeugung, dass es so etwas wie Grossstadt nicht gibt. Weil sich der Mensch immer in Räumen bewegt, die überschaubar sind. In New York gibt es kaum jemanden, der heute in Manhatten, morgen in Brooklyn und übermorgen in Coney Island ist. Er bewegt sich in den immer gleichen Ecken, geht zum gleichen Bäcker, zum gleichen Koreaner. Weil dies dem menschlichen Bedürfnis nach Zugehörigkeit entspricht. Für mich gibt es lediglich ein urbanes Gefühl, das sich vom Dorfgefühl unterscheidet. Durch eine gewisse Anonymität.

Es gibt Leute, die empfinden Anonymität als etwas Befreiendes. Du gehörst nicht dazu?
Das ist mein grosses Dilemma. Einerseits geht es mir auf den Sack, mich kontrolliert zu fühlen. Was geht es meinen Nachbarn an, wann ich heimkomme oder aufstehe? Aber ich brauche diese Reibung, die durch Nähe entsteht. Als ich ein halbes Jahr in Glasgow lebte, hat sie mir extrem gefehlt. Erst als ich Gewohnheiten entwickelte und etwa die Kioskverkäuferin anfing, mir meine Zigarettenmarke bereitzulegen wusste ich: jetzt bin ich angekommen. Ich bin immer auf Nähe angewiesen. Dass es ab und zu nervt, gehört dazu. Wie bei einer Grossfamilie.

Deshalb sind noch immer die Beizen dein «Chatroom», wie es an einer Stelle deines neuen Buches «Hert am Sound» heisst. Und nicht die sozialen Medien. Macht dir die Verschiebung vom realen ins virtuelle Mühe?
Die virtuelle Welt hat sicher auch Vorteile, aber sie täuscht uns etwas vor, das es nicht gibt. Nämlich Nähe. Nähe kann nicht über Technik zustande kommen. Ich mag die Wirklichkeit der Sinne. Ich bin gerne mit jemandem zusammen, den ich sehe, höre, bei dem ich die Gestik beobachten kann.

Du schreibst auch von der Kunst, den Rasen zu pflegen, gibst Sequenzen aus einem Landradio wieder oder kochst «Gschwellti mit Chäs». Gefällt dir das Bünzlitum?
Ich bin ja als Sohn einer Spanierin und eines St. Gallers in Langenthal aufgewachsen und war dadurch nie Ur-Langenthaler. Vielleicht entwickelte ich gerade deswegen eine Faszination für manche schweizerische Gepflogenheit. Die Schweizer Küche zum Beispiel. Bei uns daheim gab es nie Rösti mit Bratwurst, sondern Tortilla. Es ist das Gleiche wie mit der Nähe: Ich brauche die Reibung mit dem «Bünzligen». Ich rege mich darüber auf, wie die Moderatoren von SRF 1 ältere Hörer behandeln, als wären sie nicht ganz hundert. Aber ich höre trotzdem zu. Weil sie wiederum von Dingen sprechen, die mir nahe sind. Wenn im «Gesundheitstipp» kommt, dass der Bärlauch bald reif wird, dann zählt das für mich. Das gefällt mir.

Aber eigentlich bist du ein Linker, der viel herumkommt. Wie wirst du angenommen in dieser Bünzli-Welt?
Das ist manchmal eigenartig. Einmal sagte mir ein Zuschauer etwa: «Schön, wie Sie unsere Mundart pflegen». Ich antwortete: «Ich pflege sie nicht, ich gebrauche sie einfach.» Er fuhr fort: «Gerade heute, wo so viele Schwaben bei uns leben.» Worauf ich sagte: «He, nichts gegen die Deutschen, die kommen auch an meine Lesungen.»

Du willst ein Verständnis füreinander schaffen?
Vielleicht mache ich diesen Brückenschlag manchmal. Vorurteile gibt es überall. Einige sagen ganz offen: «Ich habe gehört, du bist ein Linker, aber du bist ja ganz nett!» Andere nehmen mich nicht für voll, weil ich Mundart schreibe. Ich hatte übrigens auch lange einen anderen Umgang mit der Mundart, bis ich merkte, dass man die Sprache nicht jenen überlassen darf, die sie verkitschen wollen. Dass es auch richtige Literatur sein kann. Das hat lange gedauert und war wie eine Offenbarung für mich, die ich mit den Lesern teilen möchte.

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Pedro Lenz ist in Langenthal aufgewachsen und absolvierte eine Lehre als Maurer. Mit 28 holte er die eidgenössische Matura nach und gilt seit seinem Roman «Der Goalie bin ig» als einer der erfolgreichsten Mundart-Autoren der Schweiz. Er lebt mit seiner Partnerin und dem neugeborenen Sohn in Olten.

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