Wettbewerb der Systeme: Gehört Chinas digitalem Autoritarismus die Zukunft?

In China hat die Zukunft schon begonnen. Filmemacher und Autor Phillip von Becker war regelrecht „gerührt“, als er - zurück in Deutschland - beim Bäcker mit echtem Geld bezahlen durfte. Eine Welt nach Chinas Vorbild mag er sich nicht vorstellen. Doch der Wettbewerb der Systeme hat erst begonnen.

Vieles in China ließ den Autor und Filmemacher staunen:  Seit 1990 sind die Einkommen um den Faktor 25 gestiegen. 25 000 Kilometer Schnellbahnstrecke wurde erbaut. Die Strecke von Berlin nach Sizilien bewältigt der Schnellzug in 8 Stunden und 40 Minuten. Dass China bis 2025 in allen Schlüsseltechnologien den Anschluss an den Westen haben wird, findet er plausibel. Dass China sich aufmacht, die Welt zu beherrschen, auch. 

Nur in der eigenen Wohnung vor Überwachung sicher

Chinas Bürger  zahlen für ihr im komfortabler werdendes Leben in diesem allmächtigen Staat einen hohen Preis. Am meisten hat Becker die hundertprozentige Überwachung durch Videokameras beeindruckt. Nur in der eigenen Wohnung ist man vor den neugierigen Auten des Staates sicher. Selbst auf sein Verhalten habe das Auswirkungen gehabt. Becker hat auf viele Recherchen und Gespräche verzichtet. Aus Angst. 

"Wir wissen fast nichts über China - aber die fast alles über uns" 

Internet wie wir es kennen, findet man in China nicht, sondern nur ein Intranet. Wikipedia ist verboten. Wer eine abweichende Meinung in Chinas Intranet veröffentlicht,  dem drohen empfindliche Strafen. Das Oberste Gericht stellte 2013 klart: Wer ein Gerücht verbreitet, das mehr als 500 Mal weitergeleitet oder mehr als 5000 Mal angeklickt wird, und so die „gesellschaftliche Ordnung stört“, dem drohen bis zu drei Jahren Haft.  In Europa, so Becker, weiß man fast nichts über China. Die meisten Chinesen hingegen wüssten „alles über uns“.

Zu den viel wenig bekannten Fakten gehöre unter anderem, dass von den zwanzig größten Internetunternehmen der Welt, elf aus den USA kommen, und alle anderen aus China. Der Internetgigant Tencent - der hier den wenigsten dem Namen nach bekannt ist - beherrscht in China nicht nur die größten Internet-Dienste und die erfolgreichsten digitalen Plattformen, sondern auch die Handy-Bezahlsysteme, und er entwickelt sich zu einem der großen Investoren und zur Bank.

Soziale Kreditsysteme demnächst in ganz China 

Am erschreckendsten findet Becker das „soziale Kreditsystem“, das in einigen Regionen erprobt wird, und demnächst in ganz China eingeführt werden soll. Ein Beamter in Rongchen formulierte das Ziel dieses Systems wie folgt:  „Unser Ziel ist es, das Verhalten der Leute zu normieren. Wenn sich alle der Norm gemäß verhalten, ist die Gesellschaft automatisch stabil und harmonisch.“ „Die Vertrauenswürdigen sollen frei unter dem Himmel umherschweifen können, den Vertrauensbrechern aber soll kein Schritt mehr möglich sein.“

Supercomputer, die wissen was für uns gut ist 

Hinter diesem System erkennt der Filmemacher ein Denkmuster, das er als „mechanisch“ beschreibt. Die Idee es gäbe so etwas, wie eine „soziale Physik“ und die Sehnsucht nach einem gottgleichen Supercomputer, der am weiß was für uns Menschen gut ist.

Was am Ende dabei herauskommen könnte, ist eine „beste aller Welten“, die Orwells Dystopie "1984" vielleicht sogar übertrifft.

Niemand soll auch nur noch auf die Idee kommen, der Gemeinschaft zu schaden

Eine Abteilungsleiterin für die Umsetzung des Sozialkreditsystems in Shanghai sagte es mit diesen Worten: „Wäre es nicht die beste aller Welten, wenn man in einigen Jahrzehnten gar nicht mehr über das System und seine Regeln sprechen müsste? (…) Vielleicht schaffen wir es und gelangen an einem Punkt, an dem keiner es mehr wagt, an einen Vertrauensbruch zu denken. Ein Punkt, an dem keiner mehr überhaupt auf die Idee kommt, unserer Gemeinschaft zu schaden! An dem Punkt wäre unsere Arbeit getan.“ 

Die Programmierung des Menschen hat für Becker in China bereits begonnen.

Die Programmierung des Menschen hat für Becker in China bereits begonnen. Der Autor ruft dazu auf, hinzusehen. Die „wohlige“ Bubbel, in der wir uns bewegen, sei nicht die Welt und schon gar nicht das Ende der Geschichte. Kapitalismus, das mache China grade vor, gehe auch ohne Freiheit. Becker fordert von uns, aufzuwachen und zu erkennen, dass wir uns (aus chinesischer Perspektive) mitten in einem Wettkampf der Systeme befinden.

China exportiert erfolgreich Überwachsungs- und Kontrollsysteme in alle Welt 

Dazu passt auch, dass China seine Überwachungstechniken derzeit sehr erfolgreich in alle Welt exportiert - vor allem an autoritäre Systeme. Eine erschreckend große Zahl an Regierungen kauft derzeit Video-Überwachungssysteme in China ein und lässt seine Experten für die Überwachung des Internets in „gutem Journalismus“ in China schulen.

Europa könne diesem  digitalen Autoritarismus ein Reich der Informations- und Pressefreiheit entgegensetzen. Das sei seine größte Chance.

21. November 2018
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