Textilbündnis reicht nicht: Ausbeutung politisch bekämpfen

Als großer Erfolg wurden die Road Map des Textilbündnisses in Deutschland jüngst gefeiert. Aber was genau bringt es den ArbeiterInnen in der Textilindustrie weltweit? Zu ebenso nachdenklichen wie selbstkritischen Einschätzungen kommt Waltraud Waidelich. Sie vertritt das Frauenwerk der Evangelischen Kirche in diesem Aushandlungsprozess mit der Wirtschaft.

Eine typische Textilfabrik in der Ukraine
picture by Yevgenia Belorusets, credit Clean Clothes Campaign

Letztlich wurden die Ergebnisse des Textil-Bündnisses in Deutschland als ein großer Erfolg gefeiert. Sie vertreten die Evangelische Kirche im Textilbündnis und Sie sind seit 20 Jahren bei der Clean Cloth Kampagne aktiv. Wie beurteilen Sie das Erreichte?

Waltraud Waidelich: „Nicht nur positiv. Denn diese Ziele sind nur für die Firmen verbindlich, die sich freiwillig in das Textilbündnis begeben haben. Jedes zweite Kleidungsstück in Deutschland  unterliegt diesen Einschränkungen nicht und bleibt ohne jegliche  Kontrolle. Und die Fragen, ob die veröffentlichten Roadmaps mit den 1300 Maßnahmen  auf Verbraucher*innen und Kritiker*innen nicht wie eine Nebelbombe wirken und einen verbindlichen nationalen Aktionsplan verhindern, sind auch berechtigt. Welche KiK-Käuferin, die sich für ein T-Shirt  für 1,99 € interessiert, wird sich durch mehr als 100  Roadmaps quälen, um am Ende herauszufinden, dass KiK seinen Anteil an nachhaltiger Baumwolle Anteil dieses Jahr auf  0,45 Prozent erhöhen will, während Tchibo 85 Prozent anstrebt.“ 

Wie wird überprüft, ob die Unternehmen tun, was sie ankündigen?

Waltraud Waidelich: „Die Roadmaps beruhen auf Angaben der Unternehmen. Sie werden von einer kommerziell arbeitenden Berater Firma nur auf Plausibilität überprüft. Von einer unabhängigen Überprüfung sind wir weit entfernt.  Es fehlen Stichproben und unabhängige Kontrollen durch Multistakeholder-Organisationen vor Ort, die untersuchen, ob fundamentale Arbeitsrechte, wie Gewerkschaftsfreiheit, Arbeitszeit und Entgelt-Rechte, eingehalten werden. Wenn zum Beispiel 160 Chemikalien schrittweise aus der Produktion verbannt werden sollen, werden keine Proben vor Ort genommen oder die Filteranlagen der Lieferanten kontrolliert, so wie es in Deutschland der Fall ist."

Sie sehen also die Ergebnisse kritisch?

Waltraud Waidelich: „Auf der Homepage des Textilbündnisses steht, dass die Bündnismitglieder zur Umsetzung des Nationalen Aktionsplans der Bundesregierung für Wirtschaft und Menschenrechte beitragen. Das muss uns aufhorchen lassen. Wir sollten uns selbstkritisch fragen, ob wir nicht dazu beitragen, die Verabschiedung eines Nationalen Aktionsplans, mit  rechtlich verbindlichen Regeln für alle  Unternehmen verzögern. Wir müssen uns auch fragen, ob wir in den letzten vier Jahren tatsächlich Verbesserungen für  die Arbeiterinnen in den Fabriken erreicht haben, bzw. erreichen werden. Das möchte ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt bezweifeln. Ich denke, es muss weiter  in Richtung einer politischen Lösung gehen. Die deutsche  Politik hat die Aufgabe,  die  Ausbeutung von Natur und Menschen durch verbindliche Sorgfaltspflichten und einklagbare Rechte zu begrenzen.“

Und was ist gut?

Waltraud Waidelich: „Das Frauenwerk der Nordkirche unterstützt zwei regionale CCC-Gruppen im Norden, die seit 20 Jahren mit Aktionen und mit öffentlichen Veranstaltungen Druck auf Unternehmen und die Politik ausüben.   Das Textilbündnis wurde nach dem medialen Aufschrei gegründet als 1237 Näher*innen in Bangladesch unter Trümmern begraben wurden. Unser christlicher Hintergrund verlangt von uns, dass wir nach dem Protestieren auch miteinander reden.   Es ist also gut, dass wir uns als Kritiker*innen mit den  Bekleidungsunternehmen an einen Tisch setzen. Die Philosophin Hannah Arendt spricht in diesem Zusammenhang zu Recht  auch von „Handeln“.

Aber leider sind die Kräfteverhältnisse im Textilbündnis sehr ungleich. Die Firmenvertreter sind hoch spezialisiert und gut bezahlt,  während wird als NGOs  zeitlich und finanziell sehr eingeschränkt sind.  

Mit unserer Arbeit im Bündnis für nachhaltige Textilien fördern wir  - bei aller berechtigten Kritik und bei allen notwendigen Selbstzweifeln -  schrittweise Verbesserungen.  Sogar  Discounter bauen nach anfänglichem Zögern jetzt ihre Abteilungen für Unternehmensverantwortung aus."

  

02. September 2018
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