Der Horror von Köln

Durch die Ereignisse am Hauptbahnhof in der Silvesternacht 2015/16 wurde Köln zu einer Art Chiffre barbarischer Gewalt knapp unterhalb von 9/11. Die schaurigsten Pegida-Fantasien schienen wirklich zu werden: Zu Hunderten fallen „Araber“ über wehrlose deutsche Frauen her – und dies auch noch vor den Augen einer völlig überforderten Polizei. Eine „fremde“, bedrohliche und aggressive „Kultur“ erschien von nun an als größtmögliche Bedrohung für „unsere“ Zivilisation. Doch was ist in Köln wirklich geschehen? Und was wurde aus den Mörderbanden vermeintlich ausländischen Ursprungs? Jens Wernicke sprach mit dem in Köln lebenden investigativen Journalisten und Buchautor Walter van Rossum.

Herr van Rossum, die Ereignisse des letzten Silvesters in Köln haben Sie sowohl als Kölner als auch als Journalist nicht mehr losgelassen. Auf „Deutschlandfunk“ erschien daher vor kurzem ein beachtenswertes Feature von Ihnen hierzu. Ist inzwischen klar, was da genau, was wirklich geschah?
Es stehen ca. 1.200 Anzeigen im Raum. Der größte Teil betrifft Handydiebstahl oder ähnliche kleinkriminelle Delikte, bei ca. 500 Anzeigen geht es um Sexualdelikte. Allerdings muss man da differenzieren. Es hat keinen einzigen Fall von erzwungenem Geschlechtsverkehr gegeben – auch wenn man kürzlich noch versucht hat, zwei Fälle nachzuliefern. Bei 21 Anzeigen geht es um Vergewaltigung als Form sexueller Nötigung. In diesen Fällen sollen etwa Finger in die Geschlechtsteile eingeführt worden sein.
Bei dem Gros der Anzeigen von Sexualdelikten handelt es sich um 470 Fälle von sogenannter sexueller Beleidigung – also Handlungen, die im Volksmund etwa „Grabschen“ heißen. Strafrechtlich gehören die eher zu den Bagatelldelikten, doch man sollte die Leiden auch dieser Opfer nicht kleinreden. Es geht nicht nur um das Betatschen an sich. Die bedrohlichen Umstände, unter denen das geschehen ist, können durchaus die traumatisierende Wirkung gesteigert haben.
Aufgrund dieser Anzeigen sind von einer zeitweilig über hundertköpfigen Sonderkommission mit hervorragenden technischen Mitteln in aufwendigster Kleinarbeit bislang 175 Beschuldigte ermittelt worden, davon geht es bei 37 Beschuldigten um Sexualdelikte. Von den 175 sind 66 Asylsuchende, 18 waren sogenannte Illegale. Nach Herkunftsländern waren von den 175 Beschuldigten 51 aus Algerien, 55 aus Marokko, 3 aus Libyen, drei aus Tunesien, 19 aus dem Irak, 13 aus Deutschland und 12 aus Syrien und der Rest verteilt sich auf ein Dutzend anderer Länder. Allerdings waren zum Beispiel die 13 Deutschen gar nicht direkt an den Ereignissen beteiligt, sondern haben sich im Umfeld der Taten strafbar gemacht, etwa als Hehler.
Wenn man die Ereignisse rückblickend halbwegs nüchtern analysiert, dann haben wir eine riesige Zahl an Anzeigen, von denen der überwältigende Anteil – rein strafrechtlich gesehen – Bagatelldelikte zum Inhalt hat. Bis auf die 21 Fälle von versuchter Vergewaltigung im oben beschriebenen Sinne. Ich vermute mal, das entspricht in etwa dem Pensum eines ganz normalen Karnevaltages und vermutlich ist an Karneval die Dunkelziffer – also die Zahl der nicht angezeigten Fälle – noch weit höher. Ansonsten muss man einfach feststellen: Anzeigen sind noch keine erwiesenen Straftaten. Und bis heute weiß niemand auch nur annähernd, wie viele Täter es überhaupt gegeben hat und wie viele sich an den schweren Sexualdelikten beteiligt haben.

