Forcierte Missionierung seit 9/11

Die schweizerischen Landeskirchen wollen Zehntausende von Gläubigen wiedergewinnen. Die von Thatcher und Reagan in den frühen Achtziger Jahren angestossene konservative Revolution wird auch auf der religiösen Ebene vorangetrieben.

Pfarrer und Bischöfe verteidigen in den Medien Papst Benedikt Ratzingers repressive Sexualmoral und verbreiten ihre weltfremden Theorien, zum Beispiel Präservative würden Ehebruch und Prostitution fördern. In Frankreich werden katholische Priester aus Afrika importiert, um die Religion den Schafen mit Rhythmus, Musik und Exotik besser verkaufen zu können – in Afrika hat die katholische Kirche im Gegensatz zu Europa wachsende Mitgliederzahlen.

Grossplakate und Buswerbung
Seit 9/11 hat sich die bereits in den Neunzigern angelaufene Missionskampagne massiv verstärkt. Grossplakate und Buswerbung mit frommen gelben Sprüchen auf dunkelblauem Grund bilden das Flaggschiff der Siebenjahres-Kampagne der „Agentur C“ zur Verbreitung des christlichen Glaubens. In Genf rufen die Landeskirchen auf städtischen Verkehrsmitteln zur Bezahlung der Kirchensteuer auf, in Basel fährt ein ganzes „Credo“-Tram – das lateinische Wort heisst übersetzt „ich glaube“.

Handküsse für Hochwürden
Noch nicht so extrem wie in manchen islamischen Ländern, aber penetrant genug, drängen die Kirchen in die Öffentlichkeit und ins Privatleben der Bevölkerung. Als Belästigung empfindet die Freidenker-Vereinigung Schweiz diese forcierte Missionstätigkeit und beruft sich auf Trennung von Kirche und Staat, auf Glaubensfreiheit, Verfassung und Menschenrechte. Die Vereinigung richtet sich etwa dagegen, dass sich Politiker mit Handküssen und anderem an kirchliche Würdenträger anbiedern und gegen die geplante Volksinitiative zur Einführung der biblischen Schöpfungsgeschichte im Biologieunterricht.

„Geniesse das Leben“
„Es gibt wahrscheinlich keinen Gott – sorge dich nicht und geniesse das Leben“, so der übersetzte Text einer Buswerbung in England, Spanien und Australien, ist Motto der Organisation „Geniess das Leben“. Sie informiert über die christlichen Kampagnen, organisiert und koordiniert den Widerstand dagegen. In  der Stadt St. Gallen wird mittlerweile keine religiöse Werbung in Fahrzeugen der Verkehrsbetriebe mehr zugelassen.

Selbstbestimmungsrechte
Aber auch auf der islamischen Seite tut sich etwas: Kürzlich hat sich der Zentralrat der Ex-Muslime Schweiz konstituiert. Auch diese Organisation beruft sich auf Religions- und Meinungsfreiheit. Und darüber hinaus spielt sie mit der Parole "Wir haben abgeschworen!" an auf die "Wir haben abgetrieben!"-Kampagne der Frauenbewegung der Siebziger Jahre. Auch heute gelte es, steht auf der Webseite, die Selbstbestimmungsrechte zu erkämpfen: „Wie damals, so stehen auch heute auf der Gegenseite religiöse Kräfte, die meinen, im Besitz ‚ewig gültiger, heiliger Wahrheiten’ zu sein.“

Nicht zuviel Aufmerksamkeit
Ich denke, es ist wichtig, dass die Citoyens und Citoyennes nicht in Vereinzelung sprach- und tatenlos zusehen, sondern sich zusammentun und ihre Stimme angemessen erheben. Zuviel Aufmerksamkeit aber haben die Missionseiferer nicht verdient, dadurch könnten sie gestärkt werden.


Mehr Informationen:

http://www.frei-denken.ch/
http://geniess-das-leben.ch/
http://www.ex-muslime.ch/
Vorwärts Nr. 11/12, vorwaerts.ch

zeitpunkt.ch:
Religion und Macht
Schamanismus, Animismus, Monotheismus
23. März 2009
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