Tugend der Verlegenheit

Weder dafür noch dagegen, aber doch tolerant – während 500 Jahren war dies die Formel für ein friedliches Nebeneinander. Aber diese Zeiten sind vorbei. Die Grenzen der Toleranz rücken näher.

Illustration: Harry Schaumburger

Es gab eine Zeit, sie ist noch gar nicht lange her, als ein anderer Glaube das Todesurteil bedeuten konnte. Es war eine Zeit, in der die gesellschaftliche Ordnung offenbar so schwach war, dass zu ihrem Erhalt alle Mitglieder dieselben inneren Überzeugungen teilen mussten.

Dann kam ein Augustinermönch daher, schlug seine Thesen an die Kirchentür einer mitteldeutschen Stadt und führte den Begriff «Tolleranz» aus dem Lateinischen in die deutsche Sprache ein. Luther beanspruchte das «Erdulden» vor allem für sich und die Evangelischen, während Häretiker, Täufer und Juden zum Teil bis aufs Blut verfolgt werden durften. Aber: Mit der Reformation wurde die Glaubensfreiheit geboren. Sie hatte zwar eine schwierige, sehr gewalttätige Jugend. Doch heute darf man glauben, was man will.

«Toleranz sollte nur eine vorübergehende Gesinnung sein: Sie muss zur Anerkennung führen.» Goethe schrieb dies in einer Zeit, als die wichtigen Religionskriege ausgefochten waren und sich das Objekt der Toleranz vom Glauben dem ganzen Menschen zuwandte. Nicht nur seine Überzeugungen sollten anerkannt werden, sondern das selbstbestimmte Individuum als unteilbares Ganzes. Die amerikanische, die französische und die bürgerlichen Revolutionen gossen die Grundsätze der Aufklärung dann in einem 150 Jahre langen Prozess in politische Rechte und in eine Staatsform, die Volksherrschaft genannt wird – die Demokratie.

Volksherrschaft funktioniert jedoch nur, wenn ihre Mitglieder frei sind. Wenn sie nicht frei entscheiden können, regieren nicht wir, das Volk, sondern diejenigen, die uns bevormunden, beeinflussen oder manipulieren.
Freiheit ihrerseits bedingt Gleichberechtigung und den Schutz der Persönlichkeit, wie sie in den Menschenrechten formuliert und seit der «Virginia Declaration of Rights» 1776 schrittweise ausgebaut wurden. Aber sie erlangten nie universelle Gültigkeit. Freiheit bleibt bis heute ein Ideal, das durch das Recht nur teilweise geschützt werden kann und zu seiner Verwirklichung auch der Toleranz bedarf, die die Freiheit des Andern zumindest erduldet. Dabei gilt Kants kategorischer Imperativ: «Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.»

Gegen diesen Imperativ verstossen wir heute in so vielfältiger Weise, dass die weiche Toleranz auf harte Grenzen stösst und die freiheitliche Ordnung ernsthaft gefährdet. Dabei sind einerseits historische Kräfte im Spiel, die wir nur bedingt ändern können. Die Zahl der Menschen wächst, ihre Vielfalt, Mobilität und ihr Expansionsdrang nehmen zu, der Freiraum zwischen ihnen schrumpft. Es ist wie in einem Autodrome auf dem Jahrmarkt, in dem die Zahl der Scooter und ihre Geschwindigkeit laufend zunehmen. Wir müssen akzeptieren, dass es ständig mehr Kollisionen gibt und das Spiel irgendwann stockt und still steht, wenn die Regeln nicht geändert werden. Es ist aber auch denkbar, dass die zunehmende Reibung zwischen den Menschen nicht nur zu mehr Konflikten führt, sondern auch zu einem Bewusstseinssprung der Menschheit, die sich als Ganzes erkennt, wie dies der jesuitische Paläontologe und Philosoph Teilhard de Chardin in seinem «Pfeil des Humanen» beschreibt.

Andere Kräfte, die den kategorischen Imperativ bedrohen, könnten wir durchaus beeinflussen. So ist es beispielsweise nicht einsichtig, dass er in der Ökonomie nicht gelten soll, die unendliche Bereicherung jenseits irgendwelcher realer Bedürfnisse nicht nur zulässt, sondern sogar erfordert. Aber noch müssen wir erdulden, dass Superreiche immer mächtiger werden, völkerrechtswidrige militärische Interventionen zunehmen und sich Konzerne hemmungslos ausbreiten und die Welt den Regeln des Geldes unterwerfen, die dem Kapital mehr Rechte gewähren als den Menschen. Herbert Marcuse hat dafür 1965 den Begriff «repressive Toleranz» geprägt, der die Studentenbewegung und die Proteste gegen den Vietnamkrieg nachhaltig beeinflusste.

Neben den Einschränkungen, die uns das Bevölkerungswachstum und die Neokolonialisierung und die daraus folgende Migration auferlegen, sind die Prüfungen unserer Toleranzgrenzen im Alltag nichtig: unflätige Sprache, harte Musik, laute Handy-Gespräche im Zug, originelle Tischsitten im Restaurant oder ein Furz im Konzertsaal. Das gehört heute einfach dazu, trägt aber auch dazu bei, dass wir den Mitmenschen zunehmend als Gegner im Wettbewerb um Lebensraum wahrnehmen. Anstatt tolerant zu sein, ziehen wir uns ins Private zurück oder bekämpfen die Intoleranten.
Die Rechtfertigung liefert uns Karl Popper, der 1945 nach der Niederlage des Faschismus die Regeln der offenen Gesellschaft formulierte und postulierte, es könne keine Toleranz gegenüber Intoleranten geben. Damit hat er natürlich recht. Aber der grosse Philosoph vernachlässigt den Grundsatz, dass Kraft Gegenkraft erzeugt.