Klingt ein bisschen so, als relativierten Sie die Ereignisse. “Irgendwie also alles gar nicht so schlimm“…
Eine nüchterne Betrachtung wird traumatischen Erfahrungen niemals gerecht. Das Strafrecht selbst relativiert die furchtbarsten Ereignisse und das ist auch gut so. Gleichwohl hat es auch nach meinen Recherchen in der besagten Nacht entsetzliche Szenen gegeben. Die müssen aufgeklärt und strafrechtlich sanktioniert werden.
Aber es gibt auch und vor allem eine besoffene Wahrnehmung der Ereignisse, die nichts mit den hässlichen Tatsachen zu tun hat. Und diese vollkommen haltlose Deutung ist inzwischen tief in die Gesellschaftsfolklore eingedrungen und daher außerordentlich folgenreich. Ob das nun der pathetische Schwachsinn unserer Leitartikler ist oder Abertausende von Hasskommentaren im Netz, die jedem, der noch bei Verstand ist, sehr viel mehr Angst machen müssten als ein Rudel besoffener und marodierender Typen.

Von welchen Mythen reden wir denn genau? Und wie kann es überhaupt zu solchen kommen, wenn das Wissen um die realen Geschehnisse vor Ort und die diesbezügliche Aufklärung doch bis heute nur spärlich vorhanden ist?
Man muss die Mythen schmieden, bevor die Tatsachen sie erkalten lassen. Und das ist hier auf eine Weise gelungen, dass man sich fragt, wie irre das Abendland inzwischen eigentlich geworden ist, wie tollwütig. Und eben, weil man so wenig wusste, hat der Mythos die Dramaturgie übernommen.
Doch das mythische Drama, das hier zur x-ten Wiederaufführung gelangt, ist natürlich die Saga von den arabischen Männern, die deutsche Frauen schänden. Man könnte im Detail zeigen, wie sich dieses Narrativ durch die Geschichte des Abendlandes zieht. Ich erinnere nur an drei Ereignisse: 732 soll Karl Martell – der Hammer – in einer großen Schlacht bei Poitiers die Araber besiegt haben. Historiker des 9. Jahrhunderts sprechen von 350.000 Arabern, die da vernichtet worden seien. Und bis weit in die Gegenwart wird gerne kolportiert, dass wir Karl dem Hammer verdanken, dass Europa damals nicht islamisiert worden sei. Karl Martell allerdings verdankt dieser Geschichte seinen Ruf. Er begründete die Dynastie der Karolinger, aus der bald Karl der Große hervorgehen wird. Im Zusammenhang mit jener Schlacht taucht erstmals der Name Europa auf. Ein europäisches Bewusstsein entsteht sozusagen als Kampfbegriff gegen die arabische Bedrohung. Das Problem ist nur, es gab gar keine arabische Bedrohung. Nach Stand heutiger Forschung war die berühmte Schlacht 732 allenfalls ein Scharmützel mit ein paar Dutzend arabischen Kundschaftern.
1529 und 1683 standen die Osmanen vor Wien. Auch hier rankten sich schauerliche Geschichten über die Araber um den harten Kern der Tatsachen. Doch beide Male wurden sie zurückgeschlagen. Die Araber vor Wien und Karl Martell – diese Ereignisse gehören zur Grundausrüstung des europäischen Selbstbewusstseins und prägen jenseits aller historischen Bedeutung die Seele des weißen Mannes: als Urbild der permanenten Bedrohung durch die Barbaren. Komplett vergessen hingegen sind die Überfälle der Europäer, angefangen bei den Kreuzzügen, der Amnesie verfallen über zweihundert Jahre eines durch und durch barbarischen Kolonialismus, und im toten Winkel unserer Wahrnehmung liegen die muslimischen Staaten, die wir heute mit dem Napalm unserer Überlegenheit „befreien“. Wie viele sind es im Moment noch mal? Doch was auch immer wir machen: Der weiße Mann ist stets Opfer. Opfer des Terrors, Opfer der Flüchtlinge: das ist eine zuverlässige kollektive Grundstimmung.
Man findet in unseren publizistischen Zentralorganen keine einzige Reflexion darüber, was wir den Afghanen angetan haben, heute und in den vergangenen 200 Jahren, man findet ausschließlich unsägliche Lamentos über afghanische Flüchtlinge, die uns auf der Tasche liegen und die Reinheit unserer Kultur bedrohen. Auf diesem aberwitzigen historischen Bewusstsein war es dann nicht schwer, die Ereignisse der Silvesternacht als eine Manifestation jener Bedrohung zu erleben.
Doch lange vor „Köln“, ohne alle historische Kenntnis, geschweige denn persönliche Erfahrung, zelebrierte der Pegida-Mob diese Mythologie vom „Araber“. Und in „bürgerlichen“ Kreisen hatte man längst gelernt, den alten Antisemitismus in einen frischen Antiislamismus umzuarbeiten. Die Techniken und die Rhetorik sind exakt dieselben. Lesen Sie nur mal, was eine Alice Schwarzer ihrem Publikum seit Jahren predigt: Die Scharia hat längst unser Land im Würgegriff und ähnlicher Wirrsinn. Über die Kölner Ereignisse hat sie ein Buch mit dem Titel Der Schock herausgegeben.
Darin schreibt sie über die Armee von Muslimen, die sich als Ort ihres Überfalls nicht umsonst den Platz vor dem Kölner Dom ausgesucht haben: „Männer, die fanatische Anhänger des Scharia-Islams sind (…). An diesem Abend setzten sie eine für sie ganz einfache Waffe ein. Die sexuelle Gewalt. Sexuelle Gewalt ist eine traditionelle Kriegswaffe. (…) Sie bricht die Frauen und demütigt die Männer, die „ihre“ Frauen nicht schützen können.“
