Ist es richtig, zwischen höheren und niederen Genüssen zu unterscheiden?

Julian Baggine, Autor von "Eine kurze Geschichte der Wahrheit" und Gründer des "Philosophers Magazine" sagt, es kommt nicht auf das WAS an, sondern auf das WIE.

Drei TänzerInnen springen einen grand jeté Wiener Oper
cc 2.0 Jeff medaugh from denver, US

Eltern sagen oft, dass es ihnen gleich ist,  was ihre Kinder tun, solange sie glücklich sind. Glück und Vergnügen werden fast überall als die wertvollsten menschlichen Güter angesehen.  Nur die Griesgrämigsten würden fragen, ob Vergnügungen wirklich eine gute Sache sind.  Wenn man jedoch fragt, ob es Vergnügungen gibt, die besser sind als andere, gehen die Meinungen auseinander.

Ist es wichtig, ob unsere Vergnügungen spirituell sind oder fleischlich, intellektuell oder dumm sind? Oder sind alle Freuden des Lebens gleichwertig?

Der Utilitarismus als handlungsleitende Philosophie, stellt Glück in den Mittelpunkt seines Anliegens und argumentiert, dass Handlungen in dem Maße richtig sind, in dem sie das Lebensglück erhöhen und Leiden vermeiden und schlecht, wenn sie das Gegenteil bewirken. Doch selbst die frühen Utilitaristen konnten sich nicht darüber einigen, ob man Vergnügungen nicht in eine Rangfolge bringen sollte. Jeremy Bentham glaubte, dass alle Quellen des Glücks gleichwertig sind.  Er schrieb in The Rationale of Reward (1825),: "Wenn man Vorurteile beiseite lässt, ist das Push-Pin Spiel mit Künsten,  Wissenschaften, der Musik und der Poesie durchaus gleichwertig." Sein Schützling John Stuart Mill war anderer Meinung. In Utilitarismus (1863) argumentierte er: "Es ist besser, ein menschliches Wesen zu sein, das unzufrieden ist als ein zufriedenes Schwein; besser, ein unzufriedener  Sokrates zu sein, als ein zufriedener Narr.“

Mill plädiert dafür, zwischen "höheren" und „niederen“ Freuden zu unterscheiden.

Die Unterschiede die er macht, sind nicht einfach zu beschreiben. Sie beziehen sich im Wesentlichen auf die Fähigkeiten und Eigenschaften, die den Menschen von seinen nahen Verwandte im Tierreich unterscheiden. Die wertvollen Quellen des Glücks beruhen auf den komplexeren, kognitiven Fähigkeiten, wie rationales Denken, Selbstbewusstsein oder dem Gebrauch der Sprache. Im Gegensatz dazu erfordern niedere Vergnügungen nur die Fähigkeit zu empfinden.  Menschen und Tiere lieben es gleichermaßen in der Sonne zu liegen, etwas Delikates zu essen oder Sex zu haben. Aber nur Menschen beschäftigen sich mit Kunst, Philosophie und so weiter.

Mill war nicht der erste, der diese Unterscheidung machte. Aristoteles hielt den Geschmacks-Sinn und den Tast-Sinn für „niedrig und roh“; die Genüsse des Essens hielt er für tierisch und weniger wert, als die Freuden, die uns der höher entwickelte menschliche Geist schenkt. Dennoch würden viele immer noch  Bentham zustimmen und argumentieren, dass wir in Wirklichkeit nicht so durchgeistigt sind und dass wir unsere „animalischen“ Seiten akzeptieren sollten.

Wir stellen die falschen Fragen

Das Problem, das sich bei der Lösung dieser Widersprüchlichen Annahmen stellt, kommt daher, dass wir die falschen Fragen stellen. Die ganze Debatte beruht auf der Unterscheidung von Körperlichem und Geistigem und von Menschlichem und Tierischem. Das ist heute so nicht mehr haltbar. Nur noch wenige sind heute Dualisten, und glauben, dass wir aus einem materiellen Körper und einem immateriellen Geist bestehen. Es gibt klare wissenschaftliche Belege dafür, welchen Einfluss die Biochemie und Hormonen auf alles was wir denken und tun haben. Trotzdem hat  das dualistische Denken noch immer Einfluss auf  unser Denken. Was aber geschieht wenn wir davon ausgehen, dass Körper und Geist untrennbar mit einander verbunden sind? Dass wir ganz und gar körperliche (verkörperte) Wesen sind? Wie verändert das unser Denken über die Freuden des Lebens?

Der Esstisch ist ein guter Ausgangspunkt.

In Verbindung mit Sex wird Essen normalerweise als Inbegriff von Freude betrachtet. Alle Tiere essen, nutzen ihren Geschmacks- und Tast-Sinn. Es erfordert keine geistigen Anstrengungen, um festzustellen, ob etwas köstlich ist oder nicht. Die Philosophen haben immer angenommen, dass die Freuden des Essens ein primitives Bedürfnis seien. Plato zum Beispiel glaubte nicht, dass kochen eine Kunst sei, weil es direkt der Bedürfnisbefriedigung diene, und sich nicht mit der Natur der Bedürfnisse beschäftige. Aber er und seine Nachfolger, vergaßen etwas wert zu schätzen, das der französische Autor Jean Anthelme Brillat-Saverin in seinem Buch „ The Physiology of Taste“  (1825) festhielt: „Das Tier frisst, der Mensch isst; nur der mit Geist ausgestatte Mensch, weiß wie man isst.“

Brillat-Savarin hat zwischen der tierischen Nahrungsaufnahme unterschieden, die dem Körper den „Brennstoff“ liefert,  und dem menschlichen Essen, das weit mehr als der Befriedigung unserer fleischlichen Bedürfnisse dienen kann und soll.