Viele Despoten und Demagogen sind erst durch ihre Feinde gross geworden. Ein junges Beispiel liefert Jugoslawien. Nach der Kündigung der Kredite des Internationalen Währungsfonds an das hochverschuldete Land, das man vorher als sozialistisches Bollwerk gegen den sowjetischen Kommunismus hochpäppelte, setzte ein Verteilkampf ein. Dieser spülte in den verschiedenen Bundesstaaten Demagogen an die Macht anstatt Vermittler, mit denen das Problem einvernehmlicher hätte gelöst werden können. Der Kampf gegen Demagogen, der im Fall von Jugoslawien zu einem völkerrechtswidrigen Krieg führte, kann also sehr blutig, sogar mit Kriegsverbrechen enden.

Anstatt Intolerante zu bekämpfen, könnte man auch zu verstehen versuchen, wie Intoleranz entsteht und frühzeitig eingreifen. Deutschland und die AfD liefern dazu Anschauungsunterricht. Die Mitglieder der AfD bestehen zur Hauptsache aus Globalisierungsverlierern, nicht «gefühlten», wie ihnen immer unterstellt wird, sondern realen. Die Wende und die Migration haben den Menschen des deutschen Ostens grosse Opfer abgefordert: Verkauf des Volkseigentums zu Spottpreisen an den Westen, Auslagerung von Arbeitsplätzen, Wegzug von Jungen und eine gewisse Privilegierung der Flüchtlinge. Weil die bundesdeutsche Elite diese Sorgen nicht ernst nehmen konnte, da unerwünschte Fragen der Gerechtigkeit damit verbunden sind, wurde die AfD marginalisiert. Um sich trotzdem Gehör zu verschaffen, musste sie offensiver werden, populistischer und plumper. Das Führungspersonal wurde ausgewechselt, die Demagogen übernahmen. Und jetzt wird die AfD mit guten Gründen als Problem für die Demokratie wahrgenommen, deren Vertreter mit Morddrohungen eingedeckt werden. Der Kampf gegen die AfD wird nicht gut enden, selbst wenn er gewonnen wird. Wie in der McCarthy-Ära in den USA im Kampf gegen viele vermeintliche und ein paar tatsächliche Kommunisten, werden Bürgerrechte eingeschränkt, und die Sicherheit wird brüchiger werden.

Dass der Kampf für etwas viel erfolgreicher sein kann als Null-Toleranz für Unerwünschtes, zeigt das Beispiel der kanadischen Stadt Richmond. Die Polizei kämpfte mit den üblichen, immer schärferen Methoden gegen Verkehrsdelikte und Jugendkriminalität, mit mässigem Erfolg, wie die Rückfallquote von 65 Prozent zeigt. Dann wurde der junge Ward Clapham Hauptkommissar. Er fragte sich, warum die polizeilichen Massnahmen immer so negativ sein müssen und erst nach der Tat eingesetzt werden. Anstatt sich auf Strafzettel zu konzentrieren, begann die Polizei in Richmond damit, Belohnungszettel für gutes Verhalten zu verteilen. Es brauchte etwas Geduld, aber nach zehn Jahren war die Rückfallquote auf acht Prozent gesunken.

Was können wir daraus lernen? Wenn wir Toleranz nur als Duldung von Unerwünschtem verstehen und uns abgrenzen, werden die Verhaltensweisen zunehmen, bis wir glauben, einschreiten und (kontraproduktiven) Druck ausüben zu müssen. Wenn wir Toleranz dagegen als Akzeptanz betrachten, in Beziehung bleiben und das Unerwünschte in geeigneter Form thematisieren, wird der Mensch Mitmensch bleiben, mit dem angeborenen Bedürfnis, dem anderen nichts zuzufügen, was er nicht auch sich selber zumuten würde. Dann wird es uns gelingen, auf einer kleiner werdenden Welt in Frieden zusammenzuleben.

Besonders zuversichtlich bin ich allerdings nicht. Was wir tolerieren müssen, wird immer noch von einer Hierarchie bestimmt, die ihre Macht nicht abgibt, solange wir sie tolerieren. Wenn die Toleranz zu einer echten Quelle der Mitmenschlichkeit werden soll, muss sie sich von einer Tugend der Verlegenheit zu einer Tugend der Überzeugung wandeln, die für alle gilt und mit Zivilcourage vertreten wird. Sonst bleibt uns schliesslich, um zu überleben, nur noch die Intoleranz.

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Christoph Pfluger

Submitted by reto on Do, 07/13/2017 - 08:33

Christoph Pfluger ist seit 1992 der Herausgeber des Zeitpunkt. "Als Herausgeber einer Zeitschrift, deren Abobeitrag von den Leserinnen und Lesern frei bestimmt wird, erfahre ich täglich die Kraft der Selbstbestimmung. Und als Journalist, der visionären Projekten und mutigen Menschen nachspürt weiss ich: Es gibt viel mehr positive Kräfte im Land als uns die Massenmedien glauben lassen".

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