Unverpackt: „Ich dachte, das ist vielleicht verboten“

Als die Deutsch-Französin Marie Delaperrière 2014 den ersten Unverpackt-Laden in Kiel eröffnete, betrat sie Neuland. Heute gibt es in Deutschland, Österreich und der Schweiz bereits hundert Gründer, die ihrem Vorbild gefolgt sind. Unter dem Slogan „lose, nachhaltig, gut“ machen sie Angebote für Menschen, die ein Leben ohne Abfall vorziehen.

2012 las Marie Delaperriere einen Artikel von Beat Johnson. Die in Frankreich geborene Kalifornierin und ihre vierköpfige Familie produzieren in einem Jahr nicht mehr Müll, als in ein kleines Marmeladenglas hineinpasst.

Marie war so fasziniert, dass die Frage, wie das geht, sie nicht mehr losließ.

Beat Johnson, das fand Marie schnell raus, kaufte in  „Bulkstores“ ein. Damit konnte Marie etwas anfangen. Schon als Kind hatte sie mit ihren Eltern Trockenprodukte aus großen Säcken in Einkaufstüten geschaufelte. Sie waren Mitglied in einer Food-Coop.

In ihrem Kopf entstand die Idee ihres Unverpackt-Ladenkonzeptes.

Weil es das in Deutschland  noch nicht gab, dachte sie erst: „Das ist ja vielleicht verboten.“  War es aber nicht. Die zuständigen Behörden begutachteten die Fotos der Bulkstores aus Kanada, USA und Frankreich. Und siehe da: Sie hatten keine Bedenken. Solange Produkte in geschlossenen Behältern lagern, gibt es kein Problem  

Und sie da! Die Behörden hatten keine Bedenken.

2013 recherchierte sie weiter, entwickelte ihr Konzept, und schrieb einen Businessplan. Ein Jahr später ging ihr Unverpackt Kiel „an den Start“.

Das erste Jahr war „experimentell“.  Alles war neu: Für sie und ihre Kunden. Im zweiten Jahre ging es schon ums „Feintuning“. Von da an ging es nur noch bergauf. Sie musste schon zwei Mal auf eine grössere Fläche umziehen. Inzwischen ernährt der vergleichsweise kleine Laden nicht nur sie, sondern auch drei MitarbeiterInnen.

Der Laden ist profitabel und ernährt sie und drei Mitarbeiter

Ein Franchise-Konzept, das sie Anfang in Erwägung gezogen hatte, gab sie schnell wieder auf. „Da geht es am Ende doch auch nur, um immer mehr und den Profit. Aus dieser Teufelsmühle wollte ich ja raus. Mir geht es um die Lust an der Veränderung. Ich will etwas Sinnvolles zu tun und das Richtige voranbringen.“

Aber Seminare bietet Marie an. Seminare um andere, die einen Unverpackt-Laden eröffnen wollen, auszubilden und zu unterstützen. Dort gibt sie ihre Erfahrungen weiter. Logo und Marke sind zwar geschützt, aber sie ist gerne bereit, beides zur Nutzung zu Verfügung zu stellen.

Im Zentrum steht der Kampf gegen die Einwegverpackung

Im Kern des Konzeptes steht für sie nicht der "Kampf" gegen Plastik. Dogmatismus ist ihr zuwider. Manche Kunststoffe, erklärt sie, hätten ganz unverzichtbare Eigenschaften, z.B. in der Medizin. Marie hat der Einwegverpackung den Kampf angesagt. Zero Waste ist ihr Ziel.

250 Teilnehmerinnen hat sie inzwischen geschult. 30 "Schüler“ haben einen Unverpackt-Laden eröffnet. Sie haben gemeinsam einenVerein gegründet. Das wachsende Netzwerk tauscht sich im Intratnet intensiv aus.

Marie hält die Gründung einer Genossenschaft für einen sinnvollen nächsten Schritt, das würde den gemeinsamen Einkauf zu erleichtern.

Unverpackt-Läden zu eröffnen ist ein vergleichsweise einfacher Weg in die Selbständigkeit und funktioniert nicht nur in Großstädten.

Rund 1000 Euro braucht man pro Quadratmeter für die Ladeneinrichtung, und ein wenig Umlaufkapital. Unverpackt-Läden können auch in Verbindung mit Bäckereien oder Hofläden Sinn machen. Das Know-how ist inzwischen überall verfügbar und immer mehr Kunden nehmen es begeistert an. 

Man muss nicht sofort den ganzen Haushalt auf den Kopf stellen

Ihnen rät sie, nicht alles gleich von Null auf Hundert umzustellen. Das sei wie bei einer schlechten Diät. Der Rückfall sei umso schlimmer. Man müsse nicht sofort den ganzen Haushalt auf den Kopf stellen. Wer einen Unverpackt-Laden aufmacht, brauche Willen und Ausdauer: „Man muss hundertprozentig dahinter stehen, und bereit sein, das Kaufmännische auch zu managen. Das gehört dazu.“

Für  Marie war es ganz besonders wichtig, dass ihre Familie 2013 hinter ihr stand. Schließlich tauschte sie den gut bezahlten Job als Projektmanagerin in einem Medizintechnik-Konzern gegen die Existenz eines „Einzelkaufmanns“, der persönlich haftet.

Ihre drei Kinder (10, 12, 14 Jahre alt), sagt sie, sind in den letzten Jahren ziemlich selbständig geworden. Und ohne ihren Mann, der voll hinter ihren Engagements steht, hätte sie das Arbeitspensum nicht geschafft.