Kompromisslos, düster, poetisch. Der Fotograf Josef Koudelka wird 80

Der tschechische Fotograf Josel Koudelka gehört zu den radikalsten seiner Zunft. Und deshalb auch zu den Besten. Eine kleine Hommage an einen Grossen.

Josef Koudelka

«Ich mache das für mich selbst. Ich reise herum, will Dinge entdecken, die mich interessieren und die etwas mit mir zu tun haben. Und davon mache ich dann Bilder», sagt der Fotograf Josef Koudelka in einem seiner spärlichen Interviews.

Tatsächlich gehört der gebürtige Tscheche zu den Radikalsten seiner Zunft. Er hat nie auf einer Redaktion gearbeitet, nie Aufträge von Magazinen oder Zeitungen angenommen, war nie für NOGs unterwegs. Koudelka wollte von Anfang an unabhängig sein. Und er ist es geblieben. «Meine Freiheit ist mir das Wichtigste.» Zwar war er bereits mit 31 Jahren Mitglied der berühmten Magnum Agentur. Doch auch in diesem Klub blieb Koudelka ein Aussenseiter, einer, der stets auf Reisen war, mit wenig Fotoequipment und noch weniger Geld.

Geboren in der Kleinstadt Boskovice im Osten Tschechiens hat sich Koudelka an der Universität Prag zum Luftfahrtingenieur ausbilden lassen, daneben arbeitete er an einem Theater als Fotograf. Bis er 1968, im Prager Frühling, von der Bühne auf die Strasse ging und unter dem Kürzel «PP» («Prague Photographer») den sowjetischen Einmarsch binnen einer Woche mit 5000 weitwinkligen, kontrastreichen, fast schon dreckigen Schwarz-Weiss-Bildern dokumentierte.

Zwei Jahre später musste Koudelka aus seinem Land fliehen, er beantragte in England Asyl und siedelte kurz darauf als Staatenloser nach Frankreich. Damals arbeitete er bereits an einem Zyklus, der in berühmt machen sollte und 1975 als Buch erschien: Gypsies. Über Jahre war Koudelka zu den Roma und Sinti in Osteuropa gereist, er hatte mit ihnen gelebt und in oft düsteren, manchmal poetischen, aber immer eindringlichen Szenen ihren Alltag dokumentiert. Auf die Frage, was ihn daran so faszinierte habe, antwortete Koudelka, selber ein ewig Reisender und Rastloser: «Ihre Musik.»

Die Aussage ist typisch. Wo man in Koudelkas Bildern biographische oder politische Züge zu erkennen glaubt, winkt der Fotograf ab. Er möchte nicht über seine Arbeit reden. Ohnehin sei das Wichtigste, dass man die eigenen Bilder so betrachte wie das jemand anders tun würde – also von aussen. Und doch sind die Fotografien Koudelkas, die fast immer von Entfremdung, Heimatlosigkeit und Vereinsamung handeln, von einer eindringlichen Intimität.

Vielleicht ist es diese fast unsichtbare Linie zwischen Nähe und Distanz, die Koudelkas Blick aufs Alltägliche wie auch Dramatische so unverkennbar macht. Das äussert sich auch in seinem bisher letzten Werk, The Wall. In Dutzenden von Panoramabildern zeigt Koudelka, wie die israelische Sperranlage das gelobte Land und damit zwei Völker trennt. Während viele darin ein Statement eines der letzten grossen Reportagefotografen unserer Zeit zum Nahostkonflikt sehen, geht es Koudelka offenbar um etwas Anderes: «Das hier ist ein geteiltes Land und jede der beiden Seiten – die israelische wie palästinensische – versucht sich zu verteidigen. Wer sich aber nicht verteidigen kann, ist die Landschaft. Mein Buch handelt davon, was wir den Landschaften alles antun.»

Davon abgesehen, sagt Koudelka, käme ihm diese Art der Fotografie sehr entgehen. Wolle man Menschen fotografieren, müsse man sich immer bewegen und jedem und allem hinterherrennen. «Fotografierst du Landschaften, kannst du stehenbleiben und es ruhig nehmen. Kein Wunder beginnen Fotografen im Alter mit Landschaftsfotografie.»

Josef Koudelka feiert dieses Jahr seinen 80sten Geburtstag.