Essen ist eine komplexe Handlung. 

Das Sammeln der Zutaten erfordert Nachdenken, der Einkauf Planung und das alles hat Auswirkungen auf das Wohlergehen der Produzenten, der Tiere und unseres Planeten. Kochen erfordert Wissen über die Zutaten, Fähigkeiten, das Ausbalancieren von Geschmacksrichtungen und Texturen, Nachdenken über die Nährstoffe, die richtige Reihenfolge der Gerichte und über die Art und Weise, wie wir das Essen in den Rhythmus des Tages einbetten. Gutes Essen bringt all dies zusammen und verbindet es am Ende mit ästhetischen Elementen.   

Entscheidend ist nicht was Du genießt, sondern wie du genießt.

Beim Essen treten die Unterschied zwischen höheren und niederen Genüssen zu Tage. Entscheidend ist nicht was Du genießt, sondern wie du genießt. Wie ein Schwein aus einem Trog zu essen, ist eine niedere Art des Genusses. Die Zubereitung von Essen unter Anwendung der ganzen Aufmerksamkeit und intellektuellen Fähigkeiten, die nur der Mensch besitzt, macht es zu einem höheren Vergnügen. 

Diese höheren Genüsse müssen nicht intellektuell in einem akademischen Sinne sein. Ein versierter Küchenchef kann in der Lage sein, die Balance zwischen Aromen und Texturen intuitiv zu beurteilen; ein Hobbykoch denkt vielleicht einfach nur darüber nach, was seine Gäste am liebsten essen. Was diese Freuden zu einem „höheren“ Vergnügen macht, ist die Tatsache, dass sie unsere  komplexen, menschlichen Fähigkeiten abrufen. Dass es mehr ist, als einfach nur ein animalisches Bedürfnis zu befriedigen.

Es ist nicht schwer aufzuzeigen, dass dies für alle Vergnügungen gilt: Es ist nicht das was, das zählt, sondern das wie. Und die höchsten Freuden nutzen unsere menschlichen Fähigkeiten nicht für irgendetwas, sondern für ein wertvolles Ziel. Jemand, der in die Oper geht, um in seinem neuen Kleid gesehen zu werden, erfährt nicht die höheren Freuden der Musik, sondern befriedigt nur die niedere Freuden der Eitelkeit. Jemand, der Dr. Seuss mit großer Aufmerksamkeit für die Art und Weise liest, wie er mit der Sprache umgeht, wird mit einem höheren Vergnügen belohnt, als jemand der The Waste Land (1922) mechanisch rezitiert, ohne zu wissen, was TS Eliot tat.

Tiere kopulieren Tiere, Menschen lieben.

Sogar Sex, das vielleicht ursprünglichste aller menschlichen Vergnügen, kann auf eine höhere oder eine nieder Art und Weise wertgeschätzt werden. Um Brillat-Savarins Unterscheidung noch einmal aufzugreifen: Tiere kopulieren Tiere, Menschen lieben. Es mag nicht so aussehen, als ob für einen intensiven Orgasmus oder große sexuelle Erregung viele menschliche Fähigkeiten erforderlich sind. Aber Sex ist sehr kontextabhängig und verändert seine Natur je nachdem, ob er Ausdruck einer echten Beziehung zweier Menschen ist, oder nur der Triebbefriedigung dient. Und das ist ganz unabhängig von der Dauer des Aktes.

Mill hatte also Recht damit anzunehmen, dass es höhere oder niedere Vergnügungen gibt, aber er irrte, als er annahm, man könne dies daran erkennen, welchen Freuden wir uns hingeben.  Entscheidend ist,  wie wir sie leben. Das wiederum bedeutet, dass die höheren und niederen Freuden keine unterschiedliche Dinge sind, sondern ein Kontinuum.

Ich denke, das Festhalten an der falschen Unterscheidung zwischen höheren und niederen Freuden hat damit zu tun, dass manche Dinge sich ganz offensichtlich einer höheren Wertschätzung erfreuen, als andere. Kunst wird typischer Weise in einer geistvollen Art und Weise genossen, während Lebensmittel viel zu oft auf eine animalische Art und Weise verzehrt werden. Das hat uns dazu verleitet, die Assoziation, die wir mit diesen Dingen verknüpfen, für die Sache selber zu halten.

Wir verwechseln unsere Assoziation mit der Sache selber. 

Dieses Missverständnis verführt uns zu einer falschen Sicht auf unsere menschliche Natur. Es führt dazu, dass wir unsere intellektuellen oder spirituellen Fähigkeiten für unsere eigentliche menschliche Natur halten und unseren Körper für ein notwendiges Werkzeug, das wir brauchen.  Aber wenn wir lernen, die körperliche Dinge auf eine Art und Weise zu genießen, die unser Herz, unseren Verstand und unsere fünf Sinne ansprechen,  geben wir die Illusion auf, dass unsere Seelen in einem sterblichen Gefäß gefangen sind und wir lernen, in einem umfassenden Sinn Mensch zu sein. Wir sind weder Engel jenseits aller körperlichen Bedürfnisse noch animalische Wesen die ihren Trieben ausgeliefert sind. Wir sind psychosomatische Einheiten, die Herz, Geist, Körper und Seele mit allem verbinden, das wir tun.

Julian Baggini wird  sein neues Buch "How The World Thinks"  auf dem  How The Light Gets In- Festival in London (22. und 23. September)  vorstellen und diskutieren.

https://howthelightgetsin.org/london