Der Wert des Gedruckten

Vor kurzem war ich zu Besuch bei meinen Eltern im Aargau. Beim Aperitif legte meine Mutter ein Buch auf den Wohnzimmertisch, ein Geschichtsbuch über die Schweiz während des Zweiten Weltkrieges. Sie sei am Aufräumen; ob ich dieses Buch haben wolle. Mein Vater nahm sich das Buch aus dem Jahr 1970 und begann zu blättern, zu lesen und zu staunen. Ja, ja, das sei seine Zeit gewesen. Er zitierte Namen aus dem Buch, sah sich alte Aufnahmen an und sagte zu meiner Mutter, dass er es zuerst lesen wolle. Dann gingen wir über zum Abendessen.

Warum schreibe ich das? Das besagte Buch erschien vor rund vierzig Jahren. Als Schüler hatte ich es in den Händen, dann lagerte es in der Hausbibliothek und heute, im Jahre 2017 wird es neu entdeckt und durchs Lesen wieder belebt. Genau das macht es doch aus, das Medium Buch, mit seinen Seiten voller Texte und Bildern, geschützt durch zwei Buchdeckel und oft mit einem Navigationshilfsmittel namens Lesebändchen.

Hätte es dieses Buch damals schon in digitaler Form gegeben, hätten wir vielleicht nicht mehr gewusst, welche Software anzuschliessen sei, wie die Passwörtern lauten, oder es wäre schlicht unentdeckt geblieben.

Hätte es dieses Buch damals schon in digitaler Form gegeben, hätten wir vielleicht nicht mehr gewusst, welche Software anzuschliessen sei, wie die Passwörtern lauten, oder es wäre schlicht unentdeckt geblieben. Wie hätte sich der Autor dieses Buches angesichts des kürzlichen Blätterns in einem Wohnzimmer nach 40 Jahren gefreut.

Oder glauben Sie, ich würde in 30 Jahren irgendwo in einer guten Stube vor einem Bücherregal stehen und sagen: «Sieh mal an, was haben wir da» und überrascht ein E-Book herausklauben, mich hinsetzen und es mir ohne technischen Zirkus und elektronische Hürden bei einem Tee in aller Ruhe zu Gemüte führen?
Ich glaube nicht so recht daran. Deshalb ist eben ein reales Buch also doch ein Wert, der bleibt. Genauso wie ein guter Wein, der auch in 30 Jahren in Form einer wohletikettierten Glasflasche auf dem Tisch stehen wird.

Der passende Buchtipp:
«Die grosse Zukunft des Buches»
von Jean-Claude Carriere und Umberto Eco, Hanser Verlag, ISBN 9783446253780

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