horizonte Nr. 72

Heilig filmt die wahren Träume

Der deutsche Filmautor Karl-Heinz Heilig erzählt in seinen bewegenden Dokumentarfilmen die Geschichten von Menschen, die ihre Träume wahr machen. Vielleicht kann er das so gut, weil er aus eigener Erfahrung weiss, was es braucht, damit sich Visionen verwirklichen.

 «Häuser für Leute mit wenig Geld und viel Zeit» heisst der Arbeitstitel eines Films von Karl-Heinz Heilig. Er portraitiert fünf Menschen, die sich mit wenig Aufwand, aber viel Phantasie kleine Paradiese erschaffen haben. Vor allem hat er dabei auf seine eigene Erfahrung zurückgreifen können. Von 1989 bis 1991 baute er in Oldenburg ein Haus, das vollständig aus Material besteht, das andere Leute fortgeworfen hatten. Einzig die Stromkabel und den Mörtel musste er kaufen, für insgesamt 2000 Mark. Das kleine Haus ist deswegen keine Slum-Hütte oder ein Brockenhaus-Gebilde, im Gegenteil. Es ist originell, hat echte Wohnqualität und verströmt die Energie eines Gesamtkunstwerkes. Dabei ist Karl-Heinz Heilig kein Heimwerker, dem alles einfach so gelingt, sondern ein eher intelektueller Mensch, der vor seiner Filmkarriere als Planungs- und Forstwissenschaftler an der Uni Oldenburg arbeitete.
 Als er einmal Filmkollegen vom Westdeutschen Rundfunk (WDR) nach Dreharbeiten in der Nähe zu sich einlud, kamen sie gehörig ins Staunen und benachrichtigten umgehend die zuständige Redaktion. Es entstand ein Magazinbeitrag von 15 Minuten über Heilig und sein Haus, der ein einzigartiges Echo auslöste. 35‘000 Zuschauerinnen und Zuschauer schrieben dem WDR und wollten mehr Informationen. Mit einem Buch oder einem Videofilm in der Hinterhand hätte Heilig über Nacht einen Bestseller lancieren können. Aber das hatte das Schicksal für ihn nicht vorgesehen.

 Zurück zu den langsamen Bildern

 Die Subito-Mentalität des Fernsehens, der Quotendruck und die internen Ego-Spiele lasteten so schwer auf ihm, dass er mehr Energie zur Bewältigung des schwierigen Umfeldes aufwenden musste, als für die Arbeit selber. Eine Veränderung war unumgänglich. So wurde Karl-Heinz Heilig 1997 freier Filmautor und -produzent. Sein erstes Filmportrait entwickelte bereits eine Dynamik, auf die er sich nie eingelassen hätte, wenn er zu Beginn die ganze Tragweite erkannt hätte. Der 83jährige, aus einfachen Berner Verhältnissen stammende Walter Barthlome entdeckte als 15jähriger beim Baden in der Senseschlucht einen wunderbaren Platz und beschliesst, dort seinen Traum wahr zu machen, ein Haus zu bauen und einen Garten anzulegen. Die spannende Lebensgeschichte des weltreisenden Barthlome, der sich mit seinen Sprachkenntnissen den Unterhalt verdient und aus dem Alltag eine Fülle von Lebensweisheiten schöpft, diese Geschichte braucht mehr Zeit, als das Budget erlaubt und die Banken zulassen. In seiner Geldnot schreibt Heilig ein kleines Buch über sein angefangenes Filmprojekt und schickt es an Freunde. Die zwei ersten Spender sind zwei Mädchen von mittellosen Künstlerfreunden, die ihr Sparbuch plündern – für Heilig ein symbolkräftiges, gutes Omen. Innert dreier Monate kommen so 200‘000 Mark zusammen, von Menschen, die an die Kraft der Geschichte eines Mannes glauben, der seinen Traum wahr gemacht hat. Ein Jahr verfolgt Karl-Heinz Heilig Walter Barthlome mit der Kamera, beobachtet seine Liebe zu den Pflanzen, lässt ihn erzählen und nähert sich mit ihm der Pforte des Irdischen. Im Verlaufe der Dreharbeiten wird spürbar, dass sich Walter Barthlomes Leben dem Tod nähert. Kaum ist der Film fertig, stirbt Walter.
 

Neue Vorführkultur

 Das berührende Dokument, einer der ganz wenigen privat finanzierten Dokumentarfilme, ist mit seinen 80 Minuten nicht fürs Fernsehen geschaffen, wo es kaum noch Sendeplätze für derartige Werke gibt. Auch die Kinos sind nicht seine Welt. Also muss Karl-Heinz Heilig eigene Projektionsmöglichkeiten realisieren. Ihm schwebt eine neue Vorführkultur vor, in schönen Räumen, in denen man sich wohlfühlt und wo man hinterher noch miteinander über den Film diskutieren kann. In Bern, wo «La casa delle favole» im Kunstmuseum gezeigt wurde, waren alle Vorstellungen während drei Wochen ausverkauft.
 Zum internationalen Tag der Ruhe wurde der Film in der Lamberti-Kirche in Oldenburg gezeigt, mit einem Erfolg, der die kühnsten Erwartungen übertraf. 600 Zuschauer kamen in die Kirche (und zahlten Eintritt), die schliesslich wegen Überfülle geschlossen werden musste.
 Auch seinen neuster Film, ein Portrait des Architekten Marcel Kalberer und seiner Frau, der Bildhauerin Dorothea Kalb hat Heilig keinen Zeitaufwand gescheut. Drei Jahre lang hat er die beiden zu ihren Weidenbauaktionen begleitet und die Lebensfreude mit der Kamera eingefangen, die die lebendige, wachsende Architektur Kalberers bei fast allen Menschen auslöst, die mit ihr konfrontiert werden.
 Im Herbst sollen die «Hausbaugeschichten» fertig werden. Darin kommt u.a. ein Pfarrer vor, der sich in acht Jahren aus Balken von 2,5 Metern Länge (grössere konnte er alleine nicht mehr schleppen) ein wunderbar verwinkeltes, fast magisch wirkendes Haus gebaut hatte. Die Erfahrung war so befriedigend, dass er seinen gut bezahlten Job aufgab und jetzt für und mit Menschen Häuser baut. Auch dieser Film wird nachwirken. Wer hegt denn nicht irgendwo, verschüttet vielleicht, einen Traum von einem Ort, wo man sich selber sein kann, von einem Haus, das genau so ist, wie man es sich wünscht. Dieser Film zeigt, dass dieser Traum berechtigt ist.
 Christoph Pfluger

Folgende Filme sind auf VHS-Videokassette erhältlich:
 «La casa delle favole – das Haus der Märchen» VHS-Video-Kassette. 80 Min. Stereo, Fr. 56.–/33,50 Euro.

 «Zwischen Himmel und Erde – Baukunst der Glücklichen». VHS-Videocassette, 85 Minuten, Stereo, Fr. 61,-/36,- Euro, zzgl. Versand.

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14. März 2007
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