Zur letzten Ruhe getragen

Paul Virilio, einer der  einflussreichen Denker der Gegenwart ist gestorben. Er sah den Finanzcrash und die Folgen des Internet voraus und forderte in seinen letzten Veröffentlichungen die Gründung von „Universitäten des Desasters".

Bekannt wurde der Erfinder der „Dromologie“ mit seinen Betrachtungen über die Folgen der Beschleunigung und des Internets. Er prägte den Begriff des „rasenden Stillstands“: Während Raum und Zeit mit Hilfe von Technik immer schneller überwunden werden können und die Welt  zu klein für diese Art des technischen Fortschritts werde, verbringe eine reglose Menschheit immer mehr Zeit vor flimmernden Bildschirmen, die sie manipulieren. In einem Arte – Interview fasst er 2009 sein Anliegen sinngemäss wie folgt zusammen:

„Das Bild hat die Schrift abgelöst. Nur noch das Bild zählt. Mit Hilfe des Internets kann die Meinung der Menschen ganz einfach beeinflusst werden. Bilder steuern das Gefühl der Menschen. Das Internet und die Geschwindigkeit mit der Bilder zeitgleich überall auf der Welt gesehen werden, macht es möglich, dass zeitgleich überall auf der Welt die gleichen Gefühle hergestellt werden. Die neuen Technologien haben den Raum aufgelöst, weil überall alles zeitgleich geschieht und weil es möglich ist, in kürzester Zeit überall zu sein.

Dieser ganze Technische Fortschritt erzeugt aber auch Kosten. Wenn wir z.B. das Auto zur Fortbewegung nutzen, verlieren wir das Pferd. Und wenn wir nur noch das Bild und das Internet zur Verbreitung von Informationen nutzen, geht die Schrift verloren und wir verlieren unser Gedächtnis. Die Propaganda des Fortschritts verschweigt die Kosten und die Verluste, die mit ihm einhergehen.

Doch inzwischen ist die Welt ist zu klein für diesen Fortschritt und sie ist zu klein für den schnellen Profit. Wir sind gerade dabei eine Art Crash-Test zu machen. Crashtest des Fortschritts.  So wie die Automobil oder Flugzeugindustrie ihre Produkte auch testet. Denn wenn man so schnelle Fahrzeuge herstellt, muss man einen crash-test machen.

Ich bin nicht verzweifelt.  Ich glaube nicht, dass die Welt untergeht.  Ich bin ein Optimist. Echte Optimisten sehen in den schwierigsten Situationen noch die Chance. Als Optimist glaube ich, dass es Lösungen gibt.
Aber es macht keinen Sinn auf einen großen Denker zu warten. Einen neuen Marx.  Der wird nicht kommen.

Wir müssen heute das  universelle Denken widerbeleben und „Universitäten des Desasters“ gründen.  An diesen“ Universitäten des Crash-Test“ sollten alle Disziplinen zusammenarbeiten, um Lösungen zu entwickeln und ein neues Denken.
Das ist in der Geschichte schon einmal gemacht worden. Vor rund tausend Jahren wurden – angesichts der Barbarei der anstürmenden Feinde und den Verwüstungen, die sie anrichteten – an vielen Orten Europas Universitäten gegründet. Alle Denkrichtungen und das ganze Wissen der Zeit kamen dort  zusammenkamen: Griechen, Römer, Araber, christliches Denken und muslimisches Denken. Sie haben eine neue Zivilisation erdacht. Das ist es, was wir tun sollten.“

Virilos "Beschleunigungstheorie" ist von einer Reihe zeitgenössischer Denker aufgegriffen worden, die seine Betrachtungen würdigen und weiter entwickeln, unter ihnen Hartmut Rosa und der „Akzelerationismus“, der durch die Beschleunigung des technischen Fortschritts, den Crash möglichst schnell herbeiführen möchte, damit er zum Ausgangspunkt einer neuen Zivilisation werden kann.

20. September 2018
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