Bedauern reicht nicht – es braucht eine Bitte um Entschuldigung

Sexueller Missbrauch in der Kirche: päpstlicher Hirtenbrief an die Iren

Am 19. März veröffentlichte der Papst einen Hirtenbrief an die Gläubigen in Irland, um nach Jahrzehnten des sexuellen Missbrauchs durch Priester und Nonnen an 35‘000 Kindern einen Neuanfang in der irischen Kirche setzen zu können. Dieses Ziel scheint das Dokument ohne die explizite Bitte um Entschuldigung im Namen der Kirche jedoch sträflich zu verfehlen.

Eine der Kernkompetenzen der Katholischen Kirche liegt in der Bitte um Vergebung von Sündenschuld. Die Frohe Botschaft wie auch der Friede zwischen Menschen und Völkern hängen wesentlich von der Fähigkeit zur Bitte um Versöhnung ab. Der heutige Friede in Europa wäre undenkbar ohne die historische Geste des deutschen Kanzlers Willy Brandt, als er am 7. Dezember 1970 vor dem Ehrenmal des jüdischen Gettos in Warschau niederkniete. Eine solch deutliche Geste und eine ausdrückliche Bitte um Verzeihung erwarten weltweit Abertausende von Frauen und Männern, die durch Priester und Nonnen sexuelle Ausbeutung, physische Gewalt oder psychisch-emotionale Erniedrigungen und Demütigungen erleiden mussten. Aber irgendetwas machte es dem deutschen Papst bisher sowohl gegenüber den Missbrauchsopfern in den USA als auch in Australien und jetzt in Irland unmöglich, die Opfer offiziell und ausdrücklich im Namen der schuldbeladenen Kirche um Verzeihung, Versöhnung und Vergebung zu bitten.

„I am deeply sorry !“
In seinem Hirtenbrief an die Iren schreibt Benedikt XVI. zwar von Reue, Betroffenheit und Scham und dass ihm die Verbrechen im Namen der Kirche ernsthaft Leid täten. Es ist aber nicht die Bitte um Vergebung, die die Opfer mit Recht erwarten. Auch der Präsident der Schweizer Bischofskonferenz, Norbert Brunner, betont in einem Sonntags-Interview: „Ich habe Mühe damit, wenn sich die Kirche als Institution für die Tat eines anderen bei den Opfern entschuldigen soll. Wichtig ist, dass ein Bischof solche Fälle echt bedauert.“ Diese bewusste Beseitigung oder unbewusste Verdrängung von kollektiver Schuld durch die Kirchenleitung und somit auch die Unfähigkeit zur Schuldbewältigung, die eigentlich zur Kernkompetenz der Institution Kirche gehört, ist mehr als bedauerlich. Ohne ausdrückliche Bitte um Vergebung erscheint den Missbrauchsopfern das Bedauern und Mitleid von Papst und Bischöfen gönnerhaft und überheblich. Und die Opfer pfeifen auch auf kirchliche Anlaufstellen, Hotlines und Richtlinien, solange die Kirchenleitung nicht radikal und selbstkritisch nach den Gründen für den Missbrauch in den eigenen Strukturen und in der eigenen Morallehre zu suchen bereit ist.

Gründe sexuellen Missbrauchs
Im päpstlichen Hirtenbrief an die Iren stellt der Papst nicht die für die Missbrauchsopfer wichtige Frage, ob und wie weit die Kirche als Organisation Verantwortung trägt für die jahrzehntelange sexuelle Ausbeutung von Kindern durch eine rigide Sexualmoral und durch das Verschweigen und Vertuschen der abscheulichen Handlungen durch Bischöfe und Ordensobere. Der Papst nennt als Gründen für sexuellen Missbrauch den schnellen sozialen Wandel, die Abnahme der Beachtung traditioneller Frömmigkeitsformen und sakramentaler Bräuche, den Rückgang des täglichen Gebets und der Beichte, den Verzicht auf Strafen bei kirchenrechtlich irregulären Umständen, eine zu grosse Verehrung des Klerus durch die Gläubigen sowie eine zu offene Auslegung des Zweiten Vatikanischen Konzils durch die Priester.

Differenzierte Hilfen und Massnahmen 
Benedikt XVI. empfiehlt als Lösung des Missbrauchs-Problems und zur Heilung der irischen Kirche fleissiges Beten, Fasten und Bibellesen. Und vor allem regelmässige Beichte und Anbetung des Allerheiligsten. In jedem Bistum sollen dafür spezielle Kirchen und Kapellen bestimmt werden. Manche Kritiker halten diese Massnahmen für ungenügend und weltfremd.