Für Alice Schwarzer ist vollkommen klar, dass hier organisierte Dschihadisten am Werk waren. Der IS als besoffene Partytruppe mit Silvesterböllern. Kinder mit dem Zettel „Ich will fucken“ in der Hand. Sie weiß Bescheid und hat genaue Informanten: „Schon vor 15, 20 Jahren hat ein leitender Kölner Polizeibeamter mir anvertraut: ‚70 bis 80 Prozent aller Vergewaltiger in Köln sind Türken‘.“ Und solchen Irrsinn darf sie in öffentlich-rechtlichen Talkshows verbreiten.
Wir wissen heute genau, dass die Taten weder verabredet noch organisiert waren. Doch Justizminister Heiko Maas erklärt der Bild-Zeitung am 5. Januar, was ein Häuptling des weißen Mannes sich einfach vorstellen muss: „Wenn tausend Menschen sich zu einer enthemmten Horde zusammenfinden und das offenbar so geplant war, dann ist das nicht weniger als ein zeitweiliger Zivilisationsbruch. Niemand kann mir erzählen, dass das nicht abgestimmt oder vorbereitet wurde.“ Ein enthemmter Justizminister im Rausch des Zivilisationsbruchs gibt zu Protokoll, was die historische Folklore ihn gelehrt hat.
Rassismus kommt nicht nur aus dem Bauch, im aufgeklärten Europa bedarf es der wissenschaftlichen Begründungen. Eine der aberwitzigsten Expertisen zu Köln stammt vom Bundeskriminalamt. NRW-Innenminister Jäger erklärt in einer Stellungnahme vom 10. Januar: „So liegen dem Bundeskriminalamt Erkenntnisse dazu vor, dass in arabischen Ländern ein Modus Operandi bekannt ist, der als ‚taharrush gamea‘ (gemeinsame sexuelle Belästigung in Menschenmengen) bezeichnet wird. Darüber wurde z. B. anlässlich der ägyptischen Revolution von den Medien berichtet.“ Im Eifer des Gefechts muss den BKA-Orientalisten entgangen sein, dass es sich dabei nicht um eine muslimische Kulturtechnik handelt, sondern um eine gezielte politische Aktion, die durch die grausamen Übergriffe auf protestierende Frauen auf dem Tahirplatz in Kairo traurige Berühmtheit erlangte: Die Geheimpolizei des ägyptischen Präsidenten Mubarak, bekanntlich ein guter Freund des zivilisierten Westens, hatte ihre Männer auf den Tahirplatz geschickt, um Frauen brutal sexuell zu misshandeln – mit keinem anderen Ziel als dem, die Protestierenden gegeneinander aufzubringen.
Den Beweis, dass die Entartung der Barbaren bereits in ihrer Zivilisation angelegt ist, liefert das BKA gewissermaßen auf Bestellung. Sowas weiß der Europäer seit 732. Und es wird geradezu beängstigend, wenn man beobachtet, wie diese völkerkundliche Ente namens „taharrush gamea“ binnen weniger Tage in fast sämtlichen westlichen Medien von Polen bis Kanada zum Motiv für die Kölner Sarazenen avanciert. Welche Moderne wollen wir eigentlich gegen was für Barbaren verteidigen?
Ich erspare Ihnen jetzt mal Beispiele unserer leitartikelnden Besorgnisträger. Aber ich versichere Ihnen, jeder, ausnahmslos jeder, versteht sich als eine Schreibtischausgabe von Karl Martell. Kein Text, der nicht die Zivilisationsgrenzen rauf und runter patrouillierte.
Und das Phantasma hatte die Wahrnehmung aller im festen Würgegriff. Der Beweis? Schauen Sie sich doch bitte mal das berühmte Video an, das gefühlte 4 Millionen Mal über die Bildschirme flimmerte. Die Bilder des Grauens, der letzte Beweis. Doch leider sieht man auf diesem Video nur ein paar Blödmänner, die es krachenlassen – rein silvestermäßig. Ohne den Dom im Hintergrund könnte das auch in Neu-Ulm oder Bremen aufgenommen worden sein. Auch über die Herkunft der Menschen geben die Videos keinerlei Aufschluss. Damit nicht genug: Wenn man sich das Video genauer anschaut, dann sieht man jede Menge Passanten, die unbehelligt ihres Weges gehen. Keine Spur von den hunderttausendfach beschworenen bürgerkriegsähnlichen Zuständen.
Der Mann, der das Video aufgenommen hatte, erklärte hinterher, von den Ausschreitungen nichts mitbekommen zu haben. Ich kenne Dutzende Leute, darunter übrigens auch Frauen, die in jener Nacht am Bahnhof waren und nichts von irgendwelchen marodierenden, frauenschändenden Arabern mitbekommen haben.
Wohlgemerkt, ich sage nicht: Da war nix. Aber was da war, das wollte man möglichst nicht so genau wissen. Denn die Vielzahl fieser, aber meist doch eher kleinkrimineller Taten könnte man leicht ohne durchgeknallte Kulturkampfrhetorik erklären. Doch damit das nicht passierte, musste pausenlos ins mythische Feldhorn geblasen werden. Die fundamentalistische Sicht der Dinge, die hat der schwer aufgeklärte, der vernunftbestimmte und kritikbegabte weiße Mann ins Spiel gebracht.
Sie haben ja vorhin mein Feature für den Deutschlandfunk erwähnt. Nach der Ausstrahlung bekam die Redaktion weit über hundert Reaktionen per Mail, Facebook oder Post. Die allermeisten ergingen sich in wüsten Beschimpfungen, ich verhöhnte die Opfer und verdingte mich als Araberliebchen. Nichts davon war argumentativ ernst zu nehmen. Es ging allein darum, dass ich am Mythos gekratzt und den Vorschlag gemacht hatte, die Sache als – allerdings einzigartiges – Kriminalstück zu untersuchen. Genau das empörte unsere wenig reizenden Wutbürger ausschließlich. „Köln“ hatte ihnen gerade ein großartiges Gesinnungserlebnis beschert, endlich spürten sie ob der Evidenz des Hasses gemeinsamkeitsstiftende Orientierung. Da kam eine frische Brise Faschismus auf und wehte bis weit in die sogenannte Mitte dieser Gesellschaft.

