Leben im Narbenland

Die St. Michael-Kirche in Berlin wurde durch die Mauer geteilt. Auch dreissig Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer fanden die beiden Gemeindeteile nicht mehr zusammen.

St. Michael-Ost in Berlin Mitte, von Kreuzberg aus gesehen. (Foto: Vera Rüttimann)

Junge Leute skaten in Kreuzberg am ehemaligen Luisenstädtischen Kanal entlang, der einst die Spree mit dem Landwehrkanal verband und lange Jahre durch die Berliner Mauer geteilt war. Im Hintergrund zirpt aus einem Café lässiger Club-Sound. Die Skater schlendern zur gegenüberliegenden St. Michael-Kirche, auf deren kriegsgeschädigtem Gebäude der Erzengel Michael thront. Nur wenige wissen, dass sie vor einer Kirche stehen, die zwei einschneidende Schicksalsschläge hinnehmen musste und heute ein wichtiges Mahnmal für die einst geteilte Stadt Berlin ist.

Die zweitälteste katholische Gemeinde Berlins war einst eine blühende Gemeinde. Am 3. Februar 1945 jedoch wurde sie von Kriegsbomben schwer beschädigt. 1961 der zweite Schlag: Am 13. August riss der Bau der Berliner Mauer die Gemeinde mitten entzwei. Der Grossteil der Michaeliten in Kreuzberg war von der Mutterkirche abgeschnitten, nur wenige hundert von ihnen wohnten auf der anderen Seite, in Mitte.

Die Gemeinde, geschockt durch den Mauerbau, musste sich neu strukturieren. Gottesdienst feierte die Rumpfgemeinde in einem Querschiff der Michaelskirche, das vom Krieg unversehrt blieb. «Besonders intensiv waren stets die Momente, in denen den Gemeindegliedern gedacht wurden, die auf der anderen Seite der Mauer waren», sagt Thomas Motter, heute Vorsitzender des Fördervereins zur Erhaltung der Katholischen Kirche St. Michael, Berlin-Mitte e.V. Von seiner Wohnung aus sah er einst direkt auf die Mauer. So schrecklich sie war, man habe sich im Laufe der Zeit an sie gewöhnt.

Die Jahre der Teilung gingen ins Land. «Es hat nach 1961 nicht lange gedauert, da hat sich von drüben nicht mehr viel gerührt. Viele Kontakte schliefen allmählich ein», erinnert sich Thomas Motter. Viele Kontakte seien erst wieder intensiver geworden, als 1984 Reinhard Herbolte in Kreuzberg seine Arbeit als Gemeindereferent in der 1965 erbauten St. Michael-Kirche in Kreuzberg aufnahm. Nur zweihundert Meter Luftlinie entfernt von der Mutterkirche. Der Betonbau wurde notwendig, als eine längere Trennung absehbar war. «Keiner konnte sich damals jedoch vorstellen, dass die Teilung so lange dauern würde», sagt Rainer Herbolte. Drinnen in der Kirche zeigt er auf den Steinbogen über dem Altar, der 1988 symbolhaft nur halb fertig gestaltet wurde. Bestückt ist er mit Steinen der alten Michaelskirche.

Rainer Herbolte (rechts) vor der St. Michael-Kirche West in Kreuzberg. (Foto: Vera Rüttimann)

 

Als Reinhard Herbolte im neuen St. Michael in Kreuzberg ankam, hatten sich die beiden Gemeindeteile bereits komplett unterschiedlich entwickelt. Während sich in Kreuzberg im Schatten der graffitiübersäten Mauer im Laufe der Zeit ein buntes Gemisch an Leuten versammelte – darunter Punks, Wehrdienstverweigerer und Obdachlose –, denen sich die Michaeliten in Kreuzberg annahmen, lebten die Ost-Michaeliten auf DDR-Gebiet ein eher konservatives Gemeindeleben. Im Zentrum stand die Wahrung kirchlicher Traditionen, die es in einem kommunistischen Umfeld zu bewahren galt.

Als am 9. November 1989 die Berliner Mauer fiel, besuchte Thomas Motter Reinhard Herbolte im Pfarrhaus der neuen Michaelkirche in Kreuzberg. Es folgten gemeinsame Gottesdienste und Gemeindezusammenkünfte. Schnell kam die Frage auf: wieder vereinen oder getrennt bleiben? Die Antwort brauchte nicht lange, denn rasch zeigte sich: St. Michael-Ost und St. Michael-West hatten sich in den Jahren der Teilung und auch nach 1989 zu unterschiedlich entwickelt. Statt Fusionswünsche fand eine Entfremdung statt. Reinhard Herbolte sagt: «Irgendwann riss es uns auseinander.» Die offenen Wunden, sie sind nie ganz verheilt.

Im Jahr 2000 fusionierte St. Michael-Kreuzberg schliesslich mit St. Marien-Liebfrauen, einer anderen Gemeinde in Kreuzberg und St. Michael-Mitte drei Jahre später mit St. Hedwig, der ältesten katholischen Gemeinde Berlins. So leben die beiden Gemeinden heute in nachbarschaftlicher Koexistenz ihre je eigenen Leben. Ihre besondere Geschichte steht immer wieder am 13. August, dem Tag des Mauerbaus, sowie am 9. November, dem Tag, an dem sie Geschichte wurde, im Fokus der Weltöffentlichkeit.

Die Gemeinde St. Michael-Kreuzberg ist sich ihrer Identität bis heute treu geblieben. Die dort Engagierten konzentrieren sich weiterhin auf das Leben mit Randständigen. Rainer Herbolte sagt: «Das ist unser roter Faden.» Diese Kirche ist für ihn noch immer ein blühender, aber stacheliger Dornbusch inmitten des ehemaligen Mauerlandes.   

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