Es raucht!

Zu Besuch in einer estnischen Sauna – ohne Schornstein

(Bild: Fabian Weiss)

Es war schon spät am Tag, Edas Gäste sas­sen auf einer Holzbank, nur mit einem Handtuch bekleidet, und schauten auf den See, verloren in Gedanken, ihre Körper dampften noch vom letzten Saunagang.  Da tauchte Eda auf, wie aus dem Nichts, lautlos wie immer. In den Händen trug sie ein Glasgefäss, einer Vase ähnlich, gefüllt mit einer klaren Flüssigkeit. Am Boden des Glases lag eine tote Kreuzotter. Eda bedeutete ihren Gästen, von der Flüssigkeit zu trinken und sagte, das reinige das Blut. Alle tranken bereitwillig, manch einer sogar gierig.

Es war nicht so, dass alle daran glaubten, dieses Getränk könne sie heilen, aber nach diesem Tag wäre niemand bereit gewesen, Eda zu widersprechen. Alle hatten verstanden, dass Eda Veeroja viel weiss über die Dinge zwischen Himmel und Erde. Dass sie manche Dinge anders sieht, und dass es gut tut, ihr zu vertrauen. Ausserdem hat sie beinahe im Alleingang dafür gesorgt, dass die UNESCO die estnische Rauchsauna als Weltkulturerbe anerkennt.

Die «Mutter der ­Rauchsauna»: Dank Eda Veeroja gehört die estnische Tradition zum ­UNESCO-Weltkulturerbe.

Ein Tag mit Eda Veeroja ist wie ein Ausflug in Grimms Märchenwald. Ein bisschen Hänsel und Gretel, ein wenig Hans im Glück. Zauberhaft und mit dem Gefühl, das alles sei nicht von dieser Welt.
Zu Beginn dieses Tages ging Eda Veeroja in den Wald. Sie suchte mit ihren Gästen Zweige für ein Bündel zusammen, das sie später mit in die Sauna nehmen würden. Jeder sollte drei Zweige von sieben verschiedenen Pflanzen sammeln. Es gab Haselnuss, Ahorn, Birke, Minze, Esche und vieles andere, von dem nur Eda die Namen kannte. Am Ende band jeder ein Stück Wolle um den Stamm eines mächtigen Baumes. Eda sagte, wir müssten der Natur etwas zurückgeben, wenn wir ihr etwas nehmen.

Nebenan auf der Mooska-Farm heizte Edas Ehemann Urmas zur gleichen Zeit die Rauchsauna an. Er trug körbeweise Holzscheite zum Ofen. Und für jeden Korb, der leer wurde, schob er ein Holzkügelchen auf einem Rechenbrett zur Seite. Er hatte um fünf nach acht am Morgen angefangen Holz zu tragen. Um kurz nach vier am Nachmittag sollte die Sauna bereit sein.
Eda und Urmas laden Touristen auf ihre Farm ein, manchmal kommen Geschäftspartner, um gemeinsam eine Rauchsauna zu besuchen. Man kann den Aufenthalt im Internet buchen. Eda sagt, all ihre Gäste sollen für die Stunden ihres Aufenthaltes ihren Lebensstil teilen. Also: Steifzüge durch den Wald, Schinken essen am Tisch der Familie, Gespräche am Lagerfeuer. Der Rauchsauna von Eda Veeroja sieht man an, dass sie alt ist. Manche der Holzbretter, die die Wände bilden, sind über hundert Jahre alt. Die Tradition der Rauchsauna in Estland ist viel älter. Eda sagte, Aufzeichnungen belegen ihre Existenz im 13. Jahrhundert. Am Ende sei das mit den Jahreszahlen aber ohnehin egal. «Zu allen Zeiten wussten die Menschen, dass es ihnen guttut, zu schwitzen.» Belebend sei die Sauna und gut für ein starkes Immunsystem.

