Die zehn Gebote der inneren Ruhe

Lockere Reflexionen für moderne Menschen mit einem übervollen Terminkalender

«Schon wieder Gebote!» mag der Mensch auf der Suche nach Orientierung in dieser komplizierten Welt stönen, wenn er auf Lisette Thoofts neustes Buch «Die zehn Gebote der inneren Ruhe» stösst. Aber die 53-jährige Holländerin, das zeigen schon die ersten paar Seiten, hat einiges begriffen über das Leben in der Jetzt-Zeit. Sie weiss, dass mit ein paar einfachen Geboten dem Leben nicht beizukommen ist, in dem sich so vieles gleichzeitig richtig und falsch anfühlt. Aber «Zehn Gebote» machen sich gut als Titel, und sie sind auch ein praktisches Gefäss, die Essenz auf den Punkt zu bringen.
Im Grunde sind die Gebote Anregungen, dem Denken in unserem Kopf und dem Leben auf dieser Welt eine andere Richtung zu geben. Lisette Thooft trifft den Kern der Sache, sie schreibt mit Zug, das Buch ist gut übersetzt – die Anregungen wirken, vermutlich nicht nur bei mir.
Christoph Pfluger


Eine Leseprobe:

Es gibt noch weitere Hindernisse. Innere Ruhe lässt sich auch deswegen nur schwer erreichen, weil Unruhe eine fast süchtig machende Wirkung hat; und wir sind heute fast alle ein wenig zu Adrenalin-Junkies geworden. Das bedeutet, dass ein Moment der Stille in einem übermässig vollgestopften Leben häufig ein unangenehmes Gefühl auslöst. Wir haben uns dermassen an viele Reize, viel Aufregung, viel Wirbel und Betrieb gewöhnt, dass wir uns leer und ungemütlich fühlen, wenn sich nichts ereignet. Wir bezeichnen das als Langeweile, als Tief oder als schlechte Laune, vielleicht gar als Depression – doch in Wirklichkeit ist es eine Art Entwöhnungssymptom. Etwas in uns ruft nach neuen Reizen, nach Ablenkung. Die Entzugserscheinungen bei Unruhe sind genauso unangenehm wie die bei irgendeiner anderen Sucht. Viele Menschen können erst damit anfangen, wenn sie sich gewissermassen den Kopf eingerannt haben. (…).
Alles, was extrem wird, kehrt sich irgendwann in sein Gegenteil um. Unsere westliche Gesellschaft ist gewissermassen durchgedreht. Und allmählich beobachten wir, dass gerade das zu einer Verlangsamung führt. Wir haben uns festgefahren – in Verkehrsstaus, in komplizierten Systemen, in der Vermassung.
Immer mehr Menschen steigen aus dieser Tretmühle aus, freiwillig oder gezwungenermassen. Wie viele Menschen ereilt nicht dieses Schicksal? Der eine leidet unter Burnout, ein anderer unter dem RSI-Syndrom oder CFIDS. Manche sitzen plötzlich da mit einem Whiplash oder mit einem geheimnisvollen Leiden, bei welchem sich die Ärzte keinen Rat mehr wissen. Es scheint fast eine Epidemie zu sein. All diese Menschen gehen notgedrungen auf die Suche nach innerer Ruhe, nach dem verborgenen Palast da drinnen. Doch viele lassen es nicht so weit kommen: Sie bemühen sich, bewusst zu entschleunigen. Sie wollen nicht, dass alles immer schneller, rascher, gehetzter, kurz: mehr wird.
Besser wäre es natürlich, die ganze Aufregung allmählich abebben zu lassen und durch echte Freude, echten Genuss und wahre Befriedigung zu ersetzen.

(…)

Es hat eine eigenartig paradoxe Bewandtnis mit dem Streben nach innerer Ruhe. Wer nach etwas strebt, was immer es sein mag, hat noch nicht erreicht, wonach er strebt, und ist deswegen voller Unruhe. Wir können erst dann Ruhe finden, wenn wir aufhören zu streben.
Deswegen sind die zehn Gebote in diesem Buch mit einem gewissen Augenzwinkern formuliert. Es sind keine schweren steinernen Tafeln mit universellen ethischen Gesetzen, wie sie Moses vom Berg mitbrachte. Es sind lockere Reflexionen für moderne Menschen mit einem übervollen Terminkalender, die ihren Gedanken eine andere Richtung verleihen können. Sie regen vielleicht dazu an, die Selbstverständlichkeiten unserer gehetzten Kultur mit einem Fragezeichen zu versehen. Sie können dazu beitragen, dass Sie sich nicht länger verrückt machen lassen. Es sind Gedächtnisstützen, die Ihnen helfen können, den Wettlauf gegen die Uhr zu gewinnen ~ nicht indem Sie immer schneller rennen, sondern im Gegenteil, indem Sie verzögern. Auf jeden Fall können sie den Weg dorthin angenehmer machen und dafür sorgen, dass Sie den Prozess mehr geniessen können. Dann können Sie sich einen Moment lang erholen und neue Kräfte, Widerstandskräfte, sammeln, bevor Sie wieder weitermachen.

Die zehn Gebote der inneren Ruhe

• Du sollst dich nicht zu Entschiedungen zwingen
• Strebe nicht nach Wachstum
• Erlege dir selbst und anderen keine Verbote auf
• Setze dir nur Ziele, die heute noch zu erreichen sind
• Nimm dir zweimal so viel Zeit, wie du zu benötigen glaubst
• Geniesse, was du besitzt
• Tue ‹eintönige› DDinge, um deinen Tag zu verlängern
• Dreh die Dinge um
• Packe die echten (kleinen) Probleme an
• Lasse los!

 


Zehn Gebote der inneren Ruhe – Entschleunigen und entspannen in der No-Time-Gesellschaft. Urachhaus, 2006, 136 Seiten, geb. Fr. 26.20 / Euro 14,50.
23. Mai 2007
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