Der geläuterte Bankräuber

Sieben brutale Raubüberfälle beging der fünffache Familienvater Ruedi Szabo – um bald darauf nach Wiedergutmachung zu streben.

Unteroffizier, Sprengmeister, Naturbursche – Ruedi Szabo war kein Kind von Traurigkeit. (Foto: zvg)

Es fällt schwer, sich diesen «gmögigen» Sechzigjährigen, der gerade genüsslich seinen Tee schlürft, als gesuchten Serientäter vorzustellen, der vor 23 Jahren die Polizei ausser Atem hielt. Mit drei Komplizen hatte Ruedi Szabo im Zürcher Oberland sieben bewaffnete Raubüberfälle auf Post- und Bankfilialen verübt und zwar alles andere als zimperlich: «Dass auch Kinder involviert waren und die Opfer noch Jahre später unter den Folgen der Raubüberfälle litten, beschämt mich besonders.»

Wie nur kam der fünffache Vater dazu – «alle meine Kinder waren Hausgeburten, ich liebe sie über alles» – dermassen auszurasten? «Wir waren eine glückliche Familie, alles lief gut, auch mein kleines Bauunternehmen. Dann kam die Baukrise und finanzielle Engpässe
liessen den Haussegen schiefhängen. Als die Bank auch noch meinen Geschäftskredit von 300 000 Franken kündigte, lief alles aus dem Ruder.»

Der ungarischstämmige Mann hatte sein Temperament nicht mehr im Griff: «Ich bin sehr patriarchalisch aufgewachsen», erzählt Szabo. Da war ein jähzorniger Grossvater und ein ebenso cholerischer Vater, der ihn immer wieder verdrescht habe: «Dieses Gefühl, du bist nichts wert, wenn du so hilflos am Boden liegst, hat sich tief eingeprägt.» Nicht zufällig lernte Szabo in jungen Jahren schon mehrere Kampfsportarten und wurde im Militär Grenadierunteroffizier, Sprengmeister und Scharfschütze. «Mit vierzehn wusste ich zurückzuschlagen, ab dann liess mich der Vater in Ruhe.»

Er selbst sei ebenfalls ein Macho gewesen und sicher kein guter Ehemann, gibt er zu. Als seine Frau im damaligen Schlamassel bei anderen Männern Trost suchte, rastete Szabo aus. Er habe sie geohrfeigt. «Einmal nur!», betont er. Das reichte ihr. Sie packte ihre Sachen und sei mit den Kindern in eine Attikawohnung gezogen. Szabo blieb zurück inmitten eines riesigen Scherbenhaufens. «Der Stolz liess mir nicht zu, mein Versagen zuzugeben, geschweige denn zu reflektieren. Als die Behörden mir mitteilten, ich könne die Kinder nur noch ein Wochenende im Monat sehen und habe 6200 Franken Alimente zu bezahlen, da reichte es!».

«Schuld an der Misere war aus meiner Sicht die Bank. Ich beschloss, zu holen, was mir zustand. Mit drei Komplizen – meinen einstigen Angestellten – überfielen wir schwarz gekleidet und maskiert die Post- und Bankfiliale in Hittnau. Obwohl alles akribisch geplant war, wurden wir überrascht. Die ganze Posthalterfamilie samt den beiden zwei- und fünfjährigen Kinder waren vor Ort. Nichtsdestotrotz zogen wir die Sache durch und erbeuteten 100 000 Franken.» Szabo, als einziger bewaffnet, packte das kleine Mädchen an den Haaren und hielt ihm die Pistole an die Schläfen. «Die Familie war jahrelang traumatisiert.» Sichtlich aufgewühlt, schildert Szabo die weiteren Überfälle. Ein Opfer habe nur Tage später einen Schlaganfall erlitten und war in der Folge halbseitig gelähmt. Szabos Abscheu und Scham über sein Vorgehen ist mit Händen zu greifen, während er die Details schildert, als würde er eine Beichte ablegen.
«Ich war beinahe dankbar, als wir aufflogen und all dem ein Ende gesetzt wurde.» Bereits während der 18-monatigen Untersuchungshaft quälten ihn Gewissensbisse. Neun Jahre Zuchthaus lautete das Urteil.

«Die Gefängnistherapeutin konfrontierte mich knallhart mit allem, was ich getan hatte. Das brachte mich in Rage. Sie lehrte mich, hinzuschauen und mit meinen Schuld- und Versagensgefühlen umzugehen.» «Achte darauf, was du säst, dasselbe wirst du ernten», sagte
mir einmal der Gefängnispfarrer. Da habe es bei ihm «Klick» gemacht: «Gewalt habe ich gesät, Staatsgewalt geerntet. Das will ich nun ändern.» Sein Engagement für die Mitgefangenen im Insassen-Rat und für soziale Belange im Gefängnis war seinem Umfeld nicht entgangen. Wegen guter Führung wurde er 2002 nach sechs Jahren vorzeitig entlassen.

Mit Unterstützung der Opferhilfe St. Gallen traf er einige seiner Opfer und konnte sich  persönlich entschuldigen. «Ich stehe für meine Fehler gerade. Ob ich sie je wiedergutmachen kann, weiss ich nicht. Die Opfer haben die Freiheit, mir nicht zu vergeben.»
Voller Elan bildete er sich in Journalismus und zum Arbeitsagogen aus und betreute jahrelang straffällig gewordene junge Erwachsene. Heute hält er regelmässig Vorträge («Wie gehe ich um mit Aggression?»), führt Opfer-Täter-Gespräche durch und bietet Scheidungs- und Trennungsberatung aus Sicht der Kinder an.
«Das Wichtigste für mich ist Empathie. Wer mitfühlt, ist nicht fähig, anderen Leid zuzufügen.» Den Charakter könne man zwar nicht grundlegend ändern, doch sehr wohl seine Verhaltensmuster.     

Kontakt: ruedi.szabo@gmail.com
Systemischer Arbeitsagoge und Lehrlingscoaching,
Anti-Aggressivitäts-Trainer, Opfer-Täter-Moderator, «Forum Restaurative Justiz Schweiz»