Die Rauchsauna gilt als Mutter aller Saunas, als Urform, aus einer Zeit, in der es noch keine Schornsteine gab. Der Rauch aus dem mit Steinen bedeckten Ofen quillt einfach in den Raum hinein, färbt die Wände schwarz, verteilt den Russ und den Geruch von verbranntem Holz. Kurz vor dem Saunagang wird der Rauch durch eine Öffnung in der Wand aus dem Raum gelassen. Saunas mit Schornstein kamen in Estland erst vor gut undert Jahren in Mode. Zum Glück gerieten ihre schornsteinlosen Vorgänger nicht vollkommen in Vergessenheit. Anders als bei den Finnen. Die hatten früher auch Rauchsaunen – und schufen sie später ganz ab.
Für die Esten ist die Rauchsauna ein geweihter, beinahe heiliger Ort. Das liegt auch daran, dass bis vor einigen Jahrzehnten in der Rauchsauna das Leben begann und endete.
Die Frauen brachten dort ihre Kinder zur Welt, anderentags wurden dort die Toten gewaschen. Schliesslich gab es auf den estnischen Farmen viele Jahrhunderte lang keinen Ort, der sauberer war als die Sauna. Hier gab es stets frisches Wasser. Und der Rauch, der regelmässig den Raum ausfüllt, gilt als desinfizierend.

(Bild: Fabian Weiss)

Eda Veerojas Vater wurde in einer Rauchsauna geboren. Sie sagte, sie könne sich erinnern, dass in ihrer Kindheit die Menschen in der Rauchsauna stets flüsterten. Meistens schwiegen sie. Sie schwitzten nicht nur in der Rauchsauna. Sie wuschen sich dort und räucherten ihr Fleisch.

Als die Gäste an diesem Tag endlich mit Eda zum ersten Saunagang aufbrachen, waren sie etwas aufgeregt, sie hatten so lange auf diesen Moment gewartet. Als alle auf den Holzbänken sassen, löschte Eda die Funzel und Dunkelheit brach herein, obwohl es draussen doch noch taghell war. Dunkel wie in einem Mutterleib soll es in der Sauna sein, sagte Eda. Wir sollten schliesslich in uns hineinblicken, nicht nach draussen.
Ein Schaben erklang und dann ein dumpfes Pochen, fast so wie der verstärkte Herzschlag eines Menschen. Eda schlug eine Trommel und dann sang sie mit monotoner Stimme das Begrüssungslied der Sauna.

Es roch nach Schwärze im Raum, dem dunklen Aroma des Russes, nach dem schweren Geruch von Waldhonig und der flirrenden Hitze der über Stunden aufgeheizten Ofensteine. Die Gäste atmeten tief ein, um das alles aufzusaugen. Die Sauna war nun 90 Grad heiss und der Schweiss rann in Strömen über die Haut.
Edas Stimme drang durch die Finsternis, es war wie das Raunen aus einer anderen Welt. Sie sagte, der erste Saunagang spüle alle schlechten Gedanken und Gefühle nach draussen. Die solle man nun abwaschen. Sie führte die Gruppe nach draussen, direkt vor der Tür lag ein Teich. Ein Kopfsprung zerriss die Wasseroberfläche. Der moosiggrüne See empfing die Badenden wie gute Freunde mit einer warmen Umarmung.
Eda Veeroja ist 54 Jahre alt. Sie arbeitete noch in einem Reisebüro, als sie mit ihrem Mann 1994 die Mooska-Farm kaufte, ein paar zerfallene Gebäude und der halbfertige Neubau eines Wohnhauses. Eda zog mit drei kleinen Kindern ein, es gab kein Wasser, kein Abwasser. Aber endlich Freiheit.

Inzwischen gehören zur Mooska-Farm drei Rauchsaunen, zwei für Menschen, in der dritten wird jeden Donnerstag Fleisch geräuchert. An die Holztüren hat Eda mit Russ alte Runen gezeichnet, sie sollen die Gebäude schützen. Eda Veeroja glaubt an manch Unheimliches und an die Kräfte der Natur. Sie pflückt die Minze in ihrem Garten nur zur Mittagszeit, verehrt mächtige Steine, heilt mit Kräutern und verbringt die Nächte am liebsten draussen auf ihrem Schaukelstuhl. Dass es dort in den Sommernächten kaum dunkel wird, stört sie nicht, auch im Haus gibt es keine Vorhänge.

