Mit Extremen jonglieren

Theres Girard ist Künstlerin – und kreativ geht sie auch mit dem Leben um.

Eigentlich könnte ihr das Lachen längst vergangen sein. Doch Theres Girard hat sich ihren Humor bewahrt. Lachen kann sie, dass ihr der Bauch wackelt. Dabei war der Lebensweg der 56-jährigen Künstlerin nicht eben Zuckerwatte. Doch heute ist es ihr wohl. In ihrer kleinen Wohnung – gleichzeitig auch ihr Atelier – werkt, wirkt und lebt sie mit Katze und vielen sozialen Kontakten: «Diese selbstverwaltete Siedlung ist für mich Gold wert, hier hat es Menschen jeglichen Alters für vielfältige Begegnungen – und immer ist jemand da mit einem offenen Ohr.»

Im Korsett
Schon früh liebte sie das kreative Schaffen. «Meine Mutter nannte mich die Künstlerin der Familie. Doch den Traum, die Kunstgewerbeschule zu besuchen, haben die Eltern unterbunden.» Einen Beruf mit Hand und Fuss sollte sie ergreifen. Sie bildete sich gleich doppelt aus: Damenschneiderin und Handarbeitslehrerin, ohne aber je richtig in diesen Berufen heimisch zu werden. Nach mehreren Rauswürfen erlitt sie einen ersten Zusammenbruch. «Als Negativcutterin bei Cinégramm fand ich schliesslich einen guten Job. Das Filmschneiden gefiel mir extrem, ich wollte mich im Videoschnitt weiterbilden.»

Wenn man so richtig unten ist, kann es nur noch aufwärts gehen.

Da kam Paul, ihr zukünftiger Mann und Vater ihrer Söhne. «Ich bewunderte ihn sehr, weil er künstlerisch ausgebildet war.» Bald stellte sich die Frage, ob Kinder oder Job. «Ich wollte unbedingt Kinder. Noch heute das Beste, was ich je in meinem Leben gemacht habe!» Doch im Alltag vermisste sie Raum für Kreativität, ein Leben als Vollzeithausfrau machte sie unglücklich. Aber ihr Mann meinte, er verdiene mehr in seinem Job. Sie widersetzte sich nicht. Nicht offensichtlich.

Dammbruch
Eines Tages fanden sich in der ganzen Siedlung Pauls Kleider verstreut. Auch Laptop und weitere Gegenstände ihres Mannes warf Theres Girard aus dem Fenster. «Es war eine Art Befreiungsschlag ...», sagt sie, doch genau mag sie sich nicht mehr erinnern. Die ausgebrochene Psychose ermöglichte ihr die «Flucht» in die Klinik. «Endlich durfte ich mich erholen. Die Kunsttherapie war das einzige, was ich tun musste und auch tun wollte.»
Es kam eine schwierige Phase: Immer wieder verliebte sie sich hoffnungslos, steigerte sich in Vorstellungen hinein, die keinen realen Bezug hatten. «Langsam lernte ich dann,  Vorstellungen und Ängste zu formulieren und sie mit den Wahrnehmungen des jeweiligen Gegenübers abzugleichen.» Es gelang nicht immer. Mehrere Klinikaufenthalte folgten. Psychopharmaka. Trotzdem war sie weiterhin für ihre Söhne da: «Wir haben viel gewerkelt, und ich holte sie dort ab, wo sie waren. Das war mir wichtiger als der Staub am Boden ...» Dann hat ihr Mann sie verlassen. Sie hat darauf bestanden, dass ihre Männer nun gemeinsam eine Männer-WG gründen sollten.
«Ich fühlte mich total befreit.» Sie zog in eine kleinere Wohnung und begann ihr eigenes Leben einzurichten. Täglich arbeitete sie nun intensiv in der Kachina-Malwerkstatt Winterthur, wo Menschen mit psychischen Problemen Raum und Materialien angeboten werden, um kreativ zu wirken. So lernte sie unglaublich viel dazu und knüpfte neue Kontakte. Erste Werke stellte sie im Schaufenster der Malwerkstatt aus und bekam gute Resonanz.
Und wieder ein Hammer: Diagnose Darmkrebs. Ein 30 cm grosser Tumor musste ihr aus dem Bauchraum entfernt werden: «Das ist die Säuberung von allem. Alles Kranke ist jetzt weg», sprach sie sich zu. «Bei mir muss es eben immer etwas blutig sein – jede Geburt ist schliesslich blutig – so auch mein ganzer Werdegang», sagt sie und weist auf ihr tiefrotes Granatapfelbild.

Das Dunkel leuchtet
Heute weiss sie: «Es holt mich immer wieder ein – doch der Umgang damit ist zentral.» Noch immer nimmt sie verschiedene Medikamente. Für ihre Problematik gibt es sogar einen Namen: «Schizoaffektive Wahrnehmung». Sie hat gelernt, damit zu jonglieren. Und manchmal helfe auch Verdrängen oder einfach den heutigen Tag zu nehmen.
Ihre Bilder sind farbig und leuchten intensiv. Immer aber ist da auch Dunkel. Sie erklärt: «Kontraste wie dunkles Violett und helles Gelb bringen erst das Licht in ein Bild. Wie auch im Leben. Wenn man so richtig unten ist, kann es nur noch aufwärts gehen …» Kürzlich hat sie in ihrer Wohnung zur Vernissage geladen. Ihre Werke haben ihr viel Lob und auch Verkäufe eingebracht: Was sie schafft, ist expressiv, originell, voller Kraft. Bilder in Acryl, Öl oder Mischtechniken, Skulpturen aus Ton, Holz, Drahtfiguren – auch technisch lässt sich Theres Girard auf keine Weise mehr einschränken. Archaische Frauenfiguren widerspiegeln Aspekte ihrer eigenen Kraft.    

 

02. Februar 2018
von:

Über

Eva Rosenfelder

Submitted by reto on Mi, 09/27/2017 - 11:02

Eva Rosenfelder (*1962)  ist Autorin/Journalistin BR (Weiterbildung SAL) und arbeitet in den Bereichen Natur/Umwelt/Psychologie und Spiritualität. 
Nach einem Grundstudium in Psychologie, lebte sie mit Kind und Kegel mehrere Jahre ein fahrendes Leben. Später widmete sie sich ganz dem Schreiben und der Sprache der Natur. Im Frühling 2017 ist von ihr das Buch "Die Seelenwelt der Pflanzen" (Kailash Verlag) erschienen.
www.natur-und-geist.ch

corva@bluewin.ch