Chapeau für den «Chessu» in Biel

Das älteste autonome Jugendzentrum der Schweiz

Es war im Sommer 1968. Im Zuge von Solidaritätsprotesten für ihre am Zürcher Globuskrawall beteiligten Mitstreiter forderten Jugendliche in Biel ihren eigenen Freiraum, was vom damaligen Stadtrat nach zähen Diskussionen tatsächlich bewilligt wurde. Und so entstand aus Teilen der 1966 stillgelegten städtischen Gaswerke das schweizweit älteste Autonome Jugendzentrum – nicht-kommerziell, selbstbestimmt, rebellisch (und damit ganz anders als viele der damaligen Jugendhäuser). Bis der Gaskessel – «Chessu» oder «Coupole» genannt – sein erstes Konzert ankündigen konnte, sollten allerdings noch sieben Jahre vergehen. Heute gehört das Bieler AJZ zum festen kulturellen Bestand der Region: bis zu 150 Konzerte, Filme, Workshops, Kurse, politische Events finden dort jedes Jahr zwischen September und Juni statt und ziehen nach Angaben der Veranstalter bis 70 000 Besucher und Besucherinnen an. Vor einigen Jahren wurde der «Chessu» sogar in die Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen (wie übrigens auch das Aareschwimmen).

Doch nun bahnen sich Veränderungen an, sehr zum Leidwesen der AJZ-Verantwortlichen. Das ehemalige Bieler Industrieareal Esplanade soll nämlich sukzessive «aufgewertet» werden: unterirdische Parkplätze, eine riesige Wohnüberbauung mit Läden, eine Art Stadtpark, ein 3-Sterne-Hotel – und mitten drin der «Chessu». Man befürchtet Konflikte zwischen den Ansprüchen der neuen Anwohner und den Bedürfnissen der AJZ-Aktivisten. Dass dadurch die Existenz des «Chessu» in Frage gestellt werden könnte, bestreiten die beteiligten Immobilienunternehmen. Auch die Bevölkerung scheint fest hinter dem Bieler AJZ zu stehen, das im Gegensatz zur Berner Reitschule kaum für Aufruhr sorgt. Offenbar gab es bereits seit den Anfängen regelmässigen und konstruktiven Austausch mit der Politik und den Behörden. So hat der Stadtrat für die Sanierung des inzwischen in die Jahre gekommenen Gaskessels 2,8 Millionen Franken gesprochen. Für den Bieler SP-Stadtpräsidenten Erich Fehr jedenfalls steht fest: «Niemand, der vernünftig denken kann, stellt den Bestand des AJZ infrage.» Möge der «Chessu» also noch lange dampfen!

 

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