Ein Biotop, kein Netzwerk! Was wir gegen die Bürokratie tun können

Netzwerke für die Karriereleiter haben wir genug. Was wir brauchen, ist ein saftiges Biotop. Eine artenreiche, verbindende, inspirierende Community für alle, die an ihrem Platz an guten Lösungen arbeiten, für alle, die von ihrer eigentlichen Arbeit begeistert sind und die noch mehr entwickeln wollen für eine gute Welt.
Überadministration ist nicht nur Überkontrolle, sondern vor allem Fehlkontrolle. Es wird nicht nur zu viel, sondern auch das Falsche kontrolliert: Wenn auf dem Spesenabrechnungsformular für eine Ausgabe von 15 Franken sieben Unterschriften sein müssen, bis sie endlich ausbezahlt werden kann, kostet der administrative Aufwand mehr als die Vergütung. Die Wirtschaftskriminalität wird von diesem aufgeblähten Verwaltungsapparat aber nicht aufgehalten. Fehlkontrolle.

Die Falschen kontrollieren, die Falschen werden kontrolliert, das Falsche wird gemessen: Minutengenau wird festgehalten, wie viel Zeit eine Spitexfachfrau für etwas aufwendet. Wie gesund dadurch Menschen werden (oder krank, weil die Spitexfachfrau keine Zeit mehr hat für Gespräche), wie sich die Lebensqualität der Betreuten verändert, wissen wir nicht. Das Wichtige bleibt ungemessen. Kennzahlen für die Führung statt Ressourcen und Engagement für gute Arbeit?
Die Dienstleistungen im Bildungs- und im Gesundheitssystem, aber auch in vielen anderen Bereichen, sind zwingend komplex. Würden sie nicht vielschichtig erbracht, wären sie schlecht. Die entfernte Führung kann das Wesentliche nicht messen, nicht wirklich kontrollieren. In einer hierarchischen Organisation ist, vereinfacht gesagt, das Wissen immer unten und die Macht oben. Nur wer an der Front arbeitet und mit KlientInnen, PatientInnen und KundInnen zu tun hat, weiss, was wirklich gute Arbeit ist. Eine Kontrolle, bei der es wirklich um die Sache und nicht um Machtausübung geht, muss daher «unten» geschehen.
Zum Beispiel: Wie viel jemand in seinem Studium wirklich gelernt hat und anwenden kann, sieht man kaum in den Abschlussnoten; wie gut es jemandem geht, nur sehr beschränkt in den Blutwerten. Will man mehr dazu wissen, braucht es mehr als einen soziologisch korrekt konstruierten Fragebogen. Dann braucht es das Know-How derjenigen, die an der Front arbeiten – und eine gehörige Portion Bescheidenheit. Denn je komplexer das zu Messende ist, desto relativer die Messung. Wir stehen also vor der Aufgabe, gute Arbeit zu leisten und uns wenn möglich zu verbessern, gerade dann, wenn die Einschätzung schwer ist, wie gut wir schon sind. Das geht, impliziert aber einen relativen Kontrollverzicht.
  
Interessanterweise beklagen sich all die «Profis» an der Basis heute kaum noch über Arbeitszeiten oder Lohn. Sie beklagen sich darüber, dass ihre Organisation sie behindert, gute Arbeit zu leisten. Das ist eine grundlegende Veränderung: Wenn ein Spital seinen Fachleuten Gelegenheit bietet, gute Arbeit zu leisten, schätzen diese das mehr als Lohnerhöhungen. Wirkliche Sorgen um die Qualität macht man sich nicht in der Führung, sondern «unten». «Oben» werden unterdessen Pseudosparen, Qualitätsmanagement und Zertifizierung veranstaltet. In solchen Organisationen verdursten diejenigen, die gute Arbeit leisten wollen. Widerstand leisten ist angesagt – aber dieser zehrt zusätzlich. Wir brauchen etwas, das nährt. Das ist das Biotop.


Was kann man konkret tun?
1. Mach dir bewusst, wo du überall schon Biotop hast. Was nährt dich? Was bringt dich weiter? Wo wirst du für andere zur Inspiration?
2. Wie kannst du unterschiedliche, bereits bestehende Minibiotope zusammenbringen? Was für Treffen, die durchaus in Partys ausarten dürfen, wären denkbar?
3. Wo fehlt dir Biotop? Wie müsste es aussehen? Was könnte ein erster Schritt sein, damit es entsteht? Tu ihn!
4. Komm an die Biotop-Tagung «Zur Sache! Die Fesseln der Bürokratie sprengen» vom 25. Oktober! Dies ist die Gelegenheit, andere aus deiner Branche kennenzulernen, mit denen du biotopen kannst. Oder Menschen aus anderen Branchen, die dir diese naiven aber inspirierenden Fragen stellen. Wie wär's mit einer Intervisionsgruppe aus lauter branchenfremden Leuten?
5. Überlege dir, was das grosse, gemeinsame Biotop sonst noch braucht: Ein Antifacebook, also eine Art Thingbook, in dem man international andere kennen lernen kann, die an Ähnlichem hirnen? Regionaltagungen? Internationale Treffen? Eine Beiz? Einen Namen? Ferienangebote? Eine Intervisionsbörse? Was von alledem passt besonders zu dir? Zu welchem dieser «Dünger» für das grosse Biotop würdest du gerne beitragen? Wie kannst du andere finden, die mitziehen wollen? Was wäre ein möglicher erster Schritt dazu?

Die Welt wird anders organisiert sein. Wenn die Minibiotope ein weltweites gemeinsames Biotop bilden, kann uns keine Verwaltung, keine Megaunternehmung, keine Regierung mehr ein X für ein U vormachen. Weil wir jede Information jederzeit schnell überprüfen können. Weil sich kleine Einheiten bei Bedarf laufend neu konstellieren können.
Das hat mit Internet zu tun. Aber nicht nur. Denn worauf wir uns letztlich verlassen können, sind Menschen, konkrete Beziehungen. Das hat mit Treffen zu tun, mit gemeinsamen Essen, mit Echtheit.
Das Biotop darf aber auch ganz anders werden, als in diesem Text gedacht. Umso lieber. Das Ungeplante ist stärker. Das ist das Schöne am Biotop. Es lebt von uns, für uns und wie es will.



Dr. Dr. Christof Arn ist Theologe, Ethiker und Dozent an verschiedenen Fachhochschulen. Er ist Initiant und Koordinator der Arbeitsgruppe «Adminus», die sich mit individuellen und gesellschaftlichen Strategien gegen die wachsende Bürokratie befasst. Kontakt:
christof.arn@ethikprojekte.ch • www.adminus.ch



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15. August 2014
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