Wie funktioniert Originalität?

Warum es Nonkonformisten braucht

Gleich vorneweg: Das Buch «Nonkonformisten: Warum Originalität die Welt bewegt» des Organisationspsychologen Adam Grant ist nicht originell. Weder Cover noch Layout, weder Aufbau noch Ausführung. Ein typischer Vertreter des Genres «Ich erklär dir die Welt», der sich üppig auf Statistiken stützt, wobei der Glaube an deren Aussagekraft durchaus amüsiert. Ein Wissenschaftler etwa, der ein Musikinstrument spielt, hat 7-mal höhere Chancen auf den Nobelpreis als einer, den die Künste kalt lassen. Wenn er den Horatio auf der Laienbühne gibt, erhöht er seine Aussichten sogar um den Faktor 22. Und schon sieht man vor dem geistigen Auge Miraden von hoffnungsvollen Anwärtern in Laborkitteln Töpferkurse und Ikebana-Workshops stürmen. Dabei, ganz klar, will diese Zahlenbürsterei ja nur veranschaulichen, dass jemand, der einen Hang zur Kunst hat, damit Neugier und Begabung demonstriert, die sich auch in seinem Brotjob bezahlt machen.

«Nonkonformisten» ist ein sehr amerikanisches Buch –nicht nur deshalb, weil der Autor Amerikaner ist. Den Anfang jedes Kapitels bildet eine elaborierte Vorankündigung dessen, was man gleich lesen wird. Und im letzten Kapitel findet sich eine stattliche Liste mehrwertiger Tipps, Originalität zu fördern.


Durch einen Blick auf Wikipedia erfährt man, dass Adam Grant allein schon durch die Abwesenheit einer Frisur nonkonforme Flagge zeigt. Dass er der jüngste und zugleich bestbewertete Prof an seiner Uni ist. (Und dass er am gleichen Tag wie die Autorin Geburtstag feiert, was nun wirklich ein Qualitätsmerkmal darstellt.) Seine Argumentation stützt sich auf Fallbeispiele aus Wirtschaft, Politik, Medien und Sport, die er in mal mehr, mal weniger naheliegende Bezüge zu Ergebnissen diverser Studien setzt. Daraus strickt er dann gern ein Muster mit Regelwert. Die schlampige Übersetzung des Titels ärgert, denn die Frage im Original, WIE Originalität die Welt bewegt, wurde im Deutschen zu einem unbegründeten WARUM. Und von einem kausalen Zusammenhang zwischen Originalität und Weltenbewegung erfährt man nun wirklich nichts.



Grant verwendet die Begriffe «Originalität» und «Nonkonformität» gern synonym, ohne sich an irgendeiner Stelle die Mühe zu machen, sie zu definieren oder voneinander abzugrenzen. Dieser Mangel wenigstens ist originell, wenn er im Werk eines Wissenschaftlers auftaucht. Originell, das bedeutet laut Duden: auf bestimmten schöpferischen Eigenschaften, eigenständigen Gedanken o. Ä. beruhend. Während Nonkonformismus eine von der herrschenden Meinung, den bestehenden Verhältnissen unabhängige Einstellung bzw. Auffassung bezeichnet. Vielleicht lässt sich dies ja alles im Sammelbegriff der «Quer- oder Vordenker» eintüten? Um diese nämlich geht es dem Autor, der verkündet, dass Originalität kein fest umrissener Charakterzug, sondern eine freie Entscheidung sei. Das klingt vielversprechend. Gerade die Spezies  der «originellen Nonkonformisten» gebe mit innovativen Veränderungen der Wirtschaft neue Impulse, so tönt der Pressetext dazu. (Der oft bemühte Bezug auf die Wirtschaft ist wieder einer der allzu amerikanisch anmutenden Aspekte des Buches.)

Bis zu diesem Absatz hier hat der vorliegende Artikel schon eine Erkenntnis aus dem Werk umgesetzt: die Methode der machtlosen Kommunikation. Das bedeutet, mit den Schwächen statt den Stärken Aufmerksamkeit zu erringen – etwa einem potentiellen Investor Gründe dafür zu nennen, NICHT ins Unternehmen zu investieren, statt wie gewohnt Gründe, die dafür sprechen. Damit entwaffnet man die zu erwartende Skepsis der Interessenten und gewinnt an Glaubwürdigkeit. Zudem wird jemand, der etwas kritisiert, unbewusst als intelligenter wahrgenommen als jemand, der etwas befürwortet. Unterm Strich erschwert man es dem anderen, eigene Bedenken zu formulieren, und erweckt so den Eindruck: «So schlimm kann das gar nicht sein.» Damit lässt sich eine neue Idee anders verkaufen. An Erkenntnissen dieser Art ist das Buch von Grant durchaus reich – und viele liefern ganz erfrischende Denkanstösse.