Noch einmal für mein Verständnis: Die Ereignisse waren furchtbar und hätten nicht geschehen dürfen; das leugnen Sie auch nicht. Was Sie stört, ist die Tatsache, dass die Probleme in Richtung politischer Interessen missbraucht wurden, um vor allem Ressentiments gegen Flüchtlinge und Mythen vom „Kampf der Kulturen“ zu schüren?
Es gab einen Umstand, der den Wahn überhaupt erst möglich gemacht hat: Die Falschmeldung der Pressestelle der Kölner Polizei am Neujahrsmorgen: Ganz normale Silvesternacht usw. Wie man heute mit Sicherheit weiß, beruhte diese Meldung auf einer Kommunikationspanne der Polizei. Mit eisiger Präzision haben bestimmte Kreise darauf ihre Behauptung aufgebaut: Polizei, Politik und Medien kollaborieren parteiübergreifend, um die öffentliche Massenschändung deutscher Frauen durch muslimische Flüchtlinge im Schatten des Doms zu vertuschen.
Doch auf diese bloße und leicht widerlegbare Behauptung haben Polizei, Politik und Medien dann panisch reagiert und sich umgehend zum ergebenen Diener dieses Bildes von der öffentlichen Massenschändung deutscher Frauen durch Araber und Nordafrikaner vor dem Dom gemacht. Ab diesem Moment wurden die Ereignisse allesamt und lückenlos nur noch auf politischem, religiösem und ethnischem Niveau verhandelt. Bevor irgendjemand wusste, wieviele Täter eigentlich was für Straftaten begangen haben sollen, war es bereits allgemeiner Konsens, dass alles nur durch die barbarische Zivilisation der Täter und durch ihren religiösen Hintergrund zu erklären sei. Man verhandelte im politisch-medialen Raum keine Straftaten mehr, sondern bekämpfte die Invasion der Barbaren.
Allerdings unterstelle ich den Akteuren jener Öffentlichkeit nicht unbedingt strategische Interessen. Das ist ja fast das Schlimmste dabei. Die meisten waren wohl tatsächlich überrascht und verwirrt. Die haben dann einfach mal die inneren Schleusen aufgemacht – und vorbei war es mit Rechtsstaat, Moderne und Aufklärung. Was allerdings eine ganz wichtige Rolle spielte, war der gesellschaftlich hochgespannte Wartezustand, wie das wohl mit der Lawine, der Flut, dem Strom der Flüchtlinge weitergehen mag.
Merkels Politik, die Lasten der Fluchtimmigration auf alle europäischen Länder zu verteilen, war ganz offensichtlich gescheitert. Merkel wurde von den medialen Eliten und sogar von Leuten aus der eigenen Partei geradezu vorgeführt. Man wusste nicht, wie das weitergehen würde. Die AfD machte erschütternd erfolgreich mobil. Kurz, das ganze Land ersehnte den Funken der Klärung, ein Ereignis, das die Richtung vorgab. Und da kam Köln wie bestellt. Damit will ich aber in keiner Weise behaupten, dass es bestellt war.

