Ehemaliger griechischer Ministerpräsident hinterfragt Kriegsmotive der USA

Die griechischen Waffenlieferungen an die Ukraine spalten Griechenland. Der ehemalige Ministerpräsident Kostas Karamanlis wirft dem Westen eine bewusste Verlängerung des Krieges vor.

(Screenshot: ekathimerini.com)

In einer öffentlichen Rede in Athen am 1.6. kritisierte der ehemalige griechische Ministerpräsident Kostas Karamanlis scharf die US-Politik in der Ukraine, die Abneigung Washingtons gegen eine Verhandlungslösung sowie die sklavische Unterstützung dieser Politik durch die derzeitige griechische Regierung. Der Ex-Premier bemängelte auch die neoliberale Wirtschaftspolitik der Regierung im allgemeinen sowie ihre gefährliche Haltung bei den Spannungen zwischen Griechenland und der Türkei.

Die Entscheidung der griechischen Regierung für Waffenlieferungen an die Ukraine hat eine grosse innenpolitische Kontroverse ausgelöst. Die wachsende Opposition von verschiedenen Seiten spiegelt sich darin wider, dass sich das EIR-Interview mit US-Oberst a.D. Richard Black vom 26.4. auf griechischen Internetseiten rasant verbreitet.

Karamanlis gehört der Neuen Demokratie an, derselben Partei wie Regierungschef Kyriakos Mitotsakis, aber unter seiner Regierung (2004-09) schloss die Regierung den Vertrag mit China über den Ausbau des Hafens von Piräus und entwickelte gute Beziehungen zu Russland, die Neue Demokratie wurde faktisch sogar Schwesterpartei von Präsident Putins Partei Einiges Russland – alles sehr zum Missfallen Washingtons.

Dies war Karamanlis‘ erste ausführliche Rede seit mehr als zehn Jahren, und da in Griechenland der Wahlkampf bevorsteht, gibt sie bereits den Ton der politischen Debatte vor. Zwar blieb er «diplomatisch» und griff den Ministerpräsidenten und dessen Politik nicht direkt an, aber seine Absichten sind politischen Beobachtern nicht entgangen.

Karamanlis warnte vor den Gefahren der westlichen Geopolitik, etwa «die sinnlosen und aussichtslosen Kriege in Afghanistan und im Irak, der sog. Arabische Frühling und etwas früher die Bürgerkriege im ehemaligen Jugoslawien». Und nun sei das Undenkbare geschehen, nämlich ein «grosser Krieg auf europäischem Boden».

Er verurteilte die Aggression Russlands als «illegal, inakzeptabel und verwerflich», warnte aber gleichzeitig, man müsse sich «der Folgen und Gefahren eines Krieges und vor allem seiner Verlängerung» – wahrscheinlich über das ukrainische Territorium hinaus – bewusst sein.

Er befürchtet einen neuen Kalten Krieg, der zu «einer Konfrontation zwischen dem Westen und einer breiten antiwestlichen Front führen könnte. Das heisst, Länder, die aus ihren eigenen Gründen der Ansicht sind, dass das internationale System nach dem Kalten Krieg – politisch, wirtschaftlich und währungspolitisch – von westlichen Prioritäten geprägt ist und weitgehend von diesen kontrolliert wird, zum Nachteil ihrer eigenen Interessen…»

Karamanlis griff auch das Thema Türkei und Zypern auf und warf den USA und der NATO vor, die Türkei zu beschwichtigen, um sie im antirussischen NATO-Lager zu halten. Er schloss mit einem historischen Vergleich:

«Wie Charles de Gaulle der französische Staatsmann und vielleicht wichtigste europäische Führer des 20. Jahrhunderts, es ausdrückte: ‹Patriotismus ist, wenn die Liebe zu deinem Volk an erster Stelle steht. Nationalismus ist, wenn der Hass auf andere an erster Stelle steht. Wir hassen niemanden. Aber wir lieben unser Heimatland und seine Menschen. Aus tiefstem Herzen.› De Gaulle fuhr fort: ‹Mein ganzes Leben lang hatte ich eine bestimmte Vorstellung von Frankreich.› Und wir, mein General, haben analog dazu eine bestimmte Vorstellung von Griechenland.»

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Der Text stammt aus dem (kostenpflichtigen) Newsletter des Schiller-Instituts.