Zusammen allein sein im Schreibhaus

«Es gibt Orte, wo man Tennis, Fussball oder Boccia spielen kann. aber es gibt keine Orte, an denen man schreiben kann.»

Der Schreibhausmeister Ivo Knill liess seine Texte an der Eröffnung aus ganz ungewöhnlichen Positionen auf die BesucherInnen herabregnen.
Dichtes Gedränge bei jeder Lesung.

Diese Überlegung hat Ivo Knill, den ehemaligen Chefredaktor der Männerzeitung und Lehrer für Deutsch und Geschichte an der Berufsmaturitätsschule Bern dazu bewogen, sein Haus in der Burgdorfer Altstadt in ein Schreibhaus zu verwandeln. Im Haus stehen vier Zimmer für kürzere und längere Schreibaufenthalte zur Verfügung. Ivo Knill unterstützt nach Bedarf. Gestern Samstag wurde das Schreibhaus mit Lesungen, Suppe und einem grossen Gedränge eröffnet.

Entstanden ist die Idee zum Schreibhaus in den Köpfen der «Hungrigen», einer Gruppe von kreativ Schreibenden und dem «Schreibdorf», einem Wochenendretreat, das Ivo Knill und Gabriele Meseth seit einigen Jahren an verschiedenen Orten für Schreibende durchführen. Dabei zeigte sich, dass gemeinsames kreatives Schreiben oft nicht auf passende Gelegenheiten warten kann, sondern einen festen Ort braucht. Diesen Ort finden Autorinnen und Autoren, die für ihre Arbeit Kontakt und gelegentliches Coaching wünschen, nun in Burgdorf.

Grossen Anklang fanden die «Geschwistergeschichten», die Adrian Soler (links) und Ivo Knill (Mitte) auf den Plätzen Burgdorfs sammelten.
 

«Literarische Geselligkeit» will das Haus ermöglichen, sagte Ivo Knoll, und die Eröffnung zeigte bereits, was das damit gemeint sein könnte: An verschiedenen Orten des vielstöckigen Hauses fanden Lesungen statt, an denen junge und erfahrenere Autorinnen und Autorinnen ihre Werke dem dicht gedrängten Publikum präsentierten.
«Zusammen alleine sein» ist ein weiteres Charakteristikum dieser in der Schweiz neuartigen Einrichtung. Schreiben ist zwar eine sehr einsame Tätigkeit; wer aber für andere schreibt, möchte doch rasch ein erstes Echo und freundschaftliche Kritik.
Der Aufenthalt im Schreibhaus kostet 110 Franken pro Tag inkl. einer halben Stunde gemeinsamer Arbeit mit Schreibhausmeister. Inbegriffen ist ein einfaches Zimmer mit Schreibtisch (eine «Textverrichtungsbox» wie ein Besucher schelmisch meinte), die Benützung von Küche und Bad und eine Stube mit grossem Tisch zum Arbeiten. Zusätzliches Coaching verrechnet Ivo Knill mit 100 Franken pro Stunde.
Jetzt sind wir gespannt, wie das Schreibhaus in Burgdorf die literarische Produktion in der Schweiz befruchtet. Gute Texte gibt es nie genug.

Weitere Infos www.schreibhaus.blog