…Aber vorhin haben Sie Steuerung angedeutet – zumindest seitens „bestimmter Kreise“, wie Sie es nennen – Vorsatz? Sie haben sogar von „eisiger Präzision“ gesprochen.
Man muss verstehen, was zwischen den Ereignissen und ihrem Erscheinen in der Öffentlichkeit vier Tage später geschah. In dieser Zeit wurde aus einer vermeintlich ruhigen Silvesternacht ein muslimischer Überfall. Und daran haben ein paar Leute heftig geschraubt. Die erste Meldung ging am 1. Januar bei dem Nettwerk Köln ein, einem lokalen Netzwerk, in dem in der Regel gebrauchte Sofas und Nachbarschaftshilfen aller Art angeboten werden. Da sind aber auch schon heftige Diskussionen über „die Flüchtlinge“ geführt worden.
Jene erste Meldung am frühen Neujahrsmorgen war allerdings schon verdächtig „instruiert“. Der männliche Verfasser berichtete von seinen Erfahrungen mit seiner Freundin in jener Nacht. Er wusste sogleich, dass es sich um arabisch sprechende Flüchtlinge handelte und fügte dann noch hinzu, ist es das „wofür ich den halben Inhalt meines Kleiderschrankes gespendet habe? Ist das das neue Köln? Ist das das neue Deutschland?“. Die Polizei hatte erst am 2. Januar nachmittags zum ersten Mal Hinweise auf die Herkunft der möglichen Täter veröffentlicht.
Die Administratoren des Nettwerks haben den Post gelöscht, weil sie dachten, es handelte sich entweder um einen Scherz oder bloße Pöbelei. Vor der Löschung hatte allerdings ein anderer User den Beitrag kopiert und in alle Himmelsrichtungen geteilt. Genauer gesagt, die verblüffend zahlreichen rechten Netzwerke von „Politically incorrect“ bis Kopp-Online – alle waren seit dem 1. Januar voll auf Sendung und verbreiteten Horrornachricht auf Horrornachricht, obwohl sich erst ganz allmählich einige wenige Opfer zu Wort gemeldet hatten. Der User, der den gelöschten ersten Post vervielfältigt hatte, wurde zum Berserker und beschimpfte die Nettwerk-Administratoren als Zensoren und Teil einer Verschwörung. Als Beweis postete er ein Video, in dem sich tatsächlich hässliche Szenen abspielen. Das Video wurde umgehend auf YouTube hochgeladen und eine Million Mal angeklickt.
Unvorstellbar ekelhafte Kommentare veranlassten die YouTube-Administratoren, bald die Kommentarfunktion zu sperren. Bis dann mal jemand feststellte, dass es sich bei dem Video um Aufnahmen vom Tahirplatz in Kairo handelte. Dann erst wurde es gelöscht. Doch nicht nur beim BKA kam die Meldung an. Kurz, man kann ganz klar feststellen, dass – sagen wir mal – Pegida-affine Milieus die Wahrnehmung der Ereignisse mit allen Mitteln in eine ganz bestimmte Richtung gedrängt haben. Sie haben fast schon professionell die Verwirrung um die Falschmeldung der Polizei ausgenutzt, um eine pogromähnliche Stimmung zu erzeugen. Und diese Matrix hat sich bis ins Detail durchgesetzt. Sie bestimmt bis heute die Deutung jener Nacht. Und das ist eine Katastrophe, an der die Katastrophe unserer Qualitätsmedien erheblichen Anteil hat.

