Die Bauern sind nicht so, wie wir sie gerne hätten

Denken die Bauern, die auf die Strasse gehen, nur an sich? – Aus dem Podcast «Fünf Minuten» von Nicolas Lindt.

Mit 40 Kilometer pro Stunde bis nach Berlin. / © Pixabay

Dass die Bauernproteste in Deutschland von den Mainstreammedien in die rechtsextreme Ecke geschoben wurden, war zu erwarten. Auch Schweizer Medien haben sich der Verunglimpfung angeschlossen. Der Tages-Anzeiger stellt die überhebliche Frage, warum die deutschen Landwirte «wütend sind, obwohl es ihnen doch gut geht». Und warnt vor einer «Gefährdung der Demokratie», sofern die protestierenden Bauern «vor umstürzlerischen Parolen ebenso wenig zurückschrecken wie vor Allianzen mit rechtsradikalen Kräften».

Kennen wir diese Sprache inzwischen? Wir kennen sie zur Genüge. Und sie ist auch eine kleine, diskrete Warnung an die Adresse unserer Bauern: Solltet ihr je dasselbe tun wollen wir eure Freunde im Nachbarland, stellen wir euch in die rechte Ecke.

Interessanterweise kommt die Kritik aber auch aus Kreisen, die sich über den Aufstand der Bauern eigentlich freuen müssten. Manche Bürgerrechtskämpfer können den Bauernprotest nur halbherzig unterstützen. Eine Solidarisierung fällt ihnen schwer, denn die Bauern – auch in der Schweiz –, das sind doch dieselben, die sich gegen strengere Pflanzenschutzregeln stellen? Dieselben, die sich strengeren Bio-Kriterien verwehren? Dieselben, die sich härteren Tierschutzbestimmungen widersetzen? Dieselben, die den Abschuss der Wölfe fordern?

Ja, es sind dieselben. Bauern, in ihrer grossen Mehrheit, sind konservative Menschen. Sie arbeiten in der Natur und mit der Natur. Sie leben mit dem Wechsel der Jahreszeiten. Im Frühling erwacht die Natur, im Sommer blüht sie, im Herbst trägt sie Früchte, im Winter schläft sie. Die Natur lehrt die Bauern Geduld und Bescheidenheit, Einsicht ins Unabänderliche, Respekt vor dem Schicksal. Man kann das Wetter nicht zwingen. Es kommt, wie es kommt.

Diese Lebenseinstellung macht die Bauern zurückhaltend gegenüber Veränderungen. Sie halten am Bewährten fest. Wenn der städtische neue Zeitgeist sie dazu drängt, die Dinge zu ändern, wollen sie zunächst einmal nichts davon wissen. «Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht» ist mehr als nur eine Redensart. Dahinter steht die gesunde Skepsis gegen Neuerungen, die nur aus Köpfen und nicht aus dem Boden kommen, die nur ausgedacht, nicht gereift sind. Die Bauern lassen sich Zeit mit dem Prüfen und Ausprobieren neuer Ideen. Und ihre Selbständigkeit ist ihnen heilig. Ihr Land ist ihr Reich, auf dem ihre Tiere und Pflanzen gedeihen. Das erfüllt sie mit bescheidenem Stolz.

Natürlich ist dieses Bild schon lange nicht mehr intakt. Seit Jahrzehnten stehen die Bauern unter dem ständigen Druck, mit der Zeit zu gehen, zu modernisieren, zu mechanisieren und trotz Billigimporten und Staatsabgaben nicht unterzugehen. Der Bauer von heute ist mehr Unternehmer als Landwirt, mehr Maschinist, mehr Agronom und neuerdings mehr Informatiker. Und aus dem einstigen Bauernhof ist ein vollautomatisierter Betrieb geworden, der jeder amtlichen Prüfung standhalten muss, damit der Bauer für sein Wohlverhalten mit den Almosen des Staates belohnt wird.

Trotzdem geben die Bauern nicht auf, weil das Bauern ihnen im Blut liegt und weil sie noch immer eine Verantwortung spüren, eine von Gott gegebene Aufgabe, wenn man so will, für die Ernährung des Volkes zu sorgen. Dafür nehmen sie viel in Kauf und lassen sich viel gefallen, und sie haben auch immer noch einen Rest an Respekt vor den Klugen und den Studierten, obwohl es umgekehrt richtiger wäre – obwohl die Klugen und die Studierten im Grunde den Bauern zuhören müssten. 

