Weltfinanzsystem kann sich Sanktionen gegen Moskau nicht leisten

Westliche Länder behaupten, das Referendum auf der Krim sei verfassungswidrig, und erwägen deshalb Wirtschaftssanktionen gegen Rußland. Das grenzt an eine Farce. Erstens wurde die ukrainische Verfassung, die hier angeblich verletzt wird, von Victoria Nulands Marionettenregierung in Kiew außer Kraft gesetzt. Zweitens wird sich der Westen mit ernstzunehmenden Wirtschaftssanktionen selbst schaden.



Bundeskanzlerin Angela Merkel war mehr als lächerlich, als sie in der Bundestagsdebatte am 13.3. erklärte, Deutschland sei in der Energieversorgung «nur» zu 35% von russischem Erdgas abhängig. Das ist mehr als ein Drittel und entspricht 24% der russischen Erdgasausfuhr. Und Deutschland exportierte 2012 Waren für 38 Mrd.€ nach Rußland und importierte für 42,5 Mrd.€ Güter (im wesentlichen Rohstoffe) aus Rußland.



Rußlands zweitgrößter Handelspartner in der EU ist Italien mit Exporten von 12,8 Mrd.€ und Importen von etwa 23,6 Mrd.€. Und der italienische Energiekonzern ist Partner von Gasprom beim Bau der Schwarzmeer-Pipeline Southstream, die direkte Lieferungen an die EU ohne Umweg durch Drittländer ermöglichen soll.



Frankreich ist der drittgrößte Handelspartner mit 9,1 Mrd.€ an Exporten und 11,9 Mrd.€ an Importen. Auch die Rüstungskooperation ist umfangreich, insbesondere ein 1,3 Mrd.€-Geschäft im Bereich der Marine. Das Treffen des französisch-russischen Kooperationsrates am 18.3. in Moskau wurde bisher nicht abgesagt, und der Elysée-Palast ließ verlauten, es werde «keine Veränderung der französischrussischen Rüstungskooperation» geben.



Im Finanzsektor würden Maßnahmen zur Beschlagnahme russischer Konten in nennenswertem Umfang automatisch westlichen Banken schaden.


Laut Zahlen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich liegen bei US-Banken und Vermögensverwaltungen insgesamt 75 Mrd.$ aus Rußland. Auf Londoner, französischen und deutschen Banken liegen der Financial Times zufolge 140 Mrd. So sagte auch der Chef der Deutschen Bank, Jürgen Fritschen, in einem Interview mit der Wochenzeitung: «Eine Neuauflage des Kalten Krieges sollten wir unter allen Umständen vermeiden.» Tatsächlich beschlossen USA und EU am 17.3. nur Sanktionen gegen einige ausgewählte Personen aus Rußland und der Ukraine.



Schon die Androhung von Wirtschaftssanktionen löste jedoch auf beiden Seiten einen massiven Geldabfluß und Verkauf von Staatsanleihen aus.


Russische Firmen ziehen Milliarden aus westlichen Banken ab, besonders in London. Und seit dem 1.3. wurden aus den Ausländer-Treuhandkonten der Federal Reserve 105 Mrd.$ an US-Staatsanleihen verkauft, die wahrscheinlich hauptsächlich Russen gehörten.



Gleichzeitig wird die IWF-Mission in der Ukraine möglicherweise einen zypern-artigen «Bail-in» zur Bedingung für die Vergabe von Krediten an das Land machen. All das kann im kollabierenden globalen Finanzsystem einen größeren Schock auslösen.






Caroline Hartmann redigiert den wöchentlichen Newsletter des Schiller-Instituts e.V., aus dem dieser Text entnommen ist. Das Schiller-Institut mit Sitz in Laatzen bei Hannover wurde 1984 gegründet und wendet sich «gegen die trotzigen Anmassungen der Fürstengewalt» (Schiller).


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