Und, was meinen Sie, wie kommt es zu so etwas? Ist der Diskurs und ist also die öffentliche Meinung in Deutschland einfach inzwischen „so rechts“ – oder wurden Ihrer Einschätzung nach hier konkrete Interessen in Rassismus und Ideologie umgemünzt? Und wenn Ja: Um welche Interessen welcher Kreise geht es hier im Hintergrund und warum verlief der Diskurs dann, wie er verlief?
Ich sage es noch einmal: Der weiße Mann setzt die Welt in Brand und doch fühlt er sich stets als Opfer. In gewisser Weise fühlt er sich ja sogar zu Recht bedroht. Wenn man pausenlos den Rest der Welt beschießt, wird gelegentlich zurückgeschossen. Allerdings haben wir mittlerweile sagenhafte Techniken entwickelt, unsere Aggressionen als entweder defensiv, bloß reaktiv oder gar humanitär zu verstehen. Trotzdem hat sich so etwas wie eine dunkle Ahnung eingestellt, dass die Menschenmassen, die ums nackte Leben rennen, uns zwingen, Farbe zu bekennen. Und an leuchtenden Bekenntnissen hat es nicht gefehlt. Ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung hat selbstlos Kleidung, Geld und Arbeit zur Betreuung von Flüchtlingen beigesteuert. Anders die Eliten und Institutionen: Flüchtlinge haben die EU zu einem moralischen und politischen Offenbarungseid gezwungen. Durch sie sind faschistoide Gruppen und Netzwerke wieder gesellschaftsfähig geworden. Dialektik der Aufklärung. Die Moderne sucht mal wieder bei den Dämonen Rat.
Moderne Würdenträger, die sonst penetrant unsere Werte beschwören, kapitulieren ohne Not vor diesen Werten. Horst Seehofer erklärt, Deutschland sei nicht das Sozialamt für die ganze Welt. Der Kirchenfürst Reinhard Marx ergänzt, Deutschland könne nicht alle Notleidenden der Welt aufnehmen, es gehe nicht um Barmherzigkeit, sondern um Vernunft. Man könnte glatt den Eindruck haben, wir hätten tapfer das letzte Hemd geteilt und jetzt gäbe es nichts mehr zu verteilen. Auf Erden gibt es drei Milliarden Notleidende, 80 Millionen davon sind auf der Flucht. In Deutschland haben letztes Jahr knapp 500.000 Menschen einen Asylantrag gestellt. Das entspricht nicht einmal einem Prozent der globalen Kriegs-und Armutsmigration. Der allergrößte Teil der Flüchtlinge wurde von bettelarmen Ländern wie Kenia, Libanon und Pakistan aufgenommen.
Mit anderen Worten: Das Abendland befindet sich auf der Flucht vor ein paar Hunderttausend Flüchtlingen, an deren Fluchtmotiven es einigen Anteil hat. Man scheint zu ahnen, dass die Flüchtlinge die menschlichen Unkosten der militärischen und der ökonomischen Globalisierung repräsentieren. Jedes Mittel scheint recht, sich dieses Anblickes, dieser furchtbaren Präsenz zu entledigen. Das ist die Flüchtlingskrise.