Zu guter Letzt glaubt Eda Veeroja, dass in jeder Rauchsauna ein Geist wohnt. Natürlich kein Gespenst wie aus einem Gruselfilm. Sie spricht von einer Seele, von einem Gefühl, das man beim Eintreten erspürt. Das Gefühl im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein. An einem Ort, der Kraft und Zuversicht schenkt.  
Eda Veeroja bat Tiiu, eine Besucherin, die mit ihrer Familie gekommen war, sich in der Sauna bäuchlings auf eine Bank zu legen. Eda nahm zwei Bündelzweige vom Vormittag, hob sie über ihren Kopf und liess sie auf Tiius Körper niedersausen. Zuerst auf die Fusssohlen, dann auf die Waden, immer weiter aufwärts.

Manchmal schlug Eda, manchmal wedelte sie mit den Bündeln durch die Luft, manchmal berührte sie Tiius Körper nur sanft, so dass es fast wie ein Kitzeln aussah. Edda sagte, Tiius Blut werde nun schneller fliessen, ihre Poren in der Haut würden sich öffnen, die heilenden Säfte der Pflanzen hineinfliessen. Dann murmelte sie ein rhythmisches Mantra: »Werde glücklich, werde gesund.» Tiiu kam es vor, als ob ein Wispern von den schwarzen Wänden der Sauna antworten würde. Zum Schluss bedeckte Eda Tiius Kopf mit den Zweigen. Und Tiiu glaubte in diesem Moment, sie sei auf den Waldboden gefallen, so intensiv und schön war der Geruch, noch besser, sie glaubte, sie sei der Wald selbst.

Ende 2014 erklärte die UNESCO die estnische Rauchsauna und ihre Traditionen zum geschützten immateriellen Kulturerbe der Menschheit. Angeregt dazu hatte Eda Veeroja ein paar Jahre zuvor ein Gedanke: »Dieser Ort ist so einzigartig, man müsste ihn für immer bewahren.» Sie hat es sich zur Gewohnheit gemacht, ihren Intuitionen zu folgen.
Als Eda am nächsten Tag die Weihnachtsmails an Freunde und Bekannte schrieb, unterzeichnete sie mit «Rauchsauna in die UNESCO». Es folgten begeisterte Antworten, eine Arbeitsgruppe wurde gegründet, der Papierkrieg bis zur Anerkennung dauerte vier Jahre.
Eda Veeroja findet, er hat sich gelohnt. «Ich wollte, dass die Menschen im Süden Estlands ihr kulturelles Erbe nicht verkümmern lassen, es wertschätzen, beginnen, sich zu erinnern, Fragen zu stellen.»
Das hat Eda geschafft. Immer mehr ihrer Nachbarn heizen die alte Rauchsauna der Familie wieder an. Ein paar Frauen haben ihre Kinder wieder in der Rauchsauna zur Welt gebracht. Es wohnen Kleinkinder in Edas Nachbarschaft, die konnten das Geräusch, welches das Wasser macht, wenn es auf die heissen Steine trifft, nachmachen, bevor sie ihr erstes Wort sprachen. Die Nachbarn nennen Eda Veeroja «Mutter der Sauna».

Der Tag auf der Mooska-Farm neigte sich langsam dem Ende entgegen. Die Sonne sank langsam, aber doch unaufhaltsam. Der Teich lag inzwischen fast vollständig im Schatten, ihre Strahlen erreichten nur noch das hintere Ufer. Tiiu und ihre Familie sassen auf der Holzbank, daneben Eda und ihr Mann Urmas.
Tiiu sagte, sie fühle sich nun wie neugeboren. Ihre Tochter erinnerte sich plötzlich an die Rauchsauna ihrer Grosseltern, an die sie schon so lange nicht mehr gedacht hatte. Urmas sagte, er geniesse die Stunden, wenn er die Sauna anheizt. Man müsse sich Zeit nehmen für die Sauna, jeden Arbeitsschritt bewusst erleben. Und Edda sagte: »Deshalb lieben wir die Rauchsauna so sehr. Sie gibt uns die Chance, immer wieder neu anzufangen.»
Sie ging dann fort und kam einige Minuten später wieder. In ihrer Hand trug sie das Glasgefäss mit der Kreuzotter. Alle tranken stumm. Es schien ihnen genau das Richtige zu sein.

Infos zur Mooska-Farm: www.mooska.eu (estnisch),
www.visitestonia.com/en/sauna-session-in-a-traditional-old-voromaa-smok… (englisch)