Ärzte in Südtirol kämpfen gegen Zentralisierung durch Rom

Neue Regeln mit mehr Kontrolle durch Rom verursachen heftige Reaktionen bei den Hausärzten in Südtirol. Zudem sollen alle Patientdaten in einem Zentralserver in der italienischen Hauptstadt gespeichert werden. In einem Offenen Brief reagieren die Ärzte auf diese und weitere Pläne, den wir hier veröffentlichen.

In Südtirol ist der Arzt für Allgemeinmedizin die erste und wichtigste Anlaufstelle bei der medizinischen Betreuung der Bevölkerung. Die 250 Hausärzte bieten im ganzen Land, bis ins kleinste Seitental hinein, einen flächendeckenden Dienst rund um die Uhr. Sie sind der erste Bezugspunkt bei jedem gesundheitlichen Problem, die Anlaufstelle für die medizinische Versorgung auch während der Nacht und an den Wochenenden, sie betreuen die Altersheime, Palliativpatienten und Touristen, sie sind als Amtsärzte für die Impfungen und die Koordination der Gesundheitssprengel verantwortlich, in einigen Sprengeln üben sie auch die die Notarzttätigkeit aus. Während der letzten 15 Jahre wurde diese Arbeit durch einen enormen Zuwachs an bürokratischen Auflagen, verbunden mit einer ständigen Zunahme des Patientenandrangs, erschwert. Die Zunahme der Lebenserwartung hat die Zahl der Patientenbesuche und der Visiten von chronisch Kranken in die Höhe getrieben. Es besteht ein großer Mangel an Jungärzten, der in den nächsten 5 Jahren dramatische Folgen zeigen wird, da mehr als 70% der Kollegen sich schon bald dem Pensionsalter nähern. Seit Jahren schlagen wir Alarm und versuchen die politische Seite zum Handeln zu zwingen.

Die Ausgaben für Allgemeinmedizin betragen in Südtirol nur 4,8% vom gesamten Gesundheitsbudget. Im restlichen Italien sind dies 7,8%. Die Stärkung des Territoriums, wie es von politischer Seite seit 10 Jahren angekündigt wird, wäre die Lösung um eine bürgernahe und ressourcenschonende Medizin aufzubauen, doch die Politik hat uns total im Stich gelassen! Als einzige Maßnahme wurde vor einem Jahr der Landesvertrag der Hausärzte einseitig und ohne jegliche Absprache gekündigt, um auch in Südtirol den Nationalen Vertrag anzuwenden. Die Einführung des italienischen Betreuungsmodells bringt unmögliche bürokratische Hürden, eine Schwächung des Territoriums und eine totale Zentralisierung der Betreuung mit sich. Vor allem verlieren Jungärzte Interesse in die Allgemeinmedizin in Südtirol einzusteigen.

Der große Verlierer ist aber das Land, welches ein weiteres Stück seiner Autonomie aufgibt. Durch die Vernetzung, welche seit Jahren als das alle Probleme lösende Allheilmittel an die große Glocke gehängt wird (nur weil es dafür eine Finanzierung aus Brüssel gibt), will man alle Praxen mit einem zentralen Server verbinden, über welchen alle Daten der Patienten nach Rom weitergeleitet werden. Ist der Südtiroler überhaupt darüber informiert, dass schon bald, alles was sein Vertrauensarzt von ihm weiß, an einen staatlichen Server gesendet wird? Das neue italienische Gesetz, die Legge Balduzzi, ist eine juristische Fehlgeburt, die sich mit der Südtiroler Realität nicht vereinbaren lässt. Es wird unser gut funktionierendes und spesenschonendes System in Südtirol innerhalb kurzer Zeit zerstören. Wir Ärzte für Allgemeinmedizin, die im Südtiroler Territorium seit Jahren mit viel Idealismus tätig sind, machen da nicht mehr mit! Als Zeichen unseres Protestes kündigen wir mit 1. Juni 2015 unsere Wochenenddienste, die wir seit Jahren auf freiwilliger Basis, obwohl nicht vom Landesvertrag vorgesehen, übernommen hatten.
(Mitteilung der Hausärzte in Südtirol)

Über

Urs Heinz Aerni

Submitted by reto on Do, 09/07/2017 - 11:10

Urs Heinz Aerni (*1962) besuchte in Bern die Kunstgewerbeschule, in Olten die Buchhandelsschule, machte u. a. in Zürich die Journalismusausbildung und absolvierte die Ausbildung bei BirdLife zum Feldornithologen. Er beschäftigt sich mit Tendenzen in der Gesellschaft und mit der Natur. Er pendelt zwischen Zürich, Berlin, Innsbruck und ist oft in den Bergen. Nebst Schreiben vertritt er den Zeitpunkt als Botschafter.  www.ursheinzaerni.com