Die große Transformation. Einführung in die Kunst gesellschaftlichen Wandels.

Wissenschaft darf heute nicht abseits stehen und „neutral“ bleiben. Sie muss das Wissen bereitstellen, das die gesellschaftlichen Akteure informiert und inspiriert. Sie muss Veränderungsprozesse  initiieren und sie sollte daran gemessen werden, ob sie bereit und in der Lage ist, unseren „Möglichkeits-Sinn“  zu stärken.  

Das Buch ist zu empfehlen. Auf 480 gut lesbaren Seiten, liefert es einen Überblick über den Status Quo der „Großen Transformation“, die ansteht, wenn wir nachhaltig Leben wollen. Geschrieben wurde es von Uwe Schneidewind und den Wissenschaftlern des Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt und Energie. Das WUPI ist seit seiner Gründung der wichtigste Think-Tank in Sachen Nachhaltigkeit. Nirgendwo in Deutschland wird schon so lange interdisziplinär und transdisziplinär geforscht. 

Die Analyse ist knapp gehalten und führt schnell vor Augen: Die Herausforderungen sind gigantisch. Die Sache ist komplex. Vieles muss möglichst schnell und zeitgleich geschehen. Und alle müssen mitmachen und sind betroffen. Es ist ein umfassender und in erster Linie kultureller Wandel, der aber nur mit Hilfe neuer Technologien und  institutionellem Wandel gelingen kann. Dazu braucht es viel Know-How, Entschlossenheit, mutige PolitikerInnen, innovative Unternehmen, Pioniere und das Vorangehen der Zivilgesellschaft.

Das Buch beschreibt, wie die dritte Große Transformation gelingen kann, die der WBGU (Wissenschaftlicher Beitrat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen) in seinen Gutachten immer wieder fordert.

Zur Erinnerung: Die erste Große Transformation war der Übergang von der Jäger und Sammlergesellschaft in die  Agrargesellschaft. Die zweite große Transformation war die Ablösung der Agrargesellschaft durch die Industriegesellschaft. Sie war mit einer vollständigen Kolonialisierung der Lebenswelt durch die Ökonomie verbunden. 

Die dritte Große Transformation, von der dieses Buch handelt, erfordert den Übergang der Weltgesellschaft in einen neuen, stabilen Zustand, der die Grenzen der Natur respektiert.  

Die Stärke des Buches ist die Kombination von  Gesamtschau auf diese Herkulesaufgabe mit fundiertem Detailwissen. Den Autoren gelingt die Integration aller wichtigen Handlungsebenen und Akteure in ihren Transformations-Szenario. Das Buch bestimmt den Status Quo, beschreibt die wichtigsten Expertendiskurse und stürzt sich dann mit umfassenden Informationen und Bewertungen auf die sieben wichtigsten Transformations-Arenen, wie z.B. die Energiewende, die Mobilitätswende, die Ernährungswende, die Urbane Wende, die Industrielle Wende und die Wohlstands- und Konsumwende.

Ohne einen neuen „Mindset“, ohne andere Lebensstile, kann die Übung nicht gelingen.

Neu und deutlich ist das Bekenntnis der Experten zu dem, was Schneidewind die „doppelte“ Entkopplung nennt. Das Buch macht klar: Ohne einen neuen „Mindset“, ohne andere Lebensstile, kann die Übung nicht gelingen. Wir müssen erkennen, dass unsere Lebensqualität vor allem von der Verfügbarkeit immaterieller Gütern abhängt und nicht von Konsum.

Das Buch macht Mut. Es zeigt auf, was wir schon wissen und können. Welche Wege uns offen stehen.

Der Untertitel „Einführung in die Kunst des gesellschaftlichen Wandels“ ist interessant. Schneidewind nennt Zukunftskunst die Fähigkeit verschiedene Formen des Wissens und unterschiedliche Perspektiven kreativ auf einander zu beziehen. 

Wissenschaft, so Schneidewind,  darf heute nicht „neutral“ bleiben. Sie muss Transformations-Wissen erarbeiten und bereitstellen. Sie muss Wissen "schaffen", das informiert, inspiriert und Veränderungen initiiert und implementiert. Wissenschaft muss Zielwissen bereitstellen und daran gemessen werden, ob sie in der Lage ist, unseren „Möglichkeitssinn“ zu stärken.  

Uwe Schneidewind (u.a.): Die Große Transformation
Eine Einführung in die Kunst gesellschaftlichen Wandels.

Herausgegeben von Klaus Wiegandt, Harald Welzer 
Fischer Taschenbuch, 12 Euro, 520 Seiten