Sprachrohr der City beklagt Versagen der Russland-Sanktionen

Der Dollar taugt nicht mehr als Waffe in den Konflikten mit Russland und China, schreibt der Economist, das Hoforgan des Londoner Finanzzentrums

(Illusrtration: Cover Econimist)

In einem namentlich nicht gezeichneten Leitartikel vom 25.8. mit dem Titel «Funktionieren die Sanktionen gegen Russland?» befürchtet The Economist, dass die Antwort «Nein» lautet. Doch die Schlussfolgerungen des Sprachrohrs der Londoner City sind ein Rezept für einen permanenten globalen Krieg in allen Bereichen, nicht nur gegen Russland, sondern auch gegen China.

 

Die Redaktion schreibt, in der Ukraine «findet ein Zermürbungskrieg statt, entlang einer tausend Kilometer langen Frontlinie von Tod und Zerstörung». Doch darüber hinaus «tobt ein anderer Kampf – ein Wirtschaftskonflikt von einer Heftigkeit und einem Ausmass, wie es ihn seit den 1940er Jahren nicht mehr gegeben hat, indem die westlichen Länder versuchen, Russlands 1,8-Billionen-Dollar-Wirtschaft mit einem neuartigen Arsenal von Sanktionen zu lähmen. Besorgniserregend ist, dass der Sanktionskrieg bisher nicht so gut läuft wie erwartet.»

Hinter dem ehrgeizigen Ziel des Westens stecke eine neue Doktrin westlicher Macht. In Anbetracht der strategischen Bedeutung des Economist lohnt es sich, zu zitieren:
«Der unipolare Moment der 1990er Jahre, als Amerikas Vorherrschaft unangefochten war, ist längst vorbei, und der Appetit des Westens, militärische Gewalt einzusetzen, hat seit den Kriegen im Irak und in Afghanistan nachgelassen. Sanktionen schienen eine Antwort darauf zu bieten, indem sie dem Westen erlaubten, seine Macht durch die Kontrolle über die finanziellen und technologischen Netzwerke auszuüben, die das Herzstück der Wirtschaft des 21. Jahrhunderts sind. Das Problem ist, dass der k.o.-Schlag nicht eingetreten ist.»

Russlands Wirtschaft schrumpfe nicht so stark wie erwartet, und es finde neue Märkte für Produkte, die es früher nach Europa verkauft hat. Angesichts der Schwächen der Sanktionswaffe, wie zeitliche Verzögerung und negative Rückwirkungen, rät der Economist,
«alle Illusionen zu verwerfen, dass Sanktionen dem Westen eine billige und asymmetrische Möglichkeit bieten, China, eine noch grössere Autokratie, zu konfrontieren. Um vor einer Invasion Taiwans abzuschrecken oder dafür zu strafen, könnte der Westen Chinas Reserven in Höhe von 3 Bio. Dollar beschlagnahmen und seine Banken aussperren. Aber wie im Falle Russlands wäre es unwahrscheinlich, dass Chinas Wirtschaft zusammenbricht. Und die Regierung in Peking könnte Vergeltung üben, indem sie z.B. dem Westen Elektronik, Batterien und Arzneimittel entzieht, so dass die Walmart-Regale leer bleiben und Chaos ausbricht. Da mehr Länder von China als von Amerika als grösstem Handelspartner abhängen, wäre die Durchsetzung eines weltweiten Embargos noch schwieriger als gegenüber Russland.»

Nichtsdestotrotz sei die gute Nachricht, dass
«sich die Demokratien an diese Realität anpassen. Schwere Waffen strömen in die Ukraine, die NATO verstärkt Europas Grenzen zu Russland, und Europa sichert sich neue Gasquellen und beschleunigt den Wechsel zu sauberer Energie... Die Ukraine steht für eine neue Ära des Konflikts im 21. Jahrhundert, in der die militärischen, technologischen und finanziellen Elemente miteinander verflochten sind. Aber es ist keine Ära, in welcher der Westen von seiner Vormachtstellung ausgehen kann. Niemand kann einer Aggression allein mit Dollar und Halbleitern begegnen.»

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Der Text stammt mit Zustimmung des Verlags aus dem (kostenpflichtigen) Newsletter des Schiller-Instituts.

02. September 2022
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Kommentare

Ende des US-Imperiums

von Ginzoo
Was wir gerade bestaunen dürfen, ist der Untergang des US-Imperiums und ihrer Hegemonie in Europa. Der Gegenpol dazu lässt sich nicht mehr kontrollieren, da zu viele Staaten daran partizipieren und noch partizipieren werden, weil es einfach das (gewalt)freiere Modell zu sein scheint: Man höre Putin genau zu, wenn er auf den eigenen Wirtschaftsforen spricht... Schade, dass wir Europäer immer noch blind nach der Pfeife in Washington und WEF tanzen.