Die Bedrängnis der Bauern muss gross sein, bis ihre Ohnmacht in Zorn umschlägt. Aber in Holland, in Frankreich und jetzt auch in Deutschland hat die existenzielle Bedrohung offenbar einen Zenit erreicht, der kein weiteres Ducken und Schlucken mehr zuliess. Obwohl auch im Winter Morgen für Morgen die Arbeit ruft, setzten sich Zehntausende von Bauern im ganzen Land bei Minustemperaturen auf ihre Traktoren und nahmen mit 40 Kilometern pro Stunde den weiten Weg in die Hauptstadt auf sich, um vor dem Brandenburger Tor zu manifestieren, dass sie genug haben: Genug von den Schikanen der Ämter, genug von der Bürokratie, genug von den Steuern, genug von all den ökologischen Anforderungen, genug von den landwirtschaftlichen Billigimporten – vor allem aber genug von einer Regierung, von einem Staat, der ihnen die Luft zum Atmen nimmt.

«GESETZE UND REGELN OHNE VERSTAND – ERST STIRBT DER BAUER UND DANN DAS LAND!» Die mitgetragenen Transparente und die Aussagen einzelner Demonstranten sprachen eine deutliche Sprache: Die Bauern wollen nicht bloss steuerliche Erleichterungen. Es geht ihnen um das Ganze. Um den Staat. Um eine Regierung, die gestürzt werden muss, wenn sie nicht selber abtritt.

Könnten wir uns bessere Bundesgenossen wünschen? Überall in Europa erheben sich Menschen gegen die Technokraten und gegen die Eurokraten, gegen die Cancel Culture, gegen den Krieg. Was mit den Kundgebungen gegen Corona begann, hat sich zu einer Freiheitsbewegung entwickelt, der sich jetzt auch die deutschen Bauern anschliessen. Bei Corona gingen sie nicht auf die Strasse, vielleicht, weil sie von Ausgangssperre und Maskenpflicht nicht im gleichen Ausmass betroffen waren wie die Bewohner der Städte. Aber so ist der Mensch. Wenn überhaupt, kämpft er für die Freiheit erst dann, wenn sie ihm persönlich genommen wird.

Wo Bürgerinnen und Bürger für eine gemeinsame Sache einstehen, haben nicht alle dieselben Motive, und nicht jede Weltanschauung gefällt uns. Niemand ist hundertprozentig so, wie wir ihn gerne hätten. Vielleicht passt es nicht in unser ökologisches Weltbild, dass die Bauern immer noch Düngemittel benutzen. Aber sie sollen es tun, wenn sie glauben, es tun zu müssen. Vielleicht stört es unser veganes Bewusstsein, wenn sie ihre Kälber noch immer zum Schlachthof bringen. Sie sollen es tun, wenn sie glauben, es tun zu müssen. Vielleicht ärgert es uns, dass sie die Wölfe, die ihre Lämmer reissen, erschiessen wollen. Sie sollen es tun, wenn sie glauben, es tun zu müssen.

Drehen wir den Spiess um: Vielleicht ärgern sich die Bauern darüber, dass wir die Wölfe beschützen wollen. Doch warum sollen wir es nicht tun? – Wir Menschen, die nicht von der Scholle leben, sind anders, und die Bauern sind anders als wir. Aber im Wunsch nach Freiheit treffen wir uns. Und können sogar voneinander lernen.  

Kommentare

Die Bauern sind nicht das Problem

von juerg.wyss
Es ist wie überall, man redet über die Bauern, dabei ist die Politik das Problem. Es gäbe eine einfache Lösung; die Subventionen für industrielle Landwirtschaft streichen. Denn es sind die Kleinbauern, die Subventionen brauchen, nicht die grossen. Ein Betrieb,  der sich vergrössern kann, braucht keine Subventionen. Subventionen dienen dem Überleben nicht dem Vergrössern. Oder sollten sie zumindest. In Deutschland könnte man die Obergrenze auf 200 hektaren Land beschränken. Damit wären die grössten Ausgaben von Subventionen gleich weg.  Oder man könnte nur Bauern Geld geben, die sich nicht vergrössern. Es gäbe soviel Möglichkeiten eine normale Politik zu machen, aber solange egoistische Typen in der Politik sind, wird das schwierig!

Ihr seid das Problem

von al dorper
Zum Zorn von uns Bauern haben auch die Bauernfeindlichen Medienkampagnen der vergangenen Jahrzehnte beigetragen. In denen viel Unsinn und Lügen verbreitet worden sind.