Begegnung wird zur Integration

Wie der Verein «Mitenand» in Steinen/SZ zu einem echten Miteinander mit
Flüchtlingen fand. Erzählt von der Mitenanderin

Gestern habe ich mal wieder so richtig viel Liebe verspürt. Die, bei der ich die ganze Welt umarmen, sie hinausschreien möchte. Das zieht die Mundwinkel zu einem liebsten Lächeln hoch. Ich gehe dann wie eine Betrunkene durch die Gegend. So eine Liebe bewirkt viel Positives. Die wahre Freude. Die anderen lächeln liebevoll zurück, drücken mir die Hand.

Diese Riesenportion Liebe habe ich gestern verspürt, nachdem ich vom Mitenand Treffen heimgekommen bin. Mitenand ist eine Gruppe von Leuten aus unserem Dorf, die sich bei der Integration der Flüchtlinge engagieren will. Das war vor ein paar Monaten tatsächlich unsere Absicht. Mittlerweile sind wir sogar ein Verein. So richtig offiziell und schweizerisch. Und ich, zum ersten Mal im Leben, bei so einem Verein dabei. Sogar in der Kerngruppe.

Die Gründung geschah gerade, als die Flüchtlingswellen Schlagzeilen machten. Man soll sich das mal vorstellen, da kommen nicht Menschen an, sondern ganze Wellen. Auch unser Dorf würde mehr fremde Menschen aufnehmen müssen, obwohl viele Bewohner es kaum vermochten, den Flüchtlingen, die schon da waren, einen netten Gruss zu schenken. Ein Eritreer erklärte, dass er sich fühle, als sei er grün und hätte riesige, rote Ohren. Die Leute schauten ihn an, als komme er vom Mars.

Ich bin traurig darüber, dass so viele Flüchtlinge kommen. Ich hätte auch lieber, wenn sie in ihrer Heimat bleiben könnten. Ihre Schicksale sind tragisch. Krieg und Armut sind scheisse. Sie sind hier – traurig, verunsichert, wütend, hoffnungsvoll oder abgestumpft. Egal wie lange wir die Augen verschliessen, sie sind immer noch hier.

Wenn ich im Kopf Lösungsansätze durchspiele, gewinnt in jedem Fall die Idee der freundlichen Integration. Als Mensch, der durch fast sechzig Ländern gereist ist und abgesehen von sehr wenigen Ausnahmen immer mit offenen Armen empfangen wurde, verspüre ich eine Art Verantwortung. Es ist so schön, sich willkommen zu fühlen. Genau dieses Gefühl können wir jetzt zurückgeben.

Damals also, vor Monaten, rief eine rüstige Dame zu einem Treffen. Und siehe da, es gab so manche im Dorf, die ebenfalls den Wunsch verspürten, aktiv mitzuhelfen. Wir kommunizierten, so gut es ging, mit den Menschen, die nie gewählt hatten, hier in Steinen zu landen. Einige wussten noch nicht mal, dass sie in der Schweiz waren oder wo sich dieses Land auf einer Karte befand.


Die Sprache zu lernen war ihnen wichtig, vor allem aber suchten sie den Kontakt zu Schweizern. Sie wollten verstehen, wie wir lebten, welche Traditionen wir feierten und wie wir tickten. Wir einigten uns auf ein wöchentliches Treffen mit offener Türe. Wer kommen mag, kommt, wer nicht, der muss nicht. Von uns sind immer drei bis fünf Freiwillige dabei.

Die ersten Monate liefen gut. Wir trafen uns regelmässig, spielten Spiele, lehrten Deutsch, beschnupperten uns, auch die Flüchtlinge untereinander. Manche von ihnen teilen sich ein Haus oder Zimmer, aber bisher hatten sie sich kaum gekannt. Der Mitenand Treff gab ihnen einen Hafen. Aber auch in der Schweizer Gruppe lief viel. Auch wir beschnupperten uns. Es tut unseren Herzen gut, das Engagement der anderen zu sehen.

Wir gingen spazieren, Volleyball spielen, schwimmen, kochen. Sogar die Eingeschüchtertsten begannen zu lachen, gesundheitliche Beschwerden heilten, Frustrationen wurden aufgefangen. Und da wurde mir bewusst, dass Integration keine einseitige Sache ist, sondern auf beiden Seiten geschieht. Auch wir müssen uns in die neue Situation integrieren. Dem Fluss der Dinge anpassen. Integration darf nicht heissen: Du musst so werden wie wir, sondern: Lass uns gemeinsame Nenner finden und feiern und voneinander lernen.

Die regelmässigen Treffen geben dem Alltag einen Rahmen. Die Flüchtlinge im Dorf wissen, an wen sie sich wenden können. Sie wissen, dass sie auf die Mitenand Gruppe zählen können. Vor einer Woche waren wir draussen auf dem Fussballfeld. Der Tibeter hielt das Baby aus Eritrea in seinen Armen, der Afghane spielte Ball mit dem Bruder des Säuglings, ein Eritreer Federball mit dem Mädchen aus Sri Lanka. Die Gruppe hatte sich in den vergangenen Monaten zusammengeschweisst.
Erst beim Memory-Spiel wurde mir die Idee der beidseitigen Integration so richtig bewusst. Fünf Nationen spielten mit, ausser mir kannte niemand die Regeln. Ich versuchte sie zu erklären, das Spiel nahm aber rasch seinen eigenen Verlauf. Niemand spielte so, wie es gespielt werden sollte. Aus dem Strategiespiel wurde ein Glücksspiel, einige vermischten die Karten gar, bevor der oder die nächste dran war. Einfach um für Verwirrung zu sorgen und die Spannung zu erhöhen.

Anfangs nervte mich das, dann entspannte ich mich. Wer sagt, dass es nur eine Regel geben durfte? Unsere Art ist nicht die einzig richtige. Andersartigkeit bringt Vielfalt, erweitert unseren Horizont und bereichert unseren Alltag.
Gestern gingen wir zusammen in den Tierpark. Eine Gruppe von neunundzwanzig Menschen aus sechs Ländern und drei Kontinenten, mit vier verschiedenen Glaubensrichtungen. Wir gaben aufeinander acht, teilten das Futter für die Rehe, umsorgten die Kinder, lachten, staunten.

Dann fiel der Groschen: Aus Integration wird Begegnung, aus Flüchtlingen Freunde.Der Austausch und nicht mehr das Deutschlernen stand im Vordergrund. Heute fühlt sich kein Eritreer in Steinen mehr als Marsmensch. Die Mitenand Treffen tun allen gut: den Geflüchteten, den Dorfbewohnern und den Vereinsmitgliedern. Blicke sind in den vergangenen Monaten wärmer geworden, Gesichter weicher, Lächeln ehrlicher.Es klingelt… Ein afghanischer Vater mit seiner Tochter steht vor der Tür. Sie halten mir eine Schachtel Kekse hin, sprechen auf Deutsch ein liebevolles Dankeschön, fassen sich an ihre Herzen. Ich fasse an meins. Integration ist viel einfacher, wenn wir sie gemeinsam machen. 

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Nadine Hudson (*1971) ist Webpublisherin und studiert an der Pädagogischen Hochschule Arth Primarlehrerin. Neben ihren Aufgaben als Mutter zweier Teenager führt sie den Blog gfreut.ch über die Freuden, die das Leben jeden Tag bringt, von dem der vorliegende Text stammt.
24. Oktober 2016
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