Aufgaben für den Staat
Pädophil veranlagte Männer kann man nicht präventiv nicht wegsperren. Und Therapien seien nur bedingt tauglich, weil es sich bei Pädophilie nicht um eine Krankheit handle, die man leicht wegtherapieren könne. Wenn Erwachsene die Generationenschranke nicht einhalten können, braucht es effektive Massnahmen und einen hohen öffentlichen Druck, um Menschen mit diesen sexuellen Präferenzen von der Umsetzung ihrer Neigung abzuhalten.
Erstens müssen unabhängige Anlauf- und Ombudsstellen in allen staatlichen und privaten Schulen, Internaten, Jugend- und Freizeitvereinen geschaffen werden.
Zweitens muss der Staat von Berufsverbänden, die im direkten, nahen und permanenten Kontakt mit Kindern und Jugendlichen stehen, die Schaffung von „Schwarze Listen“ mit den Namen von sexuellen Straftätern verlangen. Diese Listen müssen kantonsübergreifend zugänglich sein.
Drittens gehört auf verschiedenen Altersstufen Sexualpädagogik in den schulischen Lehrplan, damit die Einhaltung der Generationenschranke sowie das Einhalten der respekt- und würdevollen Nähe und Distanz längerfristig wieder zu einer Selbstverständlichkeit wird.
Viertens muss eine vertiefte Reflexion über den sexuellen Missbrauch an Kindern als Offizialdelikt geführt werden. Kinder, die entscheidungsfähig sind, sollten einer Strafverfolgung zustimmen müssen. Müssten Opferhilfestellen, Ärzte oder Pflegefachpersonen, Therapeuten, Lehrpersonen oder Beichtväter Anzeichen von Missbrauch ohne Einverständnis der Opfer der Justiz melden, fühlten sich wohl viele Opfer doppelt missbraucht und würden sich nicht mehr vertrauensvoll an diese Personen und Stellen wenden. Andererseits verstärken Missbrauchsopfer, die keine Anzeige erstatten, die Gefahr, dass ihre Peiniger weitere Kinder und Jugendliche missbrauchen – ein extremes Dilemma, das nur gelöst werden kann, wenn die Gesellschaft Opfer, die an die Öffentlichkeit gehen, nicht stigmatisiert, sondern mit besonderem Respekt behandelt.
Und fünftens müssten die Staaten internationale Massnahmen ergreifen, damit sexueller Missbrauch an Kindern und Jugendlichen auch in Präferenz-Destinationen wie Thailand verunmöglicht wird.

Aufgaben für die katholische Kirche 
In der Katholischen Kirche dürfen erstens Bischöfe fehlbare Priester nach sexuellen Übergriffen auf keinen Fall mehr an einen anderen Ort versetzen, sondern müssen sie in Arbeitsfelder destinieren, wo sie nicht mit Kindern und Jugendlichen in nahen Kontakt kommen.
Zweitens ist eine internationale „Schwarze Liste“ mit Missbrauchs-Tätern nötig, die nicht wie bisher von der Glaubenskongregation, sondern von einem unabhängigen Gremium geführt wird.
Drittens muss ein obligatorischer Informationsaustausch erfolgen, wenn Seelsorger, die sexuellen Missbrauch begangen haben, das Bistum wechseln.
Viertens sollten Priester von der Schweigepflicht in der Beichte dispensiert werden, wenn Kinder von Missbrauch durch Eltern oder Lehrpersonen berichten. Das Beichtsakrament darf auf keinen Fall zum Täterschutz missbraucht werden.
Fünftens muss in Ausbildungsstätten von Ordensleuten, Priestern und weiteren Seelsorgern ein Klima herrschen, wo offen über sexuelle Neigungen gesprochen werden kann, ohne einen Ausschluss zu riskieren und mit der Möglichkeit, später sehr gezielt an Orten eingesetzt zu werden, wo die sexuelle Neigung keine Gefahr für Kinder und Jugendliche darstellt.
Und sechstens müssen die Kirchen für die Opfer „Wiedergutmachung“ leisten. Es ist klar, dass nichts, was geschehen ist, wirklich „gut-gemacht“ und keine Vergangenheit „bewältigt“ werden kann. Starke und ehrliche symbolische Aktionen seitens der Kirche wären aber ein erster Anfang für die neue Gemeinschaft, die gesucht werden muss. Leider schreibt der Papst im Brief an die Iren ebenso von Wiedergutmachungs-Zeichen durch die Kirche wie von einer kollektiven Bitte um Verzeihung. Wiedergutmachungs-Rituale gibt es bisher erst von Seiten der Opfer. Einerseits erheben die Opfer mit Recht Geldforderungen für Therapien und Umschulungen (was in den USA bereits zum Konkurs von Bistümern und Ordensgemeinschaften führte). Andererseits können Opfer in virtuellen Blogs endlich ihren Schmerz, ihre Wut und ihre Ohnmacht öffentlich heraus schreien und werden weltweit gehört (z.B. www.eckiger-tisch.de). Bisher richten sich kirchliche Versöhnungsrituale ausschliesslich an Täter. Das katholische Busssakrament und die reformatorischen Rechtfertigungslehren befreien lediglich die Täter aus ihrer Rolle. Die Opfer werden vergessen und von den Kirchen ihr Leben lang in ihrer Rolle belassen. Die Kirchen feiern regelmässig das 2000-jährige Opferlamm auf dem Altar. Die Katholische Kirche muss dringend Rituale für Opfer und mit den heutigen Opfern schaffen, die eine Chance bieten, etwas vom begangenen Schaden zu heilen und heil zu machen. Nur so kann die Kirche ihre Kernkompetenz im Bereich Versöhnung eines Tages wieder erlangen und glaubwürdig vermitteln.