Querdenker, so schreibt der Autor, entsprechen nicht dem Bild, das wir uns von ihnen machen. Sie sind nicht notwendigerweise besonders wagemutig, selbstsicher oder risikofreudig. Sie beweisen nicht in jedem Bereich ihres Lebens Originalität oder Kreativität. Sie sind nicht die Macher, die sofort jede Idee umsetzen. Ganz im Gegenteil, sagt eine von Grants so geliebten Studien. «Die einflussreichsten Persönlichkeiten der Menschheitsgeschichte waren nicht aussergewöhnlich begabt», stellt er fest. Sie sind Leute wie du und ich. Und doch verändern sie die Welt mit einer guten Idee. Das funktioniert im Prinzip so: Querdenker sehen einen Status quo, der verbesserungswürdig ist. Anders als die meisten Menschen nehmen sie ihn nicht als gegeben hin, sondern hinterfragen ihn. Sie spüren die Notwendigkeit, ihn zu verändern, und weil sie die Situation mit frischen Augen betrachten statt durch die Brille der Konformität, haben sie sogar eine gute Idee, wie das anzustellen sei. Bei den Nichtoriginellen hingegen setzt sofort eine vernichtende Selbstzensur ein: Wenn es wirklich gut wäre, so denken sie, wäre ja schon jemand anderes darauf gekommen. Und ersticken so jeden neuen Gedanken im Keim.

Ansatz des Buches ist die Frage, was uns daran hindert, nach dieser Art von Originalität zu streben. Die Einsichten des Autors stossen teilweise alte Glaubenssätze von ihrem unverdienten Sockel.

Eine Auswahl davon:
Übung macht zwar den Meister, schafft aber nichts Neues. Stattdessen macht's die Menge: Je mehr Ideen man produziert, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass ein Treffer dabei ist.

Je mehr Sachkenntnis wir auf einem Gebiet haben, desto schwerer können wir uns von Vorbildern befreien und Neues schaffen. Allerdings ist Intuition nur dann treffsicher, wenn wir auch über gewisse Erfahrungswerte auf dem Feld verfügen.

«Überraschenderweise haben einige der bedeutendsten schöpferischen Leistungen und Initiativen des Wandels ihre Wurzeln in der Prokrastination.» Also: Nicht gleich loslegen, sondern erst mal abwarten.

Wer den Status quo herausfordert, sollte eine bestimmte Position besitzen, um ernst genommen zu werden. Diesen «Idiosynkrasie-Kredit» erwirbt man durch Leistung, nicht durch Rang.

Feinde sind oft die besten Verbündeten – wenn sie mit den gleichen Methoden arbeiten wie man selbst.

Die Bücher, die wir als Kinder lesen, prägen unsere Bereitschaft als Erwachsene, neue Wege einzuschlagen.

Positives Denken nützt nur den strategischen Optimisten. Defensive Pessimisten sind besser beraten, ihre Angst als Motivation zu nutzen.


Grant zeigt die Notwendigkeit, die Dringlichkeit einer Veränderung zu vermitteln, und die Möglichkeit, Humor als Waffe gegen Angst einzusetzen. Kontrollierte Wut auf bestehende Verhältnisse, so der Autor, sei das beste Mittel gegen Apathie: «Wenn man Menschen dazu bewegen will, Risiken einzugehen, muss man ihnen erst einmal darlegen, was an der Gegenwart verbesserungswürdig ist. Jemanden aus seiner Bequemlichkeit aufzuscheuchen, ist nur möglich, wenn man seine Unzufriedenheit, seinen Frust oder Ärger über die herrschenden Zustände verstärkt und ihm einen garantierten Verlust vor Augen hält.»

So ruft er ins Bewusstsein, dass am Anfang jeder Veränderung ein einzelner Mensch steht – ein Mensch mit einer Idee, der er eine Chance gibt. Einer, der dabei gegen seine Zweifel, seine Unsicherheiten und seine Angst vor dem Scheitern ankämpft. Der über kein besonderes Gen verfügt, keinen überragenden IQ, keine besonderen Kontakte. Wenn man hier weiterdenkt, erkennt man, dass es möglich ist, eine Kultur zu etablieren, die Kritik einlädt und von ihr profitiert, die uns befähigt und den inneren Zensor ruhigstellt, der uns in der Konformität halten will. Immer  wenn wir uns über bestehende Verhältnisse beschweren und in die Resignation gehen wollen, weil einer allein ja nichts gegen «das System» ausrichten kann, vergessen wir dabei einen ganz wesentlichen Punkt: «Wenn Sie nicht die Initiative ergreifen, bleibt der Status quo bestehen», gibt Grant zu bedenken. Einer muss es ja tun. Also wir selbst.       



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Adam Grant: Nonkonformisten – warum Originalität die Welt bewegt. Droemer HC, 2016. S. 384, Fr. 31.90 / € 23.–.
07. Juni 2016
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