«Schokolade macht schlank»

Die Rolle von Wissenschaftsjournalismus hat sich verändert. PR-Agenturen dringen immer mehr in das Berufsfeld vor und platzieren Beiträge zu gekaufter Forschung.
Von Nina Fargahi (Chefredaktorin EDITO)

Bild: Fotalia

Die Universität Zürich erhält eine wirtschaftswissenschaftliche Professur für das Stillen», schreibt die NZZ am 23. Februar 2018. Die Stiftung Familie Larsson-Rosenquist finanziere diesen Lehrstuhl. Kurz darauf schreibt Markus Müller, Rechtsprofessor an der Universität Bern, der NZZ einen Leserbrief: «Einer professionellen, der Transparenz verpflichteten Medienberichterstattung stünde es gut an, auch darauf hinzuweisen, dass die besagte Stiftung ein international tätiges Unternehmen (Medela) besitzt, das Milchpumpen und Stillzubehör vertreibt.»

Pressemitteilungsticker ots verbreitet Fake-Studie

2015 titelte «20 Minuten»: «Schoggi macht schlank und schlau», abgeschrieben von einer Meldung, die über den Pressemitteilungsticker ots (Original Text Service) in die deutschsprachigen Redaktionen lief. Die gute Nachricht berief sich auf eine Studie des «Institute for Diet and Health», wonach Schokolade den Fettabbau beschleunige und das psychische Wohlbefinden steigere.

Doch weder die Studie noch das Institut existieren. Ein Wissenschaftsjournalist erstellte eine Website und veröffentlichte eine Fake-Studie. Er wollte prüfen, wie einfach sich die Journalistenzunft narren lässt. Und tatsächlich verbreitete sich die Nachricht um die Welt. Wenn in den Redaktionen Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten fehlen, ist die Gefahr gross, dass Fake-Studien den Weg ins Blatt, auf die Website oder in die Sendung finden.

Dabei wird der Einfluss von PR-Beauftragten grösser. Diese diktieren immer häufiger die Berichterstattung über Forschungsergebnisse und Studien. Das ist problematisch, denn für eine seriöse Beurteilung der Fakten und deren Vermittlung braucht es fundiertes Fachwissen und Zeit, um sich mit den neuen Erkenntnissen auseinanderzusetzen.

Beate Kittl, Vorstandsmitglied beim Schweizer Klub für Wissenschaftsjournalismus, entgegnet: «Problematisch an der PR ist nicht Zeit- oder Wissensmangel, sondern der Mangel an Neutralität. Eine Institution wird Forschungsergebnisse anders auswählen und gewichten als eine Journalistin. Aber viele PR-Beauftragte, insbesondere von Hochschulen, haben oft gleichviel oder sogar mehr Fachwissen als die häufig eher generalistisch arbeitenden Journalisten.»

Das Kräfteverhältnis in der Wissenschaftskommunikation hat sich verschoben. Mike S. Schäfer, Professor für Wissenschafts-, Krisen- und Risikokommunikation an der Universität Zürich, sagt gegenüber EDITO: «Es gibt heute weniger Wissenschaftsjournalisten als auch schon, dafür haben viele andere Organisationen und Stakeholder ihre wissenschaftsbezogene PR ausgebaut.» Und ­Wissenschaftsjournalisten hätten immer weniger Zeit und Mittel, die interessengeleiteten PR-Texte adäquat zu prüfen.

Stephan Russ-Mohl, Professor für Journalismus und Medienmanagement an der Università della Svizzera italiana in Lugano, sagt auf Anfrage: «Ein fachkundiger Wissenschaftsjournalist, der Zeit für eigene Recherchen aufbringen kann, würde da und dort kritisch nachfragen und der Forschung eine breitere gesellschaftliche Perspektive geben können. Von PR-Leuten der eigenen Forschungsinstitution sind solche Nachfragen und ergänzenden Sichtweisen kaum zu erwarten.»

Russ-Mohl fasst diese Entwicklung zusammen: «Wissenschaftsjournalismus wird abgelöst durch Wissenschafts-PR, die sich als Wissenschaftskommunikation tarnt. Keine guten Aussichten.» Denn PR-Texte verzerren den Blick auf die Wissenschaft. Die journalistische Aufgabe, Debatten anzuregen und mögliche Vorbehalte zu nennen, findet nicht statt.

«Erhöhte Wachsamkeit, grössere Vorsicht, kritisches Hinterfragen»

Es gibt allerdings ein viel grundsätzlicheres Problem, das nicht nur den Wissenschaftsjournalismus herausfordert, sondern die Wissenschaft selbst. Kooperationen von Universitäten und Hochschulen mit der Privatwirtschaft werfen Fragen nach der Unabhängigkeit der Forschung auf und sind umstritten. Studien und Forschungsergebnisse müssen auf wirtschaftliche und politische Verflechtungen geprüft und beschrieben werden. Das ist eine schwierige Aufgabe.

«Weil der Umfang und die Bedeutung von gesponserten Studien in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen haben, heisst das für den Wissenschaftsjournalismus: erhöhte Wachsamkeit, grössere Vorsicht, kritisches Hinterfragen», sagt Christian Kreiss, Wirtschaftsprofessor an der Hochschule Aalen und Autor des Buches «Gekaufte Forschung: Wissenschaft im Dienst der Konzerne», zu EDITO.

