Ziviler Ungehorsam in Lausanne

Es ist eine allseits bekannte Taktik: Parteien, ja ganze Regierungen setzen viel daran, um ihr Land für Geflüchtete so unattraktiv wie möglich zu machen – natürlich mit der Idee, die betroffenen Menschen möglichst schnell wieder loszuwerden. Dass die Schweiz da keine Ausnahme macht, zeigte sich spätestens letzten Sommer, als Tausende von Geflüchteten in Como an der Schweizer Grenze ausharren mussten.
Doch es gibt, zum Glück, auch Gegenwehr. Ein Beispiel dafür ist das Collectif R aus Lausanne. Es ist im Herbst 2014 aus der örtlichen Bleiberecht-Gruppe Droit de rester pour tou-te-s hervorgegangen und hat schon kurz darauf mit Aktionen des zivilen Ungehorsams auf sich aufmerksam gemacht. So besetzten Mitglieder des Kollektivs im Frühjahr 2015 die Kirche St. Laurent inmitten der Lausanner Fussgängerzone und brachten dort Geflüchtete unter, die im Rahmen des Dublin-Verfahren ausgeschafft werden sollten. Dass hier schutzsuchende Menschen vor dem Zugriff der Behörden versteckt wurden, sorgte für rote Köpfe und entfachte auch kirchenintern rege Diskussionen über das Kirchenasyl. Tatsächlich musste das Collectif R im Frühling 2016 das Refuge St. Laurent verlassen. Daraufhin verlegte es seinen Standort in die ebenfalls in Lausanne zentral gelegene Kapelle Mon Gré, wo die inzwischen 200 Mitglieder des Kollektivs weiterhin aktiv sind. Bisher konnten sie offenbar 150 Ausschaffungen verhindern, und bereits vierzig Personen haben ein Aufenthaltsrecht in der Schweiz.
Tatsächlich kann ziviler Ungehorsam erst dann sein Potenzial entfalten, wenn es in der Bevölkerung genügend Menschen gibt, die sich über Ungerechtigkeiten empören und dagegen aufbegehren. Das wissen auch die Mitglieder des Collectif R. Deswegen halten sie sich mit ihren Aktionen bewusst nicht verdeckt. Im Gegenteil, sie setzen auf Transparenz. Sie möchten so ein Zeichen setzen gegen jede Form der menschenverachtenden Flüchtlingspolitik und gleichzeitig andere Menschen ermutigen, sich ihnen anzuschliessen und der Propaganda und den Taten rechtspopulistischer Parteien mit Empathie und Entschlossenheit zu begegnen.

www.desobeissons.ch
22. Mai 2017
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