Goethe, Gentleman und Gideon

Interessante Details erfahren Sie hier über Geheimrat Goethe und eine preussische Militärintervention, über Savonarolas Bubenarmee und die französische Armee sowie über Sittenprediger Gentleman und sein Sin City.









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MORAL und MACHTSPIELE
Hingeschaut 3 + 4



Weimar und Mainz

Preussisches Militär hatte die Republik Mainz ausgehungert und zermürbt. Nach der Kapitulation 1793 überwachten Truppen der deutschen Monarchie den Auszug der Revolutionäre und der französischen Soldaten aus der Stadt, denen vom König freier Abzug zugesichert worden war. Konservative gierten nach Opfern. Ein Revolutionär war bereits durchgeprügelt worden, ein anderer, ein bekannter Architekt, sollte dasselbe erleiden.

Im Namen des Herzogs von Weimar intervenierte der mit den Truppen hierher beorderte Geheimrat Johann W. Goethe gegen dieses Ansinnen. Obwohl er die Revolutionäre ihrer Unkultiviertheit und Radikalität wegen verachtete, hielt er vor Mainz die Fahne der bürgerlichen Aufklärung und der Menschenrechte hoch.

Mitgründer der Mainzer Republik war Goethes Bekannter Georg Forster, der James Cook als Naturforscher auf seiner zweiten Weltumsegelung begleitet und die in der Südsee angetroffenen Menschen und Gemeinschaften weitgehend ohne christliche Moral oder romantische Idealisierung beschrieben hatte.

Quelle: Hans Mayer, Goethe – Ein Versuch über den Erfolg.



Florenz und Rom

Die katholische Kirche bekämpfte in der Wert- und Sinnkrise des Spätmittelalters religiöse Erneuerungsbewegungen wie die Katharer mit Militär und Scheiterhaufen. Das Papsttum kämpfte um mehr weltliche Macht. Edelleute, Päpste und Kardinäle ergingen sich in Luxus, sexueller Freiheit und im offenen Zusammenleben mit ihren Kindern aus verschiedenen Kopulationen und Beziehungen.

Die Republik Florenz, wirtschaftlich aufgeblüht durch Kreuzzüge und Kolonialhandel, frönte einer mediteranen Kunstsinnigkeit und Sinnenfreudigkeit. Fanatisch, demagogisch und brutal bekämpften ein Florentiner Mönch und seine Buben-Gottesarmee Ausschweifungen, Heiden und Ketzer. Savonarola errichtete in Florenz einen repressiven Gottesstaat, verbannte die Frauen ins Haus, zwang sie, bei ihren seltenen öffentlichen Auftritten ihren Körper und ihr Gesicht vollständig zu bedecken und auf die Zurschaustellung von Luxus zu verzichten. Wendehals Botticelli wollte nicht seine Besitztümer und Annehmlichkeiten aufgeben und verbrannte seine freizügigen Gemälde wie „Die Geburt der Venus“ öffentlich.

Das Kräftemessen aber gewann der Vatikan, trotz Savonarolas Bündnis mit der französischen Armee. 1496 landete der Machtmensch und Mönch wegen Aufruhr gegen den Staat auf dem Scheiterhaufen.

Mit Luther wird Savonarola manchmal verglichen. Beide waren puritanische Mönche, die in Moraldiskurs und Machtspiele ihrer Zeit eingegriffen und Luxus und Sinnenfreudigkeit der Würdenträger bekämpften. Savonarola war repressiver, extremer Patriarch, während Luther die patriarchale Herrschaft um etwas Aufklärung und Humanismus erweiterte und in seinem Einflussbereich eine Kirchenverwaltung mit flacheren Hierarchien schuf.



Köln und Kingston

Rassen- und Klassenunterschiede verwedelt er gern. Er kommt aus Köln und  verbreitet seine Welthits von Jamaika aus. Seine englischen Texte auf dem „Album „Another Intensity“ drehen sich manchmal um zwischengeschlechtliche Liebe und meist um christliche Religion, tönen wie evangelische Mission und Mystik der Rastafarier. Selten wird das Neue Testament gestreift, etwa wenn Judas geschmäht wird. Das Alte Testament und seine gewaltigen Metaphern frequentiert Gentleman ausgiebiger als die Reggaegrössen der 70-er Jahre. Etwa im Stück „Mount Zion“. Den heiligen Berg der Juden und Christen, Bollwerk gegen die Heiden, bezeichnet er darin als seine geistige Heimat, auf der er immer höher steigt und von der er nie als „Rolling Stone“ abfallen werde.

In mehreren Songs kommt die alttestamentarischen Figur Gideon zu Ehren. Der Grossinquisitor bekämpfte Zeit seines Lebens den sinnenfreudigen Baalkult, konnte ihn aber nicht ausrotten. Die Naturreligion, auch von Moses und Aarons Bewaffneten bekämpft, war eine Bedrohung für die Monotheisten, die Gläubige brauchten, um ihr gewaltiges Zivilisierungswerk zu vollbringen und sich den Erdball untertan zu machen. Gentleman nimmt Gideon diffus als Leitfigur im Kampf gegen Minderheiten, welche Mehrheiten dominieren und gegen die brutale Welt der Wirtschaft.

Im Konzert entgeistert er sich über jemand vor der Bühne: You smoke too much, much too much! – Sittenprediger Gentleman, dein Sin City ist durch zu viel Trieb-/Bedürfnisunterdrückung so, wie es ist, und nicht durch zu wenig.


Hingeschaut 1+2

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28. März 2009
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