Zölibat muss fallen – aber wie?
Durch die bekannt gewordenen Missbrauch-Skandale flammt in der Katholischen Kirche die Forderung nach Abschaffung des Zölibats einmal mehr und radikaler denn je auf. Diesmal sind es aber nicht nur Reform-Theologen wie Hans Küng und Eugen Drewermann, sondern auch Bischöfe wie Hans-Jochen Jaschke aus Hamburg und Alois Kothgasser aus Salzburg, die den Pflichtzölibat in Frage stellen, weil diese Lebensform auffallend viele pädophile und ephebophile Männer anziehe. Zweifellos sind pädophile Übergriffe keine direkte Folge des zölibatären Lebens. Pädophilie ist eine angeborene Neigung. Niemand wird auf einmal pädophil, weil er im Internat mit Buben oder Mädchen arbeitet. Einleuchtend erscheint die These, die Eugen Drewermann bereits vor 20 Jahren im Buch „Der Kleriker“ vertrat: dass nämlich zölibatäre Männer, die sich nicht permanent mit gleichaltrigen Frauen auseinander setzen müssen (oder es auch bewusst nicht wollen), auf der psychosexuellen Entwicklung ihr Leben lang auf dem Niveau eines Jugendlichen stehen bleiben und sich darum mit diesen auch besonders nahe, verbunden und solidarisch fühlen.
Sicher ist, dass sich ein junger Mann, der sich sexuell von Kindern und Jugendlichen  angezogen fühlt, unter Umständen den Weg des Zölibats wählen kann, weil er auf diesem Weg eine Lösung seiner Spannung erhofft. Manche Pädophile wie auch Homosexuelle begeben sich ins klerikale zölibatäre System, weil der Zölibat verlangt, die Sexualität generell nicht auszuleben. Wer eine gesellschaftlich inakzeptierte sexuelle Präferenz hat und seine Veranlagung ausleben möchte, den schützt aber weder der Zölibat noch die Ehe davor, das zu tun. Die Tatsache, dass pädophile Männer den Zölibat als erhofften Ausweg aus ihrer inneren Spannung wählen, kann und darf kein hinreichender Grund zur Abschaffung des Pflichtzölibats sein. Das Eheverbot für Priester soll vom Papst oder einem Konzil aus positiven Motiven, freiwillig und aus Überzeugung in aller Würde abgeschafft werden und nicht aus einer Not und der Möglichkeit des sexuellen Missbrauchs heraus oder unter medialem Druck.

An sich wäre das Bekanntwerden der sexuellen Missbräuche in der Katholischen Kirche von Australien über die USA, Chile, Irland, Deutschland, Österreich bis nach Schübelbach und Einsiedeln eine ideale Gelegenheit, um nach Jahrhunderten der repressiven Moral einen offenen und ehrlichen, reifen und konstruktiven Umgang mit Fragen der vitalsten menschlichen Energie zu finden. Die aufgedeckten Missbrauchsfälle sollten eigentlich befreiend wirken. Aber die erfolgten Signale vom Papst im Hirtenbrief an die Opfer und Täter in Irland deuten eher auf eine verstärkte Tabuisierung der Sexualität hin. Und in ihrer Kernkompetenz – der Versöhnung – scheint die Kirchenleitung stärker zu versagen denn je.

Lukas Niederberger, katholischer Theologe, leitete 2001 bis 2007 das Bildungszentrum Lassalle-Haus in Edlibach bei Zug. 2007 trat er, u.a. wegen des Zölibats aus dem Jesuitenorden aus und ist seither als Autor, Kursleiter, Berater, Ritualbegleiter und Zentralredaktor des Kantonalen Pfarreiblatts in Luzern tätig.


Anlauf- und Ombudsstellen bei sexuellem Missbrauch in der Kirche:
Beauftrage des Bistums Basel:
   Marie-Theres Beeler, Büchelistrasse 6, 4410 Liestal, 061 – 921 52 27, [email protected]

Gremium „Sexuelle Übergriffe in der Pastoral“:
   Dr. iur. Adrian von Känel, [email protected]

Kommentar von Ahlaad Piwnik:
Lukas Niederberger schreibt das Zölibat muss fallen und legt eine sechs Punkte umfassene Lösung vor. Damit stehen die pädophilen Männer weiterhin vor der Gemeinde und vor den Kindern. Das eine Organisation solch umfassende und unglaubliche menschliche Verkrüppelungen begünstigt lässt nur einen Schluss zu: Die Organisation (Katholische Kirche) muss weg.

Kommentar von Martin Schmid: Der Körper und die Lust sind heilige Geschenke der Schöpfung
http://www.zeitpunkt.ch/news/artikel-einzelansicht/artikel/der-koerper-und-die-lust-sind-heilige-geschenke-der-schoepfung.html


24. März 2010
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