Tanzen in der Stille

Wenn wir ohne Musik tanzen können, können wir vielleicht auch ohne Geld Bedürfnisse befriedigen ... ohne Parteien politisch agieren … ohne Kirche glauben … ohne Eifersucht lieben …

Es ist still im Raum. So still, dass jede Bewegung hörbar wird, das Schleifen eines Fusses über das Holz, ein leises Knarzen, das Aneinanderreiben von Kleidung, Atmen.
Hier tanzen Menschen, manche allein, andere in Kontakt. Ohne Musik. Wie kann man ohne Musik tanzen? Diese Menschen hier scheinen zu horchen, zu lauschen. Worauf?
Die Pioniere der Contact Improvisation (und das obige Szenario beschreibt eine «Silent Contact Jam») fanden in der professionellen Tanzwelt der Sechzigerjahre Bedingungen vor, die es ihnen unmöglich machten, das, was sie als Tanz empfanden (oder wonach sie sich sehnten) zu praktizieren. Sie wollten tanzen – aber nicht unter diesen Bedingungen: starre Hierarchien, Geschlechterrollen, Form und Technik, die Trennung von Bühne und Publikum usw. – und machten sich an die Arbeit, den Tanz neu zu erfinden, so dass sie selbst darin vorkamen. Ein Akt der Selbstermächtigung und des «Begriffeerweiterns» in Joseph Beuys‘ Sinn. Dafür mussten sie zunächst entrümpeln: was bleibt, wenn wir das zum Standard Gewordene weglassen? Unweigerlich landeten sie bei der Improvisation, jenem Zustand, in dem sich der Tanz jeden Moment neu erfinden kann – auch aus der Stille heraus, der inneren Bewegung folgend, die jedem lebendigen Körper innewohnt.

Genau das sehe ich als unsere momentane gesellschaftliche (wie individuelle) Aufgabe an. Wir finden eine Welt vor, die das, was das Leben ausmacht, so einschränkt, dass es kaum noch den Namen Leben verdient – wir funktionieren.
Was können wir heute lernen von der künstlerischen Avantgarde der Sechziger? Was ist übertragbar? Wie geht das Weglassen des scheinbar Unverzichtbaren? Wie fühlt sich das Orientierungslose an? Worauf werden wir zurückgeworfen? Auf uns selbst und unsere Wahrnehmung. Immer wieder neu.
Das kann nicht als Dogma gelten, sondern als Möglichkeit. Wir müssen nicht immer ohne Musik tanzen – aber es ist ermutigend erlebt zu haben, dass es geht. Wir brauchen Räume, in denen wir das üben können. In denen wir Selbstverständlichkeiten infrage stellen und damit spielen, scheinbar unabdingbare Voraussetzungen wegzulassen. Wenn wir ohne Musik tanzen können, können wir vielleicht auch ohne Geld Bedürfnisse befriedigen ... ohne Parteien politisch agieren … ohne Lehrplan lernen ... ohne Plastik einkaufen … ohne Kirche glauben … ohne Eifersucht lieben …

 

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