Kann man denn – oder können Sie – erklären, wie die Situation nun final derart eskalieren konnte? Wie kam es dazu und warum stellten die Behörden die, wie es so schön heißt, „öffentliche Ordnung“ nicht wieder her und schritten unmittelbar ein?
Das ist ganz einfach: Niemand war auf solche Tumulte vorbereitet. Ein solches Ereignis hat das Land noch nicht gesehen: so viele Straftaten auf so engem Raum, in aller Öffentlichkeit und im Verlauf weniger Stunden – dazu noch in Rufweite eines erheblichen Polizeiaufgebots.
Dazu kamen bestimmte Organisationsprobleme bei der Polizei. Die hatte keine zentrale Einsatzleitung, aber die gibt es nur, wenn man mit Großereignissen rechnet. Deshalb hat die Polizei auch keine Verstärkung angefordert, was durchaus möglich gewesen wäre.
Wenn man sich von der lancierten Vorstellung befreit, dass hier eine Art organisierter Großangriff tausender Araber stattgefunden habe, ein Ereignis von allgemeiner Sichtbarkeit, erst dann versteht man, wie es zu einer so verzögerten Wahrnehmung kommen konnte. Weder Täter noch Opfer noch Polizei oder die zahllosen Zeugen hatten zu einem Zeitpunkt einen Überblick über die Ereignisse.

Und über die „Motive“ der Täter, so von soetwas denn überhaupt gesprochen werden kann, können wir also nach wie vor nur spekulieren, verstehe ich recht? Sie sehen hier aber weniger die unterstellte Religion und Religiosität als Ursache für derlei Handeln an als vielmehr … ja, was eigentlich?
Ich würde mal behaupten, unsere Qualitätsjournalisten haben fast alle Umstände unter den Tisch fallen lassen, die zu einer nüchternen Lesart der Ereignisse hätten verhelfen können. Zum Beispiel die schlichte Tatsache, dass in jener Nacht auch nach dem muslimischen Kalender Neujahr war. Der pure Zufall. Das ist auch kein religiöser Festtag. Zu dieser Gelegenheit haben sich Flüchtlinge in ihren Unterkünften über die sozialen Netzwerke verabredet. Und wo könnten sich solche Heimbewohner, die teilweise von weit herkamen, am besten treffen? Wohl am Bahnhof der beliebten Feiermetropole Köln. Liest man die veröffentlichten Berichte der Polizei oder andere Zeugenaussagen genau, dann fällt auf, dass viele unserer „Islamisten“ komplett besoffen waren. Und wenn ich hier mal auf eigene Erfahrungen in den arabischen Ländern zurückgreifen darf, eines habe ich schon oft erlebt: Alkohol ist nicht deren Droge.
Es gibt noch einen anderen bemerkenswerten Umstand: Der überwiegende Teil der ermittelten Tatverdächtigen stammt aus den Ländern des Maghreb, aus Algerien, Marokko oder Tunesien. Das sind meist sehr junge Männer, die wissen, dass sie kaum eine Chance auf Asyl haben. Die richten sich von vornherein darauf ein, dass sie sich hier als Illegale mit Diebstahl und Ähnlichem durchschlagen müssen. So haben die meisten von denen sich auch schon in ihrer Heimat durchgeschlagen. Und laut Kriminalstatistik machen sich die meisten auch binnen kürzester Zeit hier strafbar. Es gibt viele Gründe, diese Männer zu bedauern, aber leider auch einige, sie zu fürchten.
Ich könnte Ihnen jetzt noch ein Dutzend anderer Punkte nennen, die eine „säkularisierte“, eine aufgeklärte, eine rechtsstaatliche Lesart durchaus plausibel gemacht hätten, doch das Erschütternde ist: Wer nur den Versuch unternimmt, der wird Bekanntschaft mit dem „guten Deutschen“ unserer Tage machen. Ich hätte es nicht gedacht, doch da bläst einem mehr als ein Hauch von Faschismus an. Es stinkt bereits ganz gewaltig.

Ich bedanke mich für das Gespräch.

Walter van Rossum ist Autor, Medienkritiker und Investigativjournalist. Er studierte Romanistik, Philosophie und Geschichte in Köln und Paris. Mit einer Arbeit über Jean-Paul Sartre wurde er 1989 an der Kölner Universität promoviert. Seit 1981 arbeitet er als freier Autor für WDR, Deutschlandfunk, Zeit, Merkur, FAZ, FR und Freitag. Für den WDR moderierte er unter anderem die „Funkhausgespräche“.

Dieser Text erschien zuerst auf den "NachDenkSeiten - die kritische Website". Die Verwertung durch uns erfolgt im Rahmen der Creative Commons Lizenz 2.0 Non-Commercial, unter welcher er publiziert wurde.

05. September 2016
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