Freiheit vom Vergleich

Mehr Geld macht erst dann glücklicher, wenn die Menschen in der näheren Umgebung weniger haben. Zu diesem Schluss kommt eine britische Forschungsgruppe um Christopher Boyce nach einer Studie an 12 000 Menschen. Der reichste Tellerwäscher ist glücklicher als die ärmste Managerin, obwohl er absolut gesehen weniger verdient. Eine weitere Erkenntnis der Studie: wir vergleichen uns meist mit denen, die mehr haben als wir.
Denn solche gibt es fast immer, ausser man heisst Carlos Slim und ist der reichste Mann der Welt. Doch selbst dieser muss sich in Acht nehmen, denn erstens ist er die angestrebte Vergleichsgrösse schlechthin und zweitens kann er sich immer noch fragen: warum kennen alle Bill Gates und mich nicht? Ist das Computergenie nicht doch intelligenter? Kurzum, unter den mannigfaltigen Möglichkeiten zur Absetzung von andern findet man immer irgendeine, in der man nicht an oberster Stelle der Weltrangliste steht, auch wenn man 53,5 Milliarden Dollar besitzt.
«Der Vergleich ist die Wurzel allen Übels», schrieb der grosse Philosoph Søren Kierkegaard einst. Wer frei sein möchte, vergleicht sich besser gar nicht. Das ist einfacher geschrieben als getan – ob das Vergleichen in der menschlichen Natur liegt oder nicht, es ist auf jeden Fall in den Genen unserer Wettbewerbskultur angelegt: sie würde zusammenbrechen, wenn nicht ständig jeder mehr wollte als die anderen. Die liberale Gesellschaft ist gefangen in der Unfreiheit des ständigen Vergleichs.


Mehr zum Thema «Die grosse Befreiung» im Zeitpunkt 110 Ende August 2010.


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23. August 2010
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