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Wer chronisch krank ein Therapiecamp der Stiftung Auswege besucht, hat eine über 80%-ige Chance, dort gesundheitliche Fortschritte zu machen – und eine 100%-ige, zum Abschied ein sonderbares Buchpräsent zu erhalten, zur Erinnerung an die gemeinsamen Tage, zur Begleitung und Ermutigung auf dem weiteren Weg: gestaltet wie eine Illustrierte – mit über 1400 Bildern auf 344 Seiten -, die Beiträge lang wie Buchkapitel, großformatig wie ein Atlas, in A 4. Einem Atlas gleicht es auch inhaltlich: Es versammelt literarische Landkarten, die unwegsames Gelände abbilden – ein Terrain voller berghoher Fragezeichen, in dem sich Menschen zurechtzufinden versuchen, wenn sie mit großen gesundheitlichen Sorgen Ausschau nach Auswegen halten, die ihnen die Schulmedizin nicht mehr bieten kann. Wie gehe ich damit um, als unheilbar zu gelten, zumindest aus ärztlicher Sicht? Lohnen sich Zuversicht und Geduld? Was kann ich selbst zu meiner Genesung beitragen – während und nach einer Therapie? Wie gehe ich mit Behandlungsangeboten um, die weithin als esoterisch, als unwissenschaftlich gelten? Nützen sie mir nur, wenn ich fest daran glaube, dass sie es tun: als „Placebos“ also? Hilft „positives Denken“? Inwiefern kann schwere Krankheit dazu beitragen, zu sich selbst zu finden? Was tun, wenn sie Sinnfragen aufwirft? Wie gelingt es Angehörigen Schwerstbehinderter, sich ohne Verbitterung mit dem Unabänderlichen abzufinden? Wie können sich Todkranke auf ihr physisches Ende vorbereiten?

Darüber hinaus liefert das Buch Erklärungen für die geradezu unfassbare Erfolgsbilanz der bisherigen 20 „Auswege“-Camps: Wie kann es sein, dass während oder unmittelbar nach nur acht Behandlungstagen von 350 schwerkranken Teilnehmern knapp 300 gesundheitliche Fortschritte machten wie zuvor seit Monaten und Jahren nicht – sowohl nach ihrer eigenen Einschätzung als auch im Urteil von Ärzten, die Vor- und Nachkontrollen vornahmen? Die Medizin, die in den Camps zur Anwendung kommt, weist zwölf Besonderheiten auf, die ein einführendes Kapitel zusammenfasst und nachfolgende näher erläutern: Unter anderem setzt sie systemisch an – sie betrachtet Patienten nicht isoliert, sondern als Teil jener sozialen Systeme, in denen sie erkrankten; sie geht pragmatisch vor; sie beachtet psychosomatische Hintergründe, behandelt Kranke als Einheiten von Leib und Seele. Sie bricht übliche Hierarchien auf: Im Therapeutenteam arbeitet der promovierte Arzt Hand in Hand mit dem Heiler ohne Schulabschluss, und mit den Hilfesuchenden gehen sie eine herzliche Gemeinschaft ein, in der das gegenseitige „Du“ von niemandem als plumpes Anbiedern empfunden wird. Nicht zuletzt setzt die „Auswege“-Medizin auf die therapeutische Kraft des höchsten aller Gefühle: Liebe. „Campteilnehmer spüren aufrichtiges Interesse, Anteilnahme und Wertschätzung, sie fühlen sich an- und ernstgenommen – von Therapeuten, die offenkundig keinerlei finanzielles Interesse daran haben, für sie da zu sein. Alle Teammitglieder sind ehrenamtlich im Einsatz, ohne einen Cent Honorar. Um eine Woche lang zu helfen, schließen sie ihre Praxen, nehmen einen entsprechenden Verdienstausfall in Kauf, oder sie verzichten auf ihren Urlaub. Das macht sie in den Augen von Hilfesuchenden besonders glaubhaft und vertrauenswürdig.“ Nicht von ungefähr hält eines der bewegendsten Buchkapitel ein entschiedenes „Plädoyer für eine karitative Medizin“.

Die meisten Kapitel stammen vom Gründer und Vorsitzenden der Stiftung Auswege, dem Publizisten Harald Wiesendanger. „Wenn damit auch nur einem einzigen Patienten ein Ausweg eröffnet wird, auf den er nicht mehr zu hoffen wagte“, sagt er, „hat dieses Buch seinen Zweck bereits erfüllt.“

Harald Wiesendanger (Hrsg.): Auswege – Kranken anders helfen. Lea Verlag: Schönbrunn 2015, 344 Seiten A4. 29,80 EUR/39,80 CHF. Zu beziehen über den Buchhandel oder direkt bei www.stiftung-auswege.de („Infos“).
11. August 2015
von:

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Christoph Pfluger

Submitted by reto on Do, 07/13/2017 - 08:33

Christoph Pfluger ist seit 1992 der Herausgeber des Zeitpunkt. "Als Herausgeber einer Zeitschrift, deren Abobeitrag von den Leserinnen und Lesern frei bestimmt wird, erfahre ich täglich die Kraft der Selbstbestimmung. Und als Journalist, der visionären Projekten und mutigen Menschen nachspürt weiss ich: Es gibt viel mehr positive Kräfte im Land als uns die Massenmedien glauben lassen".

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