Kein Frieden ohne Frauen

Frieden ist in der Weltpolitik fast ausschliesslich Männersache. Das Netzwerk FriedensFrauen Weltweit setzt sich für mehr weibliche Stimmen am Verhandlungstisch ein

Fragt eine Mutter ihren Sohn: «Ich spreche heute Abend an einer Veranstaltung. Kommst du mit?” – «Um was geht es?», fragte er. – «Um Frauen in Friedensprozessen.» Der Sohn, Mitte zwanzig, frisch abgeschlossenes Medizinstudium, verdrehte die Augen. Er wisse bereits wie die Veranstaltung ausgehe: nur Frauen werden da sein und von ihrem Engagement für andere Frauen erzählen. Das Publikum werde klatschen, sich beim Apéro noch mehr schöne Geschichten erzählen und zusammen anstossen, bevor man wieder nach Hause gehe. Ändern werde sich dadurch rein gar nichts. Der Sohn blieb zuhause.

Die Mutter dieses Sohnes ist Thania Paffenholz, Friedensforscherin am Graduate Institute in Genf und Direktorin der Inclusive Peace & Transition Initiative. Am 2. November diskutierte sie mit anderen Expertinnen am «FriedensFrauenTisch» an der Universität Bern die Frage, wie Frauen weltweit an Friedensprozessen beteiligt werden können. Sie stellte fest: ihr Sohn hatte Recht, zumindest in einem Punkt: von den rund 40 Besucherinnen konnte man die männlichen an einer Hand abzählen. «Sobald in einem Veranstaltungstitel das Wort «Frauen» vorkommt, fühlen sich die Männer nicht angesprochen», sagt Paffenholz. «Wenn wir eine Diskussion mit beiden Geschlechtern haben wollen, müssen wir den Inhalt bewerben.»

Frieden als Männerdomäne?

Der «FriedensFrauenTisch» wurde von FriedensFrauen Weltweit initiiert, international als PeaceWomen Across the Globe (PWAG) bekannt. Ein Netzwerk von 1000 Frauen, die 2005 für den Friedensnobelpreis nominiert wurden. Die internationale Organisation mit Sitz in Bern setzt sich für mehr Frauen in der Friedensförderung ein. Vergangenes Jahr hat das Team 30 Friedenstische für Frauen in Konflikt- oder Post-Konfliktregionen durchgeführt, unter anderem in Mali, Afghanistan, Kolumbien, der Demokratischen Republik Kongo. Dabei ging es um ihre Rolle in Verhandlungen, bei der Versöhnung und im praktischen Alltag. Der Abend in Bern ist der 31. und letzte dieser Friedenstische, der die Resultate in die Schweiz bringen will.

Denn sowie das führen von Krieg gilt auch das Aushandeln von Frieden noch immer als Männerdomäne. So zeigt etwa eine Studie von UN Women, dass in 31 grossen Friedensprozessen zwischen 1992 und 2011 nur zwei Prozent der Chefvermittler, vier Prozent der Zeugen und neun Prozent der Unterhändler Frauen waren. Daran hat auch die Uno-Resolution 1325, die im Jahr 2000 vom Sicherheitsrat verabschiedet wurde und unter anderem den Einbezug von Frauen in Friedensprozesse fordert, wenig geändert. 

«Wir müssen aufpassen, Frauen nicht als Alibi in Gremien einzusetzen»

Zu den Erfolgen gehören etwa die Delegation, die den Friedensvertrag 2014 zwischen der philippinischen Regierung und der Moro Islamic Liberation Front unterzeichnete: dort waren Frauen mit 30 Prozent vertreten. Die Chefunterhändlerin und Unterzeichnerin Miriam Coronel Ferrer berichtet in Bern: «Die Verhandlungen waren auch eine Schulung für die Männer im Umgang mit Frauen. Sie lernten etwa, ihnen zuzuhören, eine geschlechter-gerechte Sprache zu gebrauchen und ihnen wie ihren Kollegen die Hand zu schütteln.» Denn bei den Bemühungen geht es nicht nur darum, dass Frauen das gleiche Recht auf Teilnahme haben – sie sind für einen gelungenen Friedensprozess unabdingbar. «In ihren Fähigkeiten zu verhandeln, vermitteln und Allianzen zu schmieden sind sie den Männern oftmals überlegen», beobachtete Heidi Grau, Botschafterin und Chefin der Abteilung Menschliche Sicherheit des EDA.

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Nebst einem verbreiteten Machismo, ist es vor allem fehlende Bildung und finanzielle Mittel, die Frauen in vielen Ländern von Verhandlungen fern halten, so der Tenor der Referentinnen. Deshalb wurde in den vergangenen Jahren viel in sogenannte Trainings investiert, um die Frauen zu schulen und in politische Prozesse einzubinden. Damit sei die Arbeit aber noch lange nicht getan, findet Thania Paffenholz. «Wir müssen aufpassen, Frauen nicht als Alibi in Gremien einzusetzen.» Schliesslich komme es nicht auf die Anzahl der Frauen an, sondern auf die Funktion, die sie inne haben. «Nicht zuletzt müssen wir unsere eigene Perspektive ändern und uns fragen: wie sieht eine inklusive Gesellschaft aus, hier und heute?», so die Friedensforscherin. Denn damit die Bemühungen nicht ins Leere laufen, wie es ihr Sohn kritisierte, brauche es vor allem eines: Mut. Sehr viel Mut. Und dann fordert sie alle im Saal auf, sich selbst zu fragen: «Bin ich bereit dafür?»

 

Über

Samanta Siegfried

Submitted by reto on Di, 10/10/2017 - 09:47

Samanta Siegfried hat 2010 ihre journalistische Laufbahn als Praktikantin beim Zeitpunkt begonnen. Später besuchte sie die Zeitenspiegel-Reportageschule und berichtet seither als freie Journalistin über Gesellschafts- und Umweltthemen, immer auf der Suche nach leisen Tönen und mutigen Taten. Seit Oktober 2017 ist sie als Webredaktorin zurück beim Zeitpunkt und betreut das Infoportal.

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