WEF: warten auf den Crash

Letzte Woche fanden zwei Ereignisse statt, zwischen denen sich kaum ein grösserer Kontrast vorstellen lässt: auf der einen Seite das pompöse Treffen der Finanz- und Wirtschaftselite beim diesjährigen Weltwirtschaftsforum inDavos, auf der anderen die hoffnungsvolle Perspektive, die durch die spektakuläre Reise des chinesischen Präsident XI Jinping nach Saudi-Arabien, Ägypten und den Iran im Rahmen von Beijings Projekt der Neuen Seidenstrasse aufgetan wurde.
Im Gegensatz zur bislang vorherrschenden westlichen Politik des «Teile und Herrsche» schafft die von China angebotene Wiederaufbau- und Entwicklungsperspektive die Voraussetzung für die Beendigung der religiösen und anderen Konflikte und Machtspiele im Nahen Osten und letztlich auch für die überwindung der Flüchtlingskrise in Europa. In Davos dagegen herrschte trotz einiger optimistischer Prognosen weitgehend eine Weltuntergangsatmosphäre. Eine der Hauptsorgen war der unhaltbare Absturz der Weltmärkte: «öl- Alptraum beherrscht Davos», lautete eine Schlagzeile bei Bloomberg News.


Eine weitere war der drohende Zerfall der EU und der Eurozone. Ein Redner nach dem anderen warnte vor der Gefahr eines «Brexit» (britischer EUAustritt), andere beklagten, dass die EZB Mario Draghis weiteren Liquiditätszusagen zum Trotz die Banken nicht retten könne. (siehe auch: http://www.bloomberg.com/news/specialreports/davos-w-e-f-2016) Der berüchtigte Milliardär George Soros erklärte, die EU stehe wegen der Auseinandersetzungen in der Flüchtlingskrise «am Rande des Zusammenbruchs». Frankreichs Ministerpräsident Manuel Valls äusserte die Befürchtung, das gesamte «europäische Projekt» könne an den Problemen mit Terrorismus, Populismus und Migranten schon kurzfristig scheitern. Die Realität hat sich schon so weit Bahn gebrochen, dass sogar der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble einen Marshallpan für den Nahen Osten als Mittel gegen die Flüchtlingskrise fordert.


Am Rande des Forums lieferte William White, Vorsitzender des Review Committee der OECD und ehemaliger BIZ-Chefökonom, in einem Interview mit Ambrose Evans-Pritchard vom Londoner Daily Telegraph am 20.1. eine nüchterne Analyse. «Die Lage ist schlimmer als 2007», sagte White. Die in den letzten acht Jahren weltweit akkumulierten Schulden hätten ein solches Niveau erreicht, dass in der nächsten Rezession ein Grossteil davon nicht bedient oder zurückgezahlt werden könne. «Die einzige Frage ist nur noch, ob wir der Realität ins Auge blicken und uns dem, was auf uns zukommt, in geordneter Weise stellen können, oder ob es ungeordnet ablaufen wird. Schuldenerlasse gibt es seit 5000 Jahren, schon seit den Sumerern.» White hat Recht damit, dass ein Schuldenerlass notwendig ist. Leider sagt er nicht, dass zuvor eine Glass-Steagall-Bankentrennung notwendig ist, um zwischen legitimen und illegitimen Schulden zu unterscheiden.




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Caroline Hartmann redigiert den wöchentlichen Newsletter des Schiller-Instituts e.V., aus dem dieser Text entnommen ist. Das Schiller-Institut mit Sitz in Laatzen bei Hannover wurde 1984 gegründet und wendet sich «gegen die trotzigen Anmassungen der Fürstengewalt» (Schiller).


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