Der Tod steht selber an der Schwelle

Die alten Trauerrituale sind verschwunden, die neuen noch nicht wirklich da

Früher war das Leben kurz und der Tod wichtig. Heute ist das Leben lang und aus der privaten Erfahrung fast verschwunden. Gestorben wird im Verborgenen, getrauert auch. Aber es zeigen sich neue Formen im Umgang mit dem Tod, virtuelle Friedhöfe im Internet zum Beispiel.

Das Unbeständige, Flüchtige, Wechselhafte bestimmt den Zeitgeist. Nur Wenige planen noch langfristig, Lebens- und Arbeitsorte werden öfter und immer schneller gewechselt, familiäre Bindungen verlieren an Bedeutung, man trifft sich nicht real, sondern im Web oder schickt SMS. Raum und Zeit werden anders wahrgenommen als früher. Diese Veränderungen berühren auch den Umgang mit dem Tod. Beklagen die einen die zunehmende Tendenz, den Tod zu verdrängen, so meinen andere, der Tod nehme in unserem Alltag mehr und mehr Platz ein. Literatur, Filme, Kunst und Medien zeigten dies deutlich. Von einer Todesbesessenheit wird gar gesprochen.

Eine widersprüchliche Entwicklung lässt sich tatsächlich beobachten, meint der Soziologe Norbert Fischer von der Universität Hamburg: «Auf der einen Seite gibt es die rasant zunehmende Zahl namen- und zeichenloser Rasenbeisetzungen, andererseits findet man neue Formen und Orte im Umgang mit dem Tod, wie Kreuze am Strassenrand oder die Gedenkseiten im Internet.» Zu den Tendenzen in der Bestattungskultur am Übergang vom 20. um 21. Jahrhundert steht eine Entritualisierung, verbunden mit einer Individualisierung und Privatisierung der Trauer. Der zentrale Unterschied zwischen modernen und traditionellen Gesellschaften besteht, schreibt Fischer, in der Art und Weise der Kontrolle des Todes: Der Tod unterliegt einer starken medizinischen, rechtlichen und bürokratischen Kontrolle. Diese Bürokratisierung hat den Menschen den Tod aus den Händen genommen. Auch deshalb fehlt uns die konkrete Erfahrung und Sprache im Umgang mit dem Tod. Der Tod ist auch deshalb aus dem Alltag verschwunden, weil wir die Betagten an Orte bringen, wo der Tod stattfinden darf. Bevor ein Mensch real stirbt, erleidet er bei uns allzu oft erst den «sozialen Tod.»

Dabei hätten wir Menschen als einzige unter allen Lebewesen das Potenzial zu «vernünftigen Sterbewesen», wie der Sozialhistoriker Arthur Imhof, Prof. em. der FU Berlin, feststellt. Den meisten aber fällt das Sterben ausserordentlich schwer. Imhof liefert eine nur auf den ersten Blick paradoxe Erklärung: «Nur wenige von uns glauben uneingeschränkt an eine Auferstehung von den Toten und an ein ewiges Leben. Und damit haben wir auch unsere Unsterblichkeit verloren.» Unser Leben ist also nicht, wie alle landläufig meinen, länger geworden, sondern ist vor diesem Hintergrund, unendlich kürzer. Denn was bedeutet schon die Verdopplung der Zahl irdischer Jahre beim gleichzeitigen Verlust des Glaubens an die Ewigkeit? Und wie sollten wir, da auch noch die Schar unserer Kinder und Kindeskinder stark geschrumpft ist, zumindest in deren Gedächtnis noch eine Zeitlang weiterleben können?
Wir befinden uns also in einer misslichen Verdrängungssituation und die Gründe dafür seien, so der Historiker Imhof, nicht schwer zu finden. Heute können wir mit einer noch nie dagewesenen Lebenserwartung rechnen. Im Vergleich zu unseren Vorfahren vor hundert Jahren wurden uns dank Medizin und Technik zwei oder gar drei «Leben» geschenkt. Stösst uns etwas zu, werden wir repariert und dürfen uns etwas unsterblich fühlen. Täglich wird uns vorgegaukelt, dass es mit Medizin, Fitness und Schönheits-operationen einmal möglich sein soll, den Tod ganz zu verdrängen. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass der Körperkult in unserer Gesellschaft so einen immensen Wert erfahren konnte. Seit der Wegrationalisierung des Jenseits hat unser Körper als Garant des einzig noch verbliebenen irdischen Rests eine ungeheure Aufwertung erfahren. Der eigene Body als Anbetungsobjekt hat Jesus am Kreuz abgelöst, der Kirchgang wurde durch das sonntägliche Biken oder Fitnesspogramm ersetzt. Auch haben wir statt Kathedralen zum Beten, Gotteshäuser erbaut, in denen wir nun die «Götter in Weiss» anbeten. Sie haben den Auftrag, den Tod endlich einmal an die Kandarre zu nehmen. Unsere Mediziner sind so erfolgreich, «dass der neue Wahn des Nichtmehrverwelkens und des Reparaturtriumphs in vielen von uns tiefe Wurzeln zu schlagen vermochte.» Allerdings sind Tod und das Sterben kein medizinisches Lehrgebiet, Ärzte verachten den Tod, sie sind nicht dafür zuständig. Ein Leichnam dient höchstens als anatomisches Präparat. Vielmehr müssen wir uns heute vor den Medizinern schützen, die im Übereifer (oder ist einfach Geldmacherei?) ein würdevolles Sterben nicht zulassen.

