Über das Aufräumen nach dem Lesen

Liebe Leserin, lieber Leser,

Überall liegen Bücher. Das sieht ja wieder aus, also wirklich! Wir Büchernarren haben es ja nicht einfach. Kennen Sie solche Abende, an denen man auf dem Sofa rumlümmelt, da reinliest, dort weiterblättert und in einem anderen Buch sich festliest? Man legt das eine Buch weg, um zum nächsten zu greifen. Das Kerzenlicht flackert, der Wein funkelt und die Bücher stapeln sich auf dem Tisch, auf dem Boden. Die Stunden zerrieseln, die Blätter rascheln und man fühlt sich pudelwohl. Es wird spät in der Nacht, der letzte Buchdeckel wird zugeklappt, ächzend erhebt man sich aus dem Polster. Die Beine über die am Boden liegenden Bücher hebend, geht es Richtung Heia und kaum versinkt man im Bett wird noch ein Buch vom Nachttischstapel aufgeschlagen, bevor dann gänzlich in den Nachtschlaf weggedämmert wird. Am anderen Morgen liegen sie da, die Bücher, überall. Die Aufräumlust hält sich sehr in Grenzen, denn der nächste Abend kommt bestimmt. Schließlich wohne ich hier, ich lebe und lese hier. Warum soll alles wieder zurück in die Regale gestellt werden? Bücher gehören zur Wohnung wie Stühle, Schränke, Bilder oder ein Klavier. Bücher sind kein schmutziges Geschirr und keine leeren Dosen. Bücher sind Wohn- und Gebrauchsgegenstände, mit dem Recht auf Präsenz zwischen den vier Wänden. Und doch, heute Abend kommen Gäste … die wohl staunend über die Wälzer und Novellen stolpern. Ich komme nicht umhin, ich muss aufräumen.

Genau das ist das Ungerechte: Da kann einer eine Nacht lang den größten Schlamassel im Fernsehen oder am PC gucken und von einem Chaos zum nächsten Salat klicken, und macht er die Glotze aus, so ist sofort aufgeräumt. Keine Spuren außer einem Standby-Lämpchen. Gemein, nicht?


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08. März 2016
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