Viele Stiftungsprofessuren würden nur einige Jahre privat finanziert und danach ins normale Uni-Budget integriert. «Anschliessend ist oft nicht mehr einfach zu erkennen, unter welchen Bedingungen der Lehrstuhlinhaber seinerzeit ernannt wurde. Aber auch während der ersten Jahre ist eine Einflussnahme durch den Geldgeber oft nicht einfach zu überschauen, denn normalerweise werden alle Hochschulregularien selbstverständlich eingehalten: objektive Besetzung des Berufungsausschusses, keine direkte Einflussmöglichkeit des Geldgebers und so weiter.» Die Verfahren seien in der Regel juristisch und verwaltungstechnisch völlig korrekt, so Kreiss.

Das sieht auch der Rechtsprofessor Markus Müller so, der sich seit Jahren für die Unabhängigkeit der Forschung starkmacht. Er hat nach einem 100-Millionen-Sponsoring der UBS für die Universität Zürich 2013 den «Zürcher Appell» mitbegründet, in dem 27 namhafte Professoren vor den Gefahren der Kooperationen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft für die akademische Freiheit warnen.

Im Gespräch mit EDITO sagt Müller: «Private Geldgeber dürfen nicht bestimmen, was geforscht wird und mit welcher Zielrichtung.» Man nehme das Anfangsbeispiel, nämlich die neue Professur für das Stillen an der Universität Zürich. Im Vertrag zwischen der Universität Zürich und der Stiftung Familie Larsson-Rosenquist steht doch, dass die Forschungs- und Lehrfreiheit garantiert sei? Das beeindruckt Müller wenig: «In der Verfassung von Nordkorea steht auch, dass die Bürger Meinungs-, Presse-, Versammlungs-, Demonstrations- und Vereinigungsfreiheit geniessen.»

Auch Marcel Hänggi, der für seine Recherchen über die Verbindungen zwischen Hochschulen und Privatwirtschaft von der Zeitschrift «Schweizer Journalist» zum Wissenschaftsjournalisten des Jahres 2013 gekürt wurde, sagt: «Der Vertrag ist formal sauber. Es bleibt aber das Unbehagen, dass die Stifterin laut Stiftungszweck ein explizites Interesse an einem bestimmten Ausgang der Forschung hat – dass nämlich Stillen in möglichst positivem Licht erscheint.»

Katharina Lichtner, die Geschäftsführerin der Stiftung, entgegnet: «Die von der Stiftung durch Schenkungen errichtete Professur ist im Kontext eines internationalen Netzwerks zu sehen, aus denen sich unabhängige Kompetenzzentren entwickeln sollen. Diese sollen Wissenslücken schliessen, um so einen Beitrag zum Erreichen der Sustainable Development Goals der Uno und der Global Nutrition Targets 2025 der WHO zu leisten.»

Ob die Universität Zürich auch ohne dieses Geld auf die Idee gekommen wäre, einen derartigen Forschungsschwerpunkt zu gründen? Hänggi sagt: «Die Universität ist bereit, aus eigenen Mitteln ziemlich viel Geld beizutragen für einen Lehrstuhl, den sie ohne die Stiftung gewiss nicht eingerichtet hätte.» Die Medienstelle der Universität Zürich antwortet:  «Diese zusätzliche Professur für Ökonomik der Kinder- und Jugendentwicklung ist eine wesentliche Stärkung des bereits bestehenden Forschungsbereichs. Deshalb wurde für diesen Lehrstuhl eine Finanzierung gesucht.» Die Professur ist derzeit allerdings noch vakant.

Dieser Fall an der Universität Zürich ist nicht einzigartig. Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit gibt es zuhauf:

  • Interpharma sponserte an der Universität Basel eine Professur für Gesundheitsökonomie.
  • Novartis sponsert einen Lehrstuhl für Gastro­enterologie und Hepatologie an der Universität Zürich.
  • Öffentliche Unternehmen (SBB AG, Gebäudeversicherung Bern, BKW AG) sponsern zusammen mit Securitas eine Professur für «Staat und Markt» an der Universität Bern.
  • Syngenta sponsert einen Lehrstuhl für nachhaltige Agrarökosysteme an der ETH Zürich.
  • Der Versicherungsverband spon­sert einen Lehrstuhl für Versicherungswirtschaft an der Universität St. Gallen.
  • Novartis sponsert ein Augen­institut an der Universität Basel.
  • Credit Suisse sponsert die Forschungsstelle «Center for Innovative Finance» an der Universität Basel.

Die Aufzählung ist nicht abschliessend. Was tun? Laut Müller müssen Rahmenbedingungen ­eines verfassungskonformen Hochschulsponsorings schweizweit einheitlich festgelegt werden. Das würde bedeuten: Kein strukturbildendes Grosssponsoring durch Unternehmen, die ein wirtschaftliches Interesse an den Forschungsergebnissen haben, kein Bestimmen der Forschungsagenda, kein Einsitz der Geldgeber in
Ernennungskommissionen und Advisory Boards, keine Taufe der Forschungseinrichtung nach dem Geldgeber, kein Einfluss auf die Forschungsmethoden und die Publikation und vielleicht die Einrichtung von universitären Ethikkommissionen, die über die Annahme und interne Verwendung von Geldern entscheiden.

Und was bedeutet das für den Wissenschaftsjournalismus? Dieser muss vermehrt darauf achten, woher die Studie stammt und ob Interessenkonflikte vorliegen. Der Ausbau und der Einfluss von PR-Abteilungen einerseits und die privat gesponserte Forschung andererseits führen dazu, dass seriöser Wissenschaftsjournalismus wohl noch nie so herausfordernd war wie heute. Und noch nie so wichtig.

 

01. Mai 2018
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