Nicht zuletzt spielen die Medien eine grosse Rolle. «Ist der Tod im privaten Alltag abwesend, so aufdringlich ist seine Präsenz in den Medien. Dem Rückgang des primären Todeserlebnisses steht die Allgegenwart des medial vermittelten Todes gegenüber», sagt der Soziologe Fischer. Das führe dazu, dass man sich den Tod als Gewaltakt vorstellt: als Unfall oder Mord, im Krieg oder einer Naturkatastrophe. Der «normale» Tod ist nur interessant, wenn er Prominente trifft. Der Tod hat gemäss Fischer seine «gesellschaftliche Verortung» verloren – ganz im Sinne des Wortes: In den Städten wird die anonyme Bestattung immer beliebter. Auch Trauerzüge sind schon lange von den Strassen verschwunden, weil der «öffentliche Raum im Vergleich zur Bilderwelt des Fernsehens eine immer geringere Rolle spielt.»
Auch im Internet ist der Tod allgegenwärtig. Jede und jeder kann seine Trauer kundtun, wie die zunehmende Zahl von Gedenkseiten verdeutlicht. Der virtuelle Friedhof ist oft Ersatzraum für den realen Friedhof, im Internet finden Trauer und sozialer Austausch statt. War der Tod einmal etwas Fassbares mit einem Leichnam an Ort und Stelle, wird er auch hier einmal mehr «entkörpert». Soziologen können jedoch im Internet durchaus einen «reflektierenden Umgang» mit dem Tod feststellen. Auch der Internet-Experte Prof. Hans Geser von der Uni Zürich kann dieser Entwicklung Gutes abgewinnen: «Virtuelle Gedenkstätten können als Frühindikatoren einer neuen Todeskultur betrachtet werden. Sie entsprechen in vielerlei Weise den Bedürfnissen einer mobilen, komplexen und individualisierten Gesellschaft.»


Neue Wege im Umgang mit Tod, Bestattung und Trauer brachte Ende der achtziger Jahre vor allem Aids. Schlagartig war das Thema nicht nur mehr den Alten vorbehalten. Die Krankheit führte zudem zu einer besonderen Solidarität. Fischer: «Viele Friedhöfe haben Gemeinschaftsgrabstätten eingerichtet. Hier fanden Aids-Opfer ihre letzte Ruhestätte, die sonst als Sozialbestattung möglicherweise an versteckter Stelle hätten beigesetzt werden müssen.» Das Fazit von Fischer fällt darum auch eher positiv aus: Der Umgang mit dem Tod durchläuft gegenwärtig eine grundlegende Zäsur. Strukturen werden aufgebrochen, neue Muster von Tod und Trauer entstehen. Gleichzeitig zeigt sich das Bedürfnis, auf Vergänglichkeit und Tod mit etwas Überdauernden zu antworten, als höchst lebendig. 
